NSU-Prozess: Fall Kiesewetter Warum musste die junge Polizistin sterben?

Polizisten erweisen am 30.04.2007 mit einem Trauerzug in Böblingen ihrer in Heilbronn ermordeten Kollegin Kiesewetter die letzte Ehre. Foto: Norbert Försterling/dpa

2007 sollen die Rechtsterroristen der NSU in Heilbronn eine 22-jährige Polizistin getötet haben. Jetzt sagt ihr damals schwer verletzte Kollege aus

 

Heilbronn - Die Opfer sind acht türkische Geschäftsleute, ein türkisch sprechender Grieche – und eine junge Polizeibeamtin aus dem beschaulichen Heilbronn in Baden-Württemberg. Warum auch Michele Kiesewetter (22) sterben musste, ist in der beispiellosen Mordserie, die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) angelastet wird, das größte Rätsel. Ab morgen steht das düstere Kapitel im Mittelpunkt des NSU-Prozesses vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Dann will das Gericht als Zeuge den Kollegen der ermordeten Beamtin anhören, der durch einen Schuss in den Kopf schwer verletzt wurde, den Anschlag im April 2007 aber überlebte. An die Tat selbst kann er sich kaum erinnern, wobei seine Traumatisierung wohl die entscheidende Rolle spielen dürfte.

Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages hat wegen des schlechten gesundheitlichen Zustandes des inzwischen im Innendienst tätigen Beamten auch auf eine Befragung verzichtet. Ob er nun vor Gericht wenigstens einige Schwaden des Nebels lüften kann? Eine Aufhellung der Hintergründe speziell im Heilbronner Mordkomplex wäre nach Ansicht von Rechtsanwalt Dr. Mehmet Daimagüler dringend geboten.

Er vertritt in dem Prozess die Familien von zwei Mordopfern und kritisiert die in der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft dargelegte Überzeugung, dass die Polizistin aus allgemeinem Hass gegenüber der Staatsgewalt ermordet wurde und ein Zufallsopfer war. Dazu sagt Daimagüler der AZ: „Ich glaube auch, dass der NSU den Staat hasst. Ich glaube auch, dass der NSU die Demokratie hasst, aber ich glaube nicht, dass das ausreicht um genau diese Polizistin zu ermorden. Das passt einfach nicht."

Der Anwalt spricht in diesem Zusammenhang von einem „Komplex von Ungereimtheiten“. Mit einer einfachen Frage nähert sich der Berliner Rechtsanwalt dem Dickicht, das den Fall seiner Meinung nach noch immer umgibt: „Wenn ich einen Polizeibeamten ermorden will, weil er ein Symbol des Staates ist, warum fahre ich 400 Kilometer, 500 Kilometer?“

Was Daimagüler damit andeuten will, ist klar: Die Polizeibeamtin, die selbst aus Thüringen stammt, war möglicherweise alles andere als ein Zufallsopfer, das lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ausgesprochen suspekt wirkt nicht nur auf Rechtsanwalt Daimagüler das merkwürdige Auftreten, das ein Onkel der ermordeten Polizistin an den Tag legte.

Der Onkel ist in der Staatsschutzabteilung der Polizei in Thüringen tätig. Eine Woche nach dem Mord stellte er bei einer Vernehmung durch die Heilbronner Mordkommission einen Zusammenhang mit den „Türken-Morden“ her. Daimagüler: „Das finde ich schon bemerkenswert, diesen Zusammenhang im Jahr 2007 herzustellen. Wie kam er auf die Idee? Wusste er etwas, das wir nicht wissen?“

Die Polizei stellte den Zusammenhang zwischen dem Mord an der Polizistin und dem rechten Terror-Trio (Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe) erst im November 2011 her, als in der ausgebrannten Wohnung der mutmaßlichen Täter in Zwickau unter anderem die Waffen der beiden Polizeibeamten aus Heilbronn gefunden worden waren.

Rechtsanwalt Daimagüler glaubt nicht an eine derartige Fülle von Zufällen wie im Heilbronner Mordfall. Es sind schwergewichtige Argumente, wie die nebulöse Rolle des Onkels, aber auch eine Reihe von kleinen Mosaikteilen, die Verbindungen der Rechtsextremisten-Szene Thüringens in den Raum Heilbronn nahe legen. Auf Telefonlisten von Uwe Mundlos, die 1998 in der Garage in Jena gefunden wurden, war eine Vielzahl von Kontaktadressen potenzieller NSU-Unterstützer aufgeführt. Daimagüler: „Vier Telefonnummern stammen aus dem nahegelegenen Ludwigsburg.“

Bei der Aufzählung offenkundiger Verbindungen im Neonazi-Netzwerk nennt Daimagüler auch den Namen Tino Brandt. Er war nicht nur einer der maßgeblichen Drahtzieher rechtsextremistischer Aktionen in Thüringen, sondern explizit der Gründer des „Thüringer Heimatschutzbund“ (THS), der politische Nährboden für den NSU.

Wie sich später herausstellte, finanzierte Tino Brandt, der zugleich Spitzel des Thüringer Verfassungsschutzes war, den THS-Aufbau mit Mitteln (200.000 Mark, Computer, Kamera, Auto) aus der Kasse der „Schlapphüte.“

Mehr ins Auge sticht Daimagüler ein anderer Punkt: „Tino Brandt hat nie woanders gelebt als in Thüringen. Aber er hat sich ein Haus gekauft, in dem er nie gewohnt hat, aber er hat es trotzdem gekauft. Ausgerechnet bei Heilbronn. Das finde ich seltsam.“

Erheblicher Aufklärungsbedarf besteht den Worten des Anwalts zufolge auch im dienstlichen Umfeld der ermordeten Polizeibeamtin. Daimagüler: „Ihr unmittelbarer Vorgesetzter – und auch ein Kollege – ist beim Ku-Klux-Klan gelandet und sagt später, dass er nicht gewusst hat, dass es sich um eine rassistische Organisation handelt. Da mache ich mir entweder Sorgen um die Intelligenz unserer Polizeibeamten oder um die demokratische Gesinnung.“

Die Frage nach möglichen Kontakten des Vorgesetzten in die rechte Szene drängt sich förmlich auf. Der Landtag in Baden-Württemberg sah keine Veranlassung, zur Aufklärung einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Hundertprozentig sicher ist nicht mal, wie viele Täter an dem Anschlag auf der Volksfestwiese in Heilbronn im April 2007 beteiligt waren. Die Polizei geht in einer Analyse von zwei Tätern aus, Zeugenaussagen deuten auf mehr Beteiligte hin.

Unter anderem soll es auch ein Überwachungsvideo im Bahnhof "von Heilbronn geben, auf dem eine Frau zusammen mit einem glatzköpfigen Mann zu sehen ist. Nach Einschätzung der Ermittler könnte die Frau Beate Zschäpe sein, doch die Aufnahmen sind zu schlecht, um das mit Gewissheit zu sagen.

 

3 Kommentare