Olympia Kulturrevolution im chinesischen Kreuzberg

"Wenn es jemals einen wirklichen Rock 'n'Roller gab, dann war es Mao." Zumindest heißt der angesagteste Klub der Stadt "Mao Livehouse". Foto: Kinast

Wo in der Millionen-Metropole Peking der subversive Punk abgeht – und warum die kommunistischen Parteichefs das schweigend dulden.

 

Von Florian Kinast

Bian Yuan ist noch rechtzeitig abgehauen. Vor einer Woche, raus aus der Stadt, weit weg aufs Land. Seinen Freunden sagte Bian, er wolle alleine im Wald spazieren gehen. Weil ihm das immer noch lieber sei, als in Peking zu bleiben. Weil die Welt der Olympischen Spiele mit all den Touristen, dem Kommerz und dem Milliardengeschäft, das ist nicht seine. Bians Welt ist die Rebellion, ist das Aufbegehren. Mit seiner Musik auf der Bühne. Bian, der Sänger der Band „Joyside“. Bian, ein Punk in Peking.

Bian, einer aus einer kleinen Szene in der 15-Millionen-Stadt. Jugendliche, die sich in ihren Clubs treffen, dem „D-22“, dem „Iz“, oder natürlich dem derzeit angesagtesten Schuppen der Stadt in der Golou East Street, dem „Mao Live“. Dem mit der großen roten Fahne vor der rostigen Tür, wo Li Chi, der Wirt des Ladens, sagt: „Wenn es jemals einen wirklich Rock’n’Roller gab, dann war es Mao.“ Klingt nach verklärter Ostalgie.

Schließlich war gerade unter Mao eine Subkultur undenkbar. In der gleichgeschalteten Einförmigkeit schien es leichter, den Jangtse von der Mündung bis zurück zur Quelle zu schwimmen als gegen den Strom der Gesellschaftsordnung. „Doch in den letzten Jahren entwickelte sich hier eine starke Underground-Szene“, sagt Susanne Messmer, „man hat das Gefühl, die Jugend muss das nachholen, was ihr lange verboten war.“ Messmer ist 37, mit ihrem Freund George Lindt kam sie vor vier Jahren aus Berlin nach Peking. Berlin war ihr zu langweilig geworden. Zu sehr Mainstream. In Peking fand sie eine Alternativ-Szene mit Rockern, Punks, Independent-Bands und richtig fertigen Lokalen. Wie einst im guten alten Kreuzberg.

Dann drehten die beiden ihren Film „Beijing Bubbles“, über Bands wie „Joyside“, über die neue Kulturrevolution in China. Über eine Jugend, die plötzlich Autoritäten anzweifelte, die Lust hatte am Schockieren. Die sich löste aus der hier in China traditionell so starken Familienbindung, die sich dem Idealbild des jungen Chinesen verweigerte. Denn das Idealbild in der Arbeiterrepublik ist in Wahrheit verdammt spießig. „Da muss man mit Mitte 20 ein Auto haben und eine Wohnung“, sagt Messmer, „und das erste Kind muss mindestens in Planung sein. Das ist wie Deutschland vor 1968.“ Pekings Punks sind Europas Achtundsechziger.

Freilich mit Unterschieden. Zwar stammen die Kinder auch hier meist aus besser situierten Familien und nicht aus der Arbeiterklasse, wo es nur darum geht, durch Fleiß und Gehorsam nach oben zu kommen. Auch hier geht es gegen die alten Werte, gegen die bürgerliche Moralvorstellung, geht es auch hier wie in den Texten der Mädchen-Combo „Hang on the Box“ um die sexuelle Befreiung. Aber niemals, wie damals in Europa gegen die Politik, gegen das Regime. „Das dürften sie sich nicht erlauben“, sagt Messmer. Sonst kommt der Zensor.

So bekam der Bluesrocker Shazi Probleme, weil er ein Lied sang über seine Depression und seine Leere, nachdem eine Freundin von ihm 1989 beim Aufstand am Platz des Himmlischen Friedens erschossen worden war. Jetzt darf Shazi das Lied nicht mehr singen, aber er sagt noch immer ganz offen, dass das Massaker am Tian'anmen der Auslöser dafür war, dass Misstrauen gegenüber den Autoritäten entstand, dem Staat, den Eltern, den Lehrern. Zumindest bei einem kleinen Teil von Pekings Jugend.

Die meisten Jugendlichen freilich sind in Peking nicht anders als im Rest der Welt. Hören das, was die Masse hört, hier vor allem den Mando-Pop rauf und runter, Lieder in Mandarin, seichte Songs von braven Interpreten mit ordentlichen Frisuren, sauber, adrett, weit weg vom Verruchten. Sie schauen, was sie überall schauen, wie eine Casting-Show, wo junge Mädchen singen und dann von einem chinesischen Dieter Bohlen beschimpft oder gelobt werden. CSDS. China sucht das Super-Girl. Eine Show, der 400 Millionen Chinesen zuschauen, eine Show, die von Zhongde Liu, einem ranghohen KP-Granden, einmal als „Gift für die Jugend“ getadelt wurde.

Gegen die Punks von Peking hat er nie was gesagt. Wohl auch im Wissen, wenn er gegen die schimpft, dann bekommen sie noch mehr Zulauf. So dürfen sie weiter aufbegehren in ihren kleinen Clubs und Bars, und keinen stört’s. Solange es nicht politisch wird.

Anders als etwa in London und New York in den Siebzigern, wo Punks medial gefeiert und gefürchtet wurden, verehrt und verachtet, als sie im Fernsehen und in Zeitungen ein großes Thema waren, gibt es hier keine Berichte über Pekings kleine Sub-Szene. Sie wird ignoriert. Aber das ist wohl auch ganz gut. So droht ihr kein Ausverkauf. So können sie weiter bleiben in ihrem Mikrokosmos. Im Reich der Mitte, weit im Abseits.

Ende nächster Woche kehrt Bian Yuan wieder heim nach Peking. Am 23. August spielt er mit seiner Band, und ab dem Tag darauf, wenn die Olympische Hymne das letzte Mal erklingt, können sie es wieder richtig krachen lassen: Dann gilt auch nicht mehr die Olympia-Sperrstunde. Die besagt, dass während der Spiele alle Clubs schon um 2 Uhr dicht machen müssen. „Ein Skandal“, wetterte auch das Veranstaltungsmagazin „City Weekend“ und verwies darauf, dass in manchen Clubs wie etwa dem „White Rabbit“ jede Nacht erst um 3 Uhr früh die Party beginnt.

Bald dürfen sie aufhaben, so lange sie wollen. Dann geht in Peking wieder der Punk ab.

 

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