Oktoberfest 2013 Betrunkene, Müll, Gewalt: Die dunkle Seite der Wiesn

Das Oktoberfest hat auch seine Schattenseiten. Urin und Erbrochenes, Diebstahl und Gewalt: Wir haben uns die dunkle Seite der Wiesn angeschaut... Foto: Tim Wessling

Die Massen lassen sich kontrollieren – was das Oktoberfest für viele zur Hölle macht, ist das Fehlverhalten Einzelner. Ein Streifzug durchs nächtliche München, wie es stinkt und putzt.

 

München - Drei Uhr nachts auf der Theresienwiese. Stille. An der Fischer Vroni torkeln drei Italiener mit einer 15-Liter Flasche Schampus vorbei. Der Mann vom Nacht-Sicherheitsdienst zündet sich eine Zigarette an. In den Zelten brennt noch Licht. Drinnen putzen Angestellte die Hallen für den nächsten Tag. Es hat etwas Meditatives — sofern man sich die Nase zuhält.

Denn die Horde ist weiter gezogen und hinterlässt Berge von Müll, Erbrochenes und andere Körperflüssigkeiten. Es stinkt. Und das, obwohl eine ordentliche Brise durch die Gassen fegt. Die Walze, die dieses Chaos hinterlassen hat, liegt nun in ihren Betten, in fremden Vorgärten oder feiert immer noch in den zahlreichen After-Wiesn-Clubs der Stadt. Abertausende waren es alleine wieder an diesem Wiesn-Samstag.

Und wenn die Zelte schließen, rollt die Walze los. Ihre erste Hinterlassenschaft: schnaufende Bedienungen, die von 400 ausgeteilten Maß-Krügen 50 nur noch in Scherbenform vom Boden kratzen. Trotzdem: „Ruhig war’s. Sehr entspannt“, berichtet Elena. Sie kellnert im Löwenbräu und ist schon Schlimmeres gewöhnt. Jetzt wischt sie die Tische ab, wechselt nach jeder Biertischgarnitur das Wasser in ihrem Eimer. „Morgen früh putzen wir noch mal“, erzählt sie. Die 26-Jährige kann eigentlich nichts mehr schocken.

Dort, wo der Strom offiziell entlang fließt, fluppt es — mal abgesehen von der üblichen Blechlawine auf der Schwanthalerstraßer: Taxis, Reisebusse, Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht. Hier steht und hupt es noch Stunden nach Schankschluss. Die Einzigen, die sich noch durch den engen Verkehr schlängeln können, sind die Rikscha-Fahrer. Florian Prestele ist einer von ihnen — und es ist seine Premiere. „Ich bin noch nie nachts zur Wiesn gefahren“, sagt er. Überhaupt sei er neu im Geschäft, wurde gelockt von den guten Umsatz-Aussichten. Hin und wieder gebe es aber Gerüchte über Abzockereien. „Es muss schon sauber über die Bühne gehen“, sagt er. So betrunken der ein oder andere Fahrgast auch sei, Geld müsse man denen nicht aus der Tasche ziehen. „Die geben schon von allein genügend Trinkgeld“, sagt der 40-Jährige. Derzeit sind auch viele Rikschas aus Berlin in München, die das große Geschäft zum Oktoberfest wittern.

An der Hackerbrücke jedenfalls läuft es flüssig. Dort ist die Bundespolizei mit einem Lautsprecherwagen im Einsatz, der nicht nur die Heimfahrer mit Ansagen lenkt, sondern auch Musik spielt. Am DJ-Pult: Polizei-Hauptmeister Macicek. Er erklärt: „Wer tanzt, schlägt nicht“, und legt einen Karneval-Song auf, als Dankeschön. Zwei Gäste aus Düsseldorf haben dem Polizei-DJ nämlich gerade eine Trophäe überreicht. In der Gravur steht: „Bester mobiler Wiesn DJ“ und „Düsseldorf sagt Danke“. Macicek ist immer noch irritiert, freut sich aber sichtlich. Das sei ihm in den vier Jahren, in denen er mit dem Polizei-Bus hier steht, noch nicht passiert.

Keine 100 Meter davon entfernt sieht es anders aus. In die Grasserstraße haben sich drei Wiesn-Besucher verirrt. Ein Mitdreißiger kämpft mit seinem Hosenlatz, ein junges Mädchen im rosa Dirndl schreit „Du hättest mich beschützen müssen!“ in ihr Handy und ein älterer Herr starrt seit Minuten in sein Smartphone und hat offensichtlich Probleme, das Gleichgewicht zu halten. Die Beamten sichern die Hackerbrücke, stehen Spalier für das Gros der Gäste. Die drei verlorenen Seelen in der Seitenstraße bemerkt niemand.

Sie sind die Übriggebliebenen, die Verirrten. Abseits des gut beleuchteten Stroms finden sie Ruhe, aber keine Hilfe. Auch wenn viele von ihnen das bitter nötig hätten.

Während der Partystrom Richtung City zur After-Wiesn zieht, wanken andere durch die Schwanthalerstraße Richtung Westen, pinkeln an Häuserwände, suchen sich einen mehr oder weniger sichtgeschützten Platz in Einfahrten oder zwischen geparkten Autos, um ein großes Geschäft zu verrichten. Oder sie singen sich stundenlang die Stimmbänder heiser. Die Nachbarn freut das wenig. Viele folgen Anwohnern gar in den Schörghuber-Komplex auf der Theresienhöhe, schlängeln sich durch die Haustür, bevor sie ins Schloss fällt, liegen dann in den Fluren übereinander oder in der Tiefgarage zwischen den Autos oder auch mal mitten auf der Fahrbahn — müssen dann von Anwohnern beiseite gerollt werden. So geht das jeden Abend.

Dort, wo die Massen sind, herrscht zwar Chaos, aber das lässt sich kalkulieren und steuern. Die Polizei und andere Sicherheitskräfte verfolgen ein gut durchdachtes Konzept. Die Beamten stehen an Bahngängen, leiten die Heimkehrer-Welle und schießen auch mal das ein oder andere Erinnerungsfoto für amerikanische Touristen.

Polizeiobermeister Spieler von der Bundespolizei ist am Hauptbahnhof im Einsatz. Die letzte Stunde war hart für ihn. „Ich bin nur gerannt“, sagt er. „Schlägereien überall“. Jetzt ist es Mitternacht und ein wenig ruhiger geworden. Zeit zum Durchatmen bleibt aber nur kurz: „Um vier Uhr morgens wird es in der Regel noch mal ein bisschen hektischer.“ Dann presst der Polizist aber doch ein Lächeln über die Lippen. „Man muss das schon mögen“, sagt er. Genervt ist er manchmal, klar — aber das sei absehbar. Während er das sagt, schaut sein Partner Ralf Schiller in die entgegengesetzte Richtung, um seinen Rücken zu sichern. Auch heute sind die Ausnüchterungszellen der Wache am Hauptbahnhof wieder gut gefüllt. Wiesn- Routine.

Doch die Helfer können nicht überall hinsehen. „Schläfer“ nennen die Beamten die unzähligen Übernachtungsgäste am Hauptbahnhof, die Züge verpasst, kein Hotelzimmer mehr bekommen oder sich schlicht verirrt haben. Um ihren Rausch auszuschlafen, suchen sie sich oft Bänke am hintersten Ende des Bahnsteigs. Wer sie nicht rechtzeitig findet, riskiert, dass sie auf die Gleise fallen und womöglich überrollt werden. Die Schicht von Spieler und Schiller geht bis 7 Uhr morgens. Dann werden sie abgelöst. Zwölf Stunden am Stück sind sie normalerweise im Einsatz.

Ein wenig später am Lenbach Palais. Norbert Schmitz steht tiefenentspannt an der Tür des Edel-Clubs Rilano No.6. Manche Gäste winkt er direkt durch, andere schickt er an der Abendkasse vorbei. Eine lockere Nummer für den Türsteher, der schon mehr als 30 Jahre im Münchner Nachtleben unterwegs ist. „Die exzessive Feierei nach der Wiesn kam erst in den letzten acht Jahren auf“, erzählt er. Und: „Das Oktoberfest ist Ausnahmezustand.“ Vor allem größere Gruppen von Männern bereiten hin und wieder Probleme. „Da muss man reden“, sagt er. „Viel reden.“
Doch Konversation hilft bei dem Gast, der gerade an die Fassade des Clubs pinkelt, nicht mehr viel. Er wird ruppig auf die andere Straßenseite verfrachtet. Auch das ist Wiesn-Alltag für Securities.
Zurück auf der Wiesn. Während um drei Uhr in den Clubs auf der Sonnenstraße und am Maxplatz die Nachtschwärmer um Taxis buhlen, trinken Securities ihr Feierabend-Bier. Unter der Bavaria lehnt noch ein junger Mann sitzend an einem Baum. Er schläft. Niemand bemerkt ihn.

 

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