Winfried Nerdinger hat drei Museen zur Eröffnung gebracht – nun geht der Gründungsdirektor des NS-Dokuzentrums in den Ruhestand

Bequem war er nie. Das bekamen vor allem die zu spüren, die die Zeit des Nationalsozialismus am liebsten vergessen hätten. Dass 2015, genau 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mit dem NS-Dokumentationszentrum endlich ein Haus des Erinnerns und der Aufklärung eröffnet werden konnte, ist vor allem auch Winfried Nerdinger zu verdanken. Am Freitag wird der renommierte Architekturhistoriker dort mit einem Symposium verabschiedet. Mit der AZ sprach der 73-Jährige über die neuen Rechten, die Verantwortung der Medien und seine Prägung durch die aufmüpfigen 60er-Jahre.

AZ: Herr Nerdinger, bei seinem Abschied von München hat Chris Dercon gesagt, er würde zwei Menschen in der Stadt besonders viel verdanken: Alexander Kluge und Ihnen. Worauf hat er angespielt?
WINFRIED NERDINGER: Auf das Haus der Kunst. Gleich nachdem er 2003 als Direktor verpflichtet wurde, bat er um ein Gespräch. Er wollte wissen, wie man mit NS-Architektur umgeht, und wir haben uns öfters getroffen. Mir gefiel, wie sehr er sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat und wie überlegt er mit der Geschichte dieses Baus umgegangen ist. Ganz im Gegensatz zu anderen, die nur von wunderbaren Ausstellungsräumen sprechen.

Hätten Sie Dercon von der Intendanz der Berliner Volksbühne abgeraten?
Das hätte ich mir nicht angemaßt. Aber es war wohl ein Fehler, dass er die Stelle trotz des enormen Gegenwinds auch angetreten hat. Fast ein Jahr lang vor dem Hintergrund zu experimentieren, dass ohnehin alles negativ aufgenommen wird, damit hat er sich leider selbst geschadet. Und er ist in die Fallstricke der Berliner Kulturpolitik geraten. Trotzdem: Die Häme hat er wirklich nicht verdient. Solche mutigen Menschen sind die Motoren unseres Kulturbetriebs!

Auch weil sie sich auf neuen Feldern ausprobieren?
Wenn man etwas bewegen will, gehört das Überschreiten von Grenzen dazu. Gerade die Quereinsteiger haben oft einen anderen Zugang, stellen ganz andere Fragen, und das ist befruchtend.

Sie sind in München geblieben, obwohl es interessante Angebote gab. Haben Sie das Risiko gescheut?
Überhaupt nicht. Ich habe die damalige Architektursammlung der TU München quasi aus der Abstellkammer geholt und aufgebaut. Als dann endlich dafür ein Museum gebaut werden sollte, wollte ich das auch zu Ende bringen. Deshalb bin ich zum Beispiel 1989 nicht ans Deutsche Architekturmuseum nach Frankfurt gewechselt oder später an andere Hochschulen gegangen.

War das NS-Dokumentationszentrum am Ende Ihr wichtigstes Projekt?
Ich habe drei Museen zur Eröffnung gebracht, und die 25 Jahre bis zur Eröffnung des Münchner Architekturmuseums waren wirklich äußerst mühsam. Diese Einrichtung hat damals ja niemanden interessiert. Und sie dann in die Pinakothek der Moderne einzubringen, war endlose harte Arbeit. Aber natürlich war das NS-Dokumentationszentrum eine Art Lebensaufgabe.

Sind Sie jetzt zufrieden?
Ja. Entscheidend ist, dass die Landeshauptstadt München 70 Jahre nach Kriegsende und 30 Jahre später als andere Städte dann doch dieses Zeichen gesetzt hat und sich damit endlich zu ihrer Geschichte bekennt. Hier findet eine kritische Auseinandersetzung statt, und es wird den folgenden Generationen die Möglichkeit gegeben, aus der Geschichte zu lernen. Das ist etwas, das mich durchaus befriedigt, auch wenn manche Begleiterscheinungen und Anfeindungen unschön waren.

Das Zentrum ist viel zu spät realisiert worden – und nun wird diese späte Geburt auch noch von einer problematischen politischen Entwicklung begleitet.
Es ist schon erschreckend, dass rechte Kräfte in Deutschland wieder so sehr angewachsen sind. Vor zehn Jahren hätte es niemand für möglich gehalten, dass sie sogar im Bundestag vertreten sind und sich so etablieren können. Das hat nur indirekt mit diesem Haus zu tun, aber ein zentrales Element rechtsradikaler Ideologie ist der so genannte Geschichtsrevisionismus. Das heißt, das Leugnen oder Verharmlosen der NS-Geschichte oder ihre Nivellierung durch Vergleiche mit anderen Katastrophen der Geschichte. Deshalb wird das Haus auch immer wieder angegriffen: Hier würde das Bekennen der Deutschen zu einer Schuld perpetuiert. Das reicht bis hin zur Forderung des Stadtrats Karl Richter, dass man dieses Haus wieder abreißen müsse. Wir sind ein Störfaktor und das ist gut so.

Nehmen rechtsextreme Positionen tatsächlich zu, oder kommt hier etwas an die Oberfläche, das immer schon da war?
Ein gewisser Bodensatz an Rechtsextremismus und Antisemitismus ist in der Gesellschaft immer vorhanden. Und vor verschiedenen politischen und ökonomischen Hintergründen wirkt sich das dann unterschiedlich aus. Durch die Ostpolitik von Willy Brandt gab es zum Beispiel einen Anstieg rechtsextremer Gewalt, das ging dann wieder zurück. Mit der Wiedervereinigung kam wieder eine Steigerung, und vor dem Hintergrund der Migrationen ist rechtsradikales Denken und Verhalten erneut enorm gestiegen.

Und die Wähler?
Rechts-Wähler kommen häufig aus der Gruppe der Nicht-Wähler. Das heißt, es werden Stimmen aktiviert, die sich vorher schweigend im Hintergrund gehalten haben. Zwei Drittel der AfD-Wähler gingen vorher nicht zur Wahl, ein Drittel kommt von den bürgerlichen Parteien. Ich wiederhole das immer wieder: Rechtes, nationalistisches, rassistisches Denken basiert in einem ganz starken Maß auf Vorurteilen. Dem kann man nur mit Aufklärung begegnen, mit Bildung und Wissen. Durch Konfrontation wie etwa in Fernseh-Talkrunden funktioniert das nicht.

Wie wollen Sie Menschen umstimmen, die sich ihr Weltbild längst gezimmert haben? Die kommen ja auch nicht an einen Ort wie das NS-Dokuzentrum.
Sie kommen schon, wir haben etliche Rechte hier gehabt. Das kann man im Internet verfolgen, wo sie ihre Eindrücke auf ihre Webseiten stellen. Sie setzen sich immerhin damit auseinander. Das Entscheidende ist aber, dass man früher ansetzt, also bevor sich die Vorurteile verhärtet haben. Das muss im Elternhaus und in der Schule geschehen. Deshalb ist es so wichtig und erfreulich, dass uns sehr, sehr viele Schulklassen besuchen. Bei Umfragen unter Lehrern und Schülern wird rundum positiv beurteilt, wie wir hier Geschichte vermitteln – und zwar gegründet auf Wissen, ohne jede Inszenierung, und mit Bezug zur Gegenwart.

Auch bei unseren europäischen Nachbarn zeigt sich, dass fremdenfeindliche Parolen Wählerstimmen bringen.
Der Vergleich mit anderen Ländern ist immer schwierig. Darauf zu verweisen, dass es überall rechte und populistische Bewegungen gibt, führt immer auch zu der Entlastung, das sei doch kein deutsches Phänomen. Ich meine, wir haben hier in Deutschland eine viel größere Verpflichtung als jedes andere Land. Wir sollten uns erst einmal um unsere eigene Geschichte und unser eigenes Verhalten kümmern, bevor wir auf andere zeigen.

Nach der Wahl kam die Kritik, die Medien hätten die AfD auch durch die dauernde Berichterstattung über die Flüchtlingsströme hochgeschrieben.
Ich habe bei Führungen gelegentlich auf ein Beispiel verwiesen, das natürlich extrem ist. Nämlich den Hitler-Prozess von 1924 nach dem Putschversuch. Hitler hatte einen rechten Richter, der ihm die Möglichkeit gab, stundenlang seine Anschauungen zu vertreten und über die Presse in die Öffentlichkeit zu tragen. Hitler hat später immer wieder betont, das sei für die Verbreitung der Ideologie und den Aufstieg der NSDAP ganz entscheidend gewesen. Das kann man natürlich nicht eins zu eins übertragen, aber die Problematik einer Multiplikation von rechtem Gedankengut über und mit Hilfe der Medien müsste von den Verantwortlichen viel stärker reflektiert werden.

Nun ist gerade die freie Meinungsäußerung eine Grundlage der Demokratie.
Und man muss den einzelnen Gruppierungen, sofern sie sich im Rahmen des Rechtsstaats bewegen, auch eine Stimme geben, völlig richtig. Dennoch wird gerade hier die Funktionsweise der Medien viel zu wenig diskutiert und reflektiert. Ich würde mir wünschen, dass etwa nach einer entsprechenden Talkrunde im Fernsehen ein kluger Kommentator die Aussagen kritisch analysiert. Der von mir sehr verehrte Walter Jens hat zum Beispiel unter dem Pseudonym „Momos“ jede Woche in der „Zeit“ eine Fernsehsendung kritisiert. Später ist er nach entsprechenden Sendungen eingeblendet worden und analysierte die Aussagen – das fehlt heute.

Aufklärung war das große Thema, als Sie in den 60er-Jahren studiert haben. Wenn Sie an den Architekturstudenten Winfried Nerdinger zurückdenken?
Der zog auch mit Transparenten durch die Ludwigstraße. Ja, natürlich haben mich mein Elternhaus und das Engagement meines Vaters im Widerstand geprägt. Aber dieser Aufstand der Studenten war für mich ein ganz wichtiges Ereignis. Dass man überhaupt eine Autorität, jede Autorität hinterfragt und nicht einfach Macht als Macht anerkennt, ist etwas, das ich aus meiner Studentenzeit mitgenommen habe.

Für Ihre Aufklärungsarbeit sind Sie durchaus angefeindet worden.
Und nicht nur, was die NS-Zeit anbelangt. Auch beispielsweise am Mythos Ludwigs I. als großer Mäzen zu rütteln, ist in Bayern nicht gut angekommen. Für eine Ausstellung haben wir untersucht, woher das Geld für seine Kulturprojekte kam. Immer hieß es, aus der Privatschatulle des Königs. Dabei waren es Steuermittel, die Ludwig dem Landtag förmlich abgepresst hat. Da bekam ich Ärger mit dem Haus Wittelsbach und den königstreuen bayerischen Historikern. Und das war kein Einzelfall. Wenn man Wahrheiten öffentlich ausspricht, macht man sich vielfach nicht beliebt.

Kann sich ein Winfried Nerdinger überhaupt zurückziehen?
Momentan noch nicht, es gibt etliche Projekte wie Bücher und Vorträge, und ich bin auch kein Mensch, der sich einfach zur Ruhe setzt. Sagen wir es so, meine Frau freut sich, wenn ich jetzt wenigstens ab und zu mehr Zeit habe. 

„Rückblick – Abschied – Ausblick“, Symposium zum Abschied von Winfried Nerdinger, Freitag, 19 Uhr, NS-Dokuzentrum, Max-Mannheimer-Platz 1, Eintritt frei