OB im direkten Dialog Bürgersprechstunde: Reiter im Realitäts-Check

Turnhallen-Talk: Oberbürgermeister Dieter Reiter im Gespräch mit Ramersdorfern. Foto: Petra Schramek

Der OB wird bei der Sprechstunde freundlich empfangen, ihre Sorgen tragen die Bürger aber deutlich vor: Oberstes Thema ist der Verkehr.

Ramersdorf -  Gleich die erste Wortmeldung wird mit Applaus belohnt: Bitte kümmert’s euch um einen Radweg an der Rosenheimer Straße! Und dann folgen gleich noch drei weitere Appelle, alle beziehen sich auf den Verkehr. Auch wenn "die Kinder doch wichtiger sind", wie eine Bürgerin Dieter Reiter gegen Ende noch erinnern will – zahlenmäßig sind die Verkehrssorgen der Ramersdorfer und Perlacher mit Abstand an der Spitze der Problem-Themen. Das reicht von Rasern auf Zufahrtsstraßen über Busse, die im Stau stecken bleiben bis hin zum Parkplatzmangel.

Seit 2014 lädt Dieter Reiter zu seinen Bürger-Sprechstunden ein. Er hat damit eine Tradition von Nachkriegs-OB Thomas Wimmer aufgegriffen, will direkt von den Münchnern lernen, was die Sorgen in der Stadt sind. Bisher hatte der OB stets ein Heimspiel, lud die Bürger zu sich ins Rathaus ein. Jetzt wagt er sich nach draußen – und zum Auftakt geht es gleich ins traditionelle Kleine-Leute-Viertel Ramersdorf. Reiter trifft Realität.

Und der OB geht die Sache mit der angemessenen Ernsthaftigkeit an – und kann bei den Ramersdorfern punkten. Mehr als 300 Bürger sind in die Turnhalle des Heinrich-Heine-Gymnasiumgekommen. Reiter hört sich alles geduldig an, erklärt Problemlagen aus seiner Sicht, verweist auf die Zuständigkeit Polizei und verspricht viele Male, sich schlauzumachen und "das gerne mitzunehmen". Mehr als nur einmal kommen die altbekannten leidlichen Widersprüche wie "bezahlbarer Wohnraum – aber nicht auf den Freizeitflächen" oder "Radspuren – aber kein Autostau" zur Sprache, erst gegen Ende der zwei Stunden ist der Frust darüber auch in den Antworten des OB zu hören.

Reiters Hauptaufgabe ist es, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – beinahe säuerlich klingt er, wenn er auf die "Einzelinteressen" derer verweist, die die den Bau eben solcher Wohnungen verhindern wollen – offenbar eine Anspielung auf die Proteste gegen die Bebauung der Unnützwiese in Trudering.

Aufmerksam bleibt er, die Ramersdorfer machen es ihm aber auch leicht: Sachlich und freundlich, aber mit Nachdruck, tragen sie ihre Sorgen vor. Zornige Anschuldigungen oder lautes Geschimpfe gibt es nicht.

Flüchtlinge? Sind in Ramersdorf kein Aufreger-Thema

Auf Rang zwei der Themen sind dann tatsächlich die Kinder, beziehungsweise ihre Schulen. Maximilian, der die Gänseliesel-Grundschule besucht, ist der jüngste Redner: "Wir brauchen dringend eine Mensa und mehr Klassenzimmer – es werden immer mehr Kinder an unserer Schule!" Das Platzproblem erleben auch andere – Elternsprecherinnen, Mittagsbetreuer, Mütter.
Hinzu kommen Klagen über den Zustand der Schulen und den veralteten technischen Ausstattung. Letzteres beantwortet der OB mit gequältem Gesicht und dem Hinweis, er sei über die IT in der Stadt ohnehin nicht glücklich. Dann bittet er um ein bisserl Geduld.

Sorgen machen sich die Bürger auch um den Kustermannpark. Der Befürchtung, dass der Platz bebaut werden könnte (da ist die Sorge wieder!), begegnet Reiter mit dem Versprechen, sich über die Sachlage zu informieren. Dass Schulkinder schon mittags an biertrinkenden "Debattierclubs", wie die junge Anwohnerin sagt, vorbeilaufen, kann er indes nur mit einem Schulterzucken bescheiden – solange keiner gegen ein Gesetz verstoße, sei er machtlos.

Reiter hat im letzten Jahr oft erzählt, dass die Flüchtlinge kein großes Aufreger-Thema in den Stadtvierteln mehr seien. Der Realitäts-Check gibt ihm recht: Das Thema kommt nur ganz am Rand zur Sprache – und das auch nur, als die bunte Bevölkerungsmischung als Qualität des Stadtteils gerühmt wird. Sie haben ihr Viertel eben gern. Auch das hat der OB in Ramersdorf gelernt.


AZ-Umfrage: Warum sind Sie zur Bürgersprechstunde gekommen?

Karl Nestroy (53): "In erster Linie war es die Neugier, welche Themen hier angesprochen werden. Wir sind ein buntgemischtes Viertel und es ist mir wichtig, dass die ausländischen Mitbürger sich willkommen fühlen. Außerdem wollte ich wissen, wie der Oberbürgermeister sich so einer Fragerunde stellt. Ich nehme Dieter Reiter seine Ehrlichkeit ab."

Daniela Koch (41): "Ich denke, dass man so eine Chance als Bürger nutzen sollte. Und man sollte der Politik damit auch die Chance geben, Dinge besser zu machen. Auch wenn man vieles nicht ändern kann: Wir müssen was dafür tun, dass die Stadt nicht nur den Geldigen gehört. Dass Herr Reiter sich die Zeit für die Gespräche nimmt, finde ich gut."

Marthe Bolo (65): "Ich bin gekommen, weil es mich interessiert, was meine Mitbürger für Sorgen haben und was sie beschäftigt. Sonst sitzt man da täglich in der Wohnung und weiß gar nicht, wie es den Nachbarn geht. Ich fand es sehr interessant und der OB war ruhig und sachlich. Mit meinen eigenen Problemen gehe ich zur Bürgerberatung."

 

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