Olympia Gold-Lena klagt an: „Sie behandeln uns wie Schweine!“

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WHISTLER - Menschenunwürdige Behandlung im Zielraum? Olympiasiegerin Neuner schimpft: „Da wird Gewalt angewendet“

 

Die Halbzeitbilanz des obersten Olympioniken war euphorisch ausgefallen. „Erstklassiger Sport, ein tolles Publikum, Party überall in der Stadt und sehr hohe Einschaltquoten im Fernsehen“, hatte IOC-Boss Jacques Rogge gesagt. Nun jedoch haben die Spiele von Vancouver ihren ersten Skandal. Ausgerechnet Magdalena Neuner, das Golden Girl des Biathlons, klagt an – und zwar den katastrophalen Umgang der offiziellen Helfer, der so genannten „Blaubärjacken“, mit den Sportlern.

„Man wird von denen nach dem Zieleinlauf noch schlimmer behandelt als Schweine, die zur Schlachtbank gehen“, erklärte Neuner nach ihrem Triumph über 12,5 Kilometer abends im Deutschen Haus. Der 23-Jährigen ist klar, dass eine Doppel-Olympiasiegerin Interviews, Autogrammwünsche und Fanfotos über sich ergehen lassen muss. Aber eine derartige Behandlung? „Da wird richtig an einem gezerrt und Gewalt angewendet. Das verdirbt einem so richtig die Laune“, schimpfte Neuner, „sobald du ins Ziel kommst, sind gleich vier oder fünf Leute um dich herum, die an dir herumzerren und die auf dich einreden. Das finde ich unmöglich. Man wird gleich angeschrien. Es fällt ein bischen schwer, sich zu freuen, wenn man gleich links und rechts am Arm gezogen wird.“

Ein Einzelfall? Und dann ist ausgerechnet die sympathische Wallgauerin betroffen? Oder ist Magdalena Neuner etwa zu empfindlich? Mitnichten! Auch ein Schrank von einem Mann, einer wie Bob-Olympiasieger André Lange, fühlt sich von den rüden Helfern belästigt. „Ich kann Magda zu 100 Prozent verstehen. Man hat den Helm noch nicht ab, und schon geht das ganze Gezerre los. Das kann nicht sein“, sagte er.

Auch Neuners Teamkollegin Simone Hauswald, Bronze-Gewinnerin am Sonntag, berichtete von bitteren Erfahrungen mit den Blaubärjacken. Deren Aufgabe ist es, sich nach dem Zieleinlauf um das Material zu kümmern, darauf zu achten, dass die Athleten nicht sofort die Kleidung wechseln und sie zur Dopingkontrolle zu führen. „Bei der Dopingkontrolle lesen sie einem erst einmal einen Mega-Zettel vor, da hat man das Gefühl, die würden mit der Wand reden“, sagte jedoch Hauswald. Und drastischer: „Man wird hier nicht mehr als Mensch behandelt.“

Und das sogar, wenn man soeben Olympiasiegerin geworden ist. „Man kann den Moment, in dem man gewinnt, überhaupt nicht genießen“, so Neuner, „ich finde es unmöglich, dass sie keinen Respekt vor den Sportlern haben.“

Vielleicht will sich Neuner mit ihrem Staffelverzicht (siehe unten) ein weiteres unwürdiges Zielraum-Spektakel ersparen. Denn am liebsten würde sie so feiern: „Gleich nach der Siegerehrung mit meinen Eltern und meinen engsten Freunden in a gscheide Boazn und es richtig krachen lassen." Einfach Mensch sein. Ohne Blaubären.

Florian Kinast

 

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