Östereich Umsingelt

Der erste Abend. Die Annedore aus Linz schweigt. Zupft ernst an ihrer Serviette. Die Silvia aus Leipzig mustert dezent ihre Tischnachbarn. Was soll sie schon erzählen? Der Hans aus München klammert sich tapfer ans Weinglas. Immerhin: Er lächelt. Zum Glück gibt’s den Schorschi, einen Wiener mit Schmäh. Der 42-Jährige ist in der Gastronomie tätig und spielt den perfekten Eisbrecher aus purer Gewohnheit: „Woraus besteht heutzutage eine Normalfamilie? Aus einem Single und einem Labrador.“

 

Haha! Der nette Ober bringt alkoholische Getränke. Und siehe da: Die Annedore lebt. Nur mit dem Duzen tut sie sich noch ein bisserl schwer. Ja, aller Anfang ist schwer. Doch das Aviva-Hotel im oberösterreichischen St. Stefan am Walde ist dafür gemacht, schnell und locker Kontakte zu knüpfen. Das Aviva ist nämlich eine Solo- Herberge, nach eigenen Angaben das erste Singlehotel in Europa. Ziel, so heißt es, sei nicht, die Gäste zu verkuppeln. Alles kann, nichts muss. „Auch Jesus und Buddha waren Singles. Wie alle Wohltäter der Menschheit“, juxt der Schorschi. Deshalb heiße es ja auch „Familien-Bande“. Kapiert? Ganz schön doppeldeutig, oder? Haha! Mensch, sind wir gut drauf! An der Rezeption hängt die Ankündigung für einen Selbsterfahrungsvortrag: „Glück ist machbar.“ Kommt Zeit, kommt Rat. Ein Fremder ist ein Freund, den wir noch nicht kennen: Das ist das Aviva-Motto, das sich Besitzer Werner Pürmeyer ausgedacht hat. Der Erfolg gibt ihm recht: Zwischen Juni und Oktober ist das 100-Zimmer- Haus mit den 1,60 Meter breiten Einzelbetten proppenvoll, längst gibt es viele Stammgäste, und zumindest an den verlängerten Wochenenden ist das Hotel so gut wie ausgebucht.

Die Jahresauslastung liegt bei 80 Prozent. Kein Wunder: Es gibt über 15 Millionen Singles im deutschsprachigen Raum. Allein in Bayern gibt es rund 6,1 Millionen Einpersonenhaushalte. Fast 15 Prozent der 48 Millionen deutscher Urlauber sind solo unterwegs. Single-Reisen sind in. Rose Travel Consulting etwa bietet ein Deluxe-Special für Alleinreisende nach Mauritius. Auch Robinson und andere Veranstalter sprechen ihre zahlungskräftige Single-Zielgruppe immer öfter an. Andernorts haben es Alleinreisende oft nicht leicht. Abends sitzen sie am kleinsten Tisch und müssen obendrein Einzelzimmerzuschlag zahlen. „Single ist kein Einzelfall“, kräht der Schorschi. Der Frauenanteil im Hotel Aviva liegt bei rund 65 Prozent, das Alter der Gäste im Schnitt zwischen 30 und 45 Jahren. Das Wellness- und Beauty-Angebot lockt vor allem die Damen. Wie Gitta Saxx, das Playmate des Jahrhunderts. „Mir ist im Aviva eine gute Mischung aus Erholung, Wellness, Sport und Party wichtig“, sagt das Dschungelcamp-Luder, das mittlerweile prima zur Endstufen- Altersgruppe passt. Auch wenn sie nach dem Kurzurlaub eine Erfahrung wie viele andere nach Hause mitnimmt: „Es war toll, aber den Partner fürs Leben habe ich hier nicht gefunden.“ Annedore sitzt in der Sauna. Sie hat sich eine Harfenklangmassage gegönnt und deutet einen Gruß an. Am Abend trifft man sich beim Dinner. Der Schorschi fehlt. Pech. „Guten Appetit“, sagt da die Annedore. Immerhin.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading