Österreich wählt neuen Bundespräsidenten Der Alpen-Kretschmann will in die Wiener Hofburg einziehen

Autorenprofil Stephan Kabosch
Er kommt seinem Ziel schon mal sehr nahe: Alexander Van der Bellen (Mitte) mit Unterstützern vor der Hofburg in Wien. Foto: Christian Bruna/dpa

Österreich wählt am Sonntag ein neues Staatsoberhaupt. Es gilt als sicher, dass die Volksparteien SPÖ und ÖVP ihre Kandidaten nicht durchbringen werden. Bessere Chancen hat ein Grüner.

 

Wien - Es ist so etwas wie ein politisches Naturgesetz in der mehr als 70-jährigen Geschichte der Zweiten Republik: Wenn Österreich (anders als Deutschland) in einer Volkswahl alle sechs Jahre einen Bundespräsidenten wählt, zieht praktisch immer ein Kandidat einer der Großparteien SPÖ oder ÖVP in die Wiener Hofburg ein. Nur einmal war das richtig aufregend – 1986, als die NS-Vergangenheit des bürgerlichen Kandidaten Kurt Waldheim das Land spaltete. Ansonsten hielt sich die Spannung zumeist in Grenzen. Politische Routine.

Diesmal ist vieles anders. Gleich fünf Bewerber und eine Bewerberin sind ins Rennen um das höchste Amt im Staat gegangen. Die Umfragen verheißen nichts Gutes für die beiden Regierungsparteien, für Rudolf Hundstorfer von der SPÖ und den ÖVP-Kandidaten Andreas Khol. Unmittelbar vor der Wahl liegt Hundstorfer bei 15 Prozent der Stimmen, Khol bei elf. Für beide wird ziemlich sicher schon vor der Stichwahl am 22. Mai Schluss sein.

 

"SPÖ und ÖVP haben die Falschen nominiert"

Hundstorfer (64) ist ein Funktionär und Politiker alter Schule, war bis vor kurzem Sozialminister. Khol (74) stand viele Jahre lang dem Nationalrat als Präsident vor, sitzt seit Jahrzehnten an den Schalthebeln der Macht. Charisma sieht anders aus.

Das bestätigt auch der österreichische Politik-Analyst Peter Plaikner im AZ-Gespräch. Die sich abzeichnende Schlappe der Regierungsparteien hänge auch mit der „Nominierung der falschen Kandidaten“ zusammen: „Hundstorfer taugt als gewerkschaftlicher Apparatschik durchaus zum Sozialminister. Doch das entspricht ebenso wenig dem Jobprofil eines Bundespräsidenten wie das Vorleben von Andreas Khol. Seine Biografie als intellektueller Scharfmacher und Rechtsausleger der Bürgerlichen empfiehlt ihn kaum für die Rolle als integratives Staatsoberhaupt“, sagt Plaikner.

 

Van der Bellen erinnert an Winfried Kretschmann


„Jobprofil Bundespräsident“ – das scheint da schon viel eher auf Alexander Van der Bellen zuzutreffen, der seit Monaten die Umfragen anführt und aktuell bei 25 Prozent liegt. Der 72-Jährige wird von den Grünen unterstützt, war lange Zeit deren Bundessprecher. Für Aufsehen sorgte er mit der Ankündigung, dass er als Bundespräsident einen FPÖ-Kanzler nicht vereidigen würde. Van der Bellen gilt als authentisch und intelligent, unaufgeregt und wertkonservativ – und erinnert an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

 

Das „freundliche Gesicht“ der FPÖ und eine Frau in Grau

Was den Erfolg des Wirtschaftsprofessors ausmacht? „Van der Bellen widersetzt sich erfolgreich vermeintlichen Medien-Gesetzmäßigkeiten. Er ist ein nachdenklicher Fragenbeantworter, kein Botschaftensetzer“, analysiert Plaikner. Gerade in der aktuellen Vertrauenskrise sei seine Glaubwürdigkeit besonders wichtig. „Van der Bellen wirkt weit über das grüne Wählerpotenzial hinaus – sowohl nach links als auch nach rechts.“

Rechts, da befindet sich vor allem auch Norbert Hofer, der Kandidat der FPÖ. Er liegt in der aktuellen Umfrage nur noch einen Prozentpunkt hinter Van der Bellen. Der 45-Jährige gilt als das „freundliche Gesicht der FPÖ“. Markige Sprüche hört man von ihm selten. Im Ton mag er zwar einnehmend sein, in der Sache jedoch ist Hofer meist unnachgiebig. Er gilt als ein Chefideologe der Freiheitlichen. Hofer profitiert von einer tiefsitzenden Frustration über die Große Koalition. Daran vermag auch die rot-schwarze restriktive Flüchtlingspolitik nichts zu ändern. Tatsächlich liegt die FPÖ in Umfragen zur bevorzugten Partei mit landesweit 32 Prozent klar vor SPÖ und ÖVP.

 

Irmgard Griss: Top-Juristin als Anti-Politikerin

Dass nicht zwangsläufig Van der Bellen und Hofer in die Stichwahl einziehen werden, liegt an Irmgard Griss. Die frühere Höchstrichterin mischt als unabhängige Kandidatin aussichtsreich mit im Rennen um die Präsidentschaft, liegt in den Umfragen bei 22 Prozent. Das mag überraschen, erklärt sich aber mit der Sehnsucht vieler Wähler nach etwas Neuem, nach einer Anti-Politikerin. Griss wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als sie den Untersuchungsausschuss zur Milliarden-Pleite der Hypo-Alpe-Adria-Bank leitete. „Die Frau in Grau“, titelte das Magazin „News“. Dass Irmgard Griss mitunter als unnahbar und spröde wahrgenommen wird, schadet ihrer stetig wachsenden Popularität jedoch kaum. Bei den Wählerinnen liegt sie „jetzt ganz knapp vor Van der Bellen“, weiß die Meinungsforscherin Karin Cvrtila.

Spröde oder gar unnahbar - das sind Eigenschaften, die auf Richard „Mörtel“ Lugner am allerwenigsten zutreffen. Der „Opernball-Tiger“ hat erst auf den letzten Drücker die notwendigen 6000 Unterschriften für die Kandidatur zusammengebracht. Dabei hatte es der 82-Jährige sogar nötig, Gratis-Kinokarten für eine Unterstützung anzubieten – und somit eine skurrile Verfassungsdebatte um einen möglichen Stimmenkauf ausgelöst. Österreichs berühmtester Baumeister liegt in den Umfragen bei gerade einmal drei Prozent. Lugner hat keine Chance auf die Hofburg – dafür aber perfekte Werbung für sich und seine Shopping City vor den Toren Wiens.

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Es sieht also ganz danach aus, dass Alexander Van der Bellen, Norbert Hofer und Irmgard Griss am Sonntag um die beiden Plätze für die Stichwahl kämpfen. Und dann? Für den Politik-Analysten Plaikner wäre es eine Sensation, wenn der FPÖ-Mann eine Stichwahl gewänne. „Gegen die bürgerlich-liberale Griss hätte er wohl keine Chance, und auch Van der Bellen sammelt dann nicht nur die gesamte Linke, sondern strahlt mindestens so stark ins Bürgertum wie Hofer selbst.“

Gut möglich also, dass am 8. Juli einer von beiden in die Hofburg einzieht: Alexander Van der Bellen, der Alpen-Kretschmann, oder Irmgard Griss, die erste Frau an der Spitze seit Kaiserin Maria Theresia.


Die Kandidaten im Kurzporträt

Alexander Van der Bellen: der rauchende Professor
Der von den Grünen unterstützte Unabhängige wurde am 18. Januar 1944 in Wien geboren. Van der Bellen wuchs im Tiroler Kaunertal auf, studierte in Innsbruck Volkswirtschaftslehre, wurde Professor. Seine politische Heimat war zunächst die SPÖ, nach einem Wechsel zu den Grünen war Van der Bellen von 1997 bis 2008 deren Bundessprecher. Er ist passionierter Raucher. Im vergangenen Jahr ließ er sich von seiner ersten Frau, mit der er zwei Söhne hat, scheiden und heiratete die Geschäftsführerin im Grünen Klub.

Norbert Hofer: Der Blaue, der selten poltert
Der Kandidat der FPÖ wurde am 2. März 1971 in Vorau (Bundesland Steiermark) geboren. Norbert Hofer ist gelernter Flugzeugtechniker. Innerhalb von 20 Jahren stieg er in der Partei bis zum Dritten Nationalratspräsidenten auf. Hofer gilt als der „nette Blaue“ (die FPÖ-Parteifarbe, Anm.), weil er weniger poltert als viele seiner Parteikollegen. Trotzdem zeichnet er für das als ausländerfeindlich geltende Parteiprogramm verantwortlich. Seit einem Unfall beim Paragleiten ist der vierfache Familienvater leicht gehbehindert.

Irmgard Griss: Die laufende Juristin
Die parteiunhabhängige Kandidatin wurde am 13. Oktober 1946 in Deutschlandsberg (Steiermark) geboren. Eigentlich wollte die Bauerntochter Lehrerin werden, entschied sich dann aber für ein Jura-Studium. Die unter anderem in Harvard ausgebildete Griss begann als Rechtsanwältin und arbeitete sich schließlich von der Handelsrichterin bis zur Präsidentin des Obersten Gerichtshofs in Wien beharrlich hoch. Die passionierte Joggerin ist mit einem Rechtsanwalt verheiratet und Mutter zweier Söhne.

Rudolf Hundstorfer, der rote Funktionär
Der SPÖ-Kandidat wurde am 19. September 1951 in Wien geboren. Rudolf Hundstorfer legte nach seiner Ausbildung zum Bürokaufmann eine klassische rote Karriere hin: Verwaltungsbeamter im Wiener Rathaus, Standesvertreter, Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB). 1990 zog Hundstorfer für die SPÖ in den Wiener Gemeinderat ein, 2008 holte ihn Kanzler Werner Faymann als Sozialminister in die Bundesregierung. Hundstorfer ist in dritter Ehe verheiratet und Vater einer Tochter.

Andreas Khol, Nazan Eckes' Schwiegervater
Der ÖVP-Kandidat wurde am 14. Juli 1941 auf Rügen geboren, wohin es die Familie in der Zwischenkriegszeit verschlagen hatte. Andreas Khol wuchs in Süd- und Nordtirol auf, habilitierte sich nach dem Jura-Studium zum Professor für Verfassungsrecht. Für die ÖVP saß er von 1983 bis 2006 im Parlament, lange Zeit als Klubobmann (Fraktionschef), übernahm danach den Seniorenbund seiner Partei. Der leidenschaftliche Südtirol-Politiker ist Vater von sechs Kindern – und Schwiegervater der Moderatorin Nazan Eckes.

Richard Lugner, der Kandidat der Society
Der unabhängige Kandidat spricht von sich selbst als „Kasperl“ des Wahlkampfs. Richard Lugner wurde am 11. Oktober 1932 in Wien geboren. Der Ingenieur legte mit einer kleinen Firma, die auf Renovierungsarbeiten spezialisiert war, den Grundstein für seinen beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg. 1998 kandidierte Lugner schon einmal für das Amt des Bundespräsidenten und kam dabei immerhin auf knapp zehn Prozent. Der „Mister Opernball“ ist in fünfter Ehe mit der 26-jährigen Cathy verheiratet und hat vier Kinder.

 

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