Oktoberfest Der Weg zur Mittags-Wiesn mit Musik

Ein Mann, der die Wiesn liebt: Hermann Memmel. Er sammelt sogar die Anzapf-Schlegel vom traditionellen Anstich am ersten Samstag des Oktoberfests. Foto: Katharina Alt
 

Früher war es tagsüber noch ziemlich still in den Zelten. Dann kämpften ein Stadtrat und ein mutiger Wirt für die Mittagswiesn

München - Die Luft ist diesig und schwer, die Musik laut, der Nachbar grölt, und die Bretter zittern vom Hüpfen der Feiernden. Für viele ist das ein wahres Fest, die rauschende Party, die abends in den Wiesn-Zelten tobt. Anderen ist das zuwider.

Gerade die Münchner und vor allem Senioren lieben die Mittagswiesn. Schließlich gibt's auch dort eine deftige Brotzeit, kühles Festbier und Volksfest-Stimmung. Früher war das aber noch anders. Da war es mittags auf der Wiesn vor allem: recht still.

„Die echte Wiesn-Stimmung fehlt mittags einfach“, sagt SPD-Stadtrat Hermann Memmel im Jahr 1973. Der Truderinger ist kurz zuvor Wiesn-Stadtrat geworden und will gleich etwas bewegen. Da fällt ihm die Mittagsstille am Oktoberfest auf. Die Stimmung fehlt, weil keine Musi spielt, denkt er sich und fordert noch während der Wiesn: „Die Kapellen sollen früher spielen!“

Er stellt einen Antrag – und bringt ihn durch. Wenn auch eher deshalb, weil sich die Stadt dadurch weniger Trubel auf der abendlichen Wiesn erhofft: „Um die Nachfrage nach Plätzen zeitlich etwas zu entflechten, soll den Festwirten freigestellt werden, die Musik bereits am Mittag spielen zu lassen“, heißt es in der Stellungnahme des Oberbürgermeisters Georg Kronawitter. Beim Oktoberfest 1974 soll es losgehen mit der musikalischen Mittagswiesn.

Doch die Wirte wollen nicht. „Die Erfahrung lehrt, dass das Publikum, auch das auswärtige, nicht zu früh auf die Wiesn kommt“, sagt Festwirt Hans Schottenhamel. Es drohe das Risiko, dass die Kapellen „in der leeren Halle“ musizieren müssen. Dafür wollten die Wirte kein Geld ausgeben. Und das lange Spielen sei für die Musiker zu anstrengend.

Die Jahre vergehen klanglos, zumindest zur Mittagswiesn. Bis 1980 das Wirtspaar Hermann und Anneliese Haberl vom Sportschützenzelt in die Ochsenbraterei wechselt. Memmel will es nochmal anpacken. Er redet mit Haberl und ringt ihm schließlich einen Handschlag ab. Damit brockt sich Haberl erst mal gewaltigen Ärger ein.

„Die gstandenen Bierbarone haben Widerstand geleistet“, erzählt Memmel. Als Haberls Vorstoß die Runde macht, werden seine Kollegen grantig. Sie wollen keine Mittagsmusik und drohen Haberl damit, ihn aus dem Verein der Wiesn-Wirte rauszuschmeißen und vom traditionellen Wiesn-Einzug zu verbannen.

Aber Hermann Haberl steht zu seinem Wort und sucht eine Band. Als er auf der Festwiese neben der Krinoline steht, dem gemächlichen Karussell mit Blasmusik, kommt ihm die Idee: Eine Blosn soll es sein. Gemütlich, urig und nicht zu laut. Er engagiert eine Blaskapelle, eine „Rentnerband“, wie er sagt, und lässt sie ab Mittag in der Ochsenbraterei aufspielen.

Da ziehen die anderen Wirte nach. „In der zweiten Woche hatte dann jeder schon ab Mittag Musik.“ Die musikalische Mittagswiesn war geboren. „Dann hat sich niemand mehr beschwert“, sagt Memmel. „Der Wettbewerb um die Mittagswiesn begann, zum Beispiel wurden die Hendl mittags günstiger.“

Auch eine neue Reservierungsregel hatte Memmel damals durchgesetzt. Erst heuer wurde diese von Wirtschaftsreferent und OB-Kandidat Dieter Reiter (SPD) verschärft.

Das blieben freilich nicht Memmels einzige Verdienste um das Oktoberfest: Er dirigierte etwa den Aufstand gegen die Trinkgeldsteuer, setzte eine Wiesn-Verlängerung bei günstig gelegenem Feiertag durch und gab den Anstoß zur Vermarktung der Wiesn als geschütztes Original, was der Stadt seither üppige Lizenzgebühren in die Kasse spült. Hermann Memmel ist noch heute ein mächtiger Wiesn-Mann mit zahlreichen Posten. Heuer durfte er zum Wiesn-Beginn sogar selbst anzapfen: im Festzelt Tradition auf der Oidn Wiesn. Danach hat eine Kapelle aufgespielt. Natürlich mittags.

 

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