Olympiahalle München Roger Waters erneuert "The Wall"

Roger Waters zeigt die spektakuläre Show "The Wall" zum ersten Mal seit 1990 wieder in kompletter Länge. Foto: dpa

Mit großem Aufwand rechtfertigt und erneuert Roger Waters sein universelles Pink-Floyd-Epos „The Wall“.

 

München - Pink Floyds „The Wall“, das für die Rockgeschichte eine Bedeutung hat wie Orwells „1984“ für die Literatur und Picassos „Guernica“ für die Malerei 31 Jahre nach der Uraufführung nochmal auf die Bühne zu bringen, ist auch für den damaligen Kopf der Band nicht ohne Risiko. Roger Waters dabei auch monetäre Interessen zu unterstellen, ist sicher nicht falsch, aber vor allem will er wohl eines: Beweisen, dass sein größtes Werk zeitlos aktuell ist. Die Olympiahalle war komplett bestuhlt und mit 10500 Plätzen ausverkauft.

Das Publikum erlebte ein Sensations-Spektakel, eine Überwältigungs-Show. Und auch: einen sentimentalen Trip in Erinnerungen an ein Entfremdungs-Drama, das durch massiven Multimedia-Einsatz nicht unbedingt noch stärker geworden ist. Aber das sich neu in den Köpfen verankert.

Waters startet schon bei „In The Flesh 1“ mit einem Pyro-Feuerwerk, das andernorts ein Finale gekrönt hätte. Immer wieder der Boah-Effekt: Flugzeugabsturz, Hubschrauberangriff - Sound-Donner in geschickt und effektvoll eingesetzter Quadrophonie-Technik. Vieles davon war „damals“ eine Weltsensation, heute ist es noch perfekter und raffinierter: Der böse Lehrer kommt als Riesenmarionette und glüht uns mit roten Augen an, das legendäre fliegende Schwein macht Wodka-Werbung und schwebt mittlerweile völlig frei als dicker Zeppelin knapp über unseren Köpfen. Bei „Mother“ spielt und singt Waters synchron mit sich selbst von 1980. Und wenn es zitternd-klagend heißt „Mother, shout I trust the goverment?“ antwortet heute die Wall selbst in Riesenlettern: Auf keinen Fall!

Über allem schwebt die (bis auf die von David Gilmour) unvergleichliche Echo-Gitarre von Snowy White, während Waters gegen Konzerne, Staaten und überhaupt alles Mächtige zu Felde zieht, die Wand wird zur Klagemauer. Während des Aufbaus der großen Bühnenmauer hat die Show ihre stärkste Phase etwa ab „Back To The Wall“ über „Young Lust“ bis zu „Last Bricks In The Wall“. Auffällig ist, dass selbst Waters dem Publikum ein allzu langes Starren auf eine leere Wand nicht mehr zumuten will, ständig wird projiziert, Steine fliegen hin, Steine fliegen her, Klappe auf, Klappe zu. Das schwächt die Wand in ihrer Ursprungsidee, stärkt aber die Unterhaltung.

Nach der Pause erwartungsgemäß ganz große Schmalz-Sülze bei „Bring The Boys Back Home“, kein David Gilmour (als Supergast wie in London) bei „Comfortably Numb“, und absurd-zynisches Nazi-Spektakel mit „Run Like Hell“. Der Meister schien ein besonderes Vergnügen zu haben, das Münchner Publikum gerade mit der Faschisten-Persiflage aufzupeitschen. Schließlich fällt die Mauer, klar, und es ist, tatsächlich, befreiend.

Mit großem Aufwand gelingt es Waters, seine „Wall“ als universelles Epos der Rockgeschichte zu rechtfertigen und in Teilen sogar zu erneuern. Dass der Olympiapark vor Beginn der Show Werbung gemacht hatte für „Brit Floyd – die Tribute-Show“ (29.11., gleicher Ort) – das war gemein, oder?

 

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