Norwegen Völlig neue Seegewohnheiten

Bergen - Nach spätestens zwei Tagen hat man es ganz im Ohr, das sonore Geräusch der beiden Neunzylinder-Hauptmotoren, wenn die Finnmarken mit 15 Knoten durch das Meer pflügt. Sie laufen rund, die Maschinen, „auch Sturm und hoher Seegang machen nichts aus,“ beruhigt Kapitän Kai Albrigsten, 48. Er bugsiert das 139 Meter lange Schiff sanft durch enge Passagen und in die 34 Häfen hinein und wieder heraus, die entlang der Hurtigruten-Strecke von Bergen nach Kirkenes in Nordnorwegen liegen. Nachts in den Kabinen kann man diesen Herzschlag besonders gut spüren, der von tief unten aus dem Schiffsbauch dringt, man lauscht unwillkürlich dem dunklen Vibrieren. Wir sind Seereisende auf einem Post-, Fracht- und Passagierschiff - und das ist eine ausgesprochen entspannte Art und Weise, diesen 2465 Kilometer langen Küstenabschnitt kennenzulernen.

 

Kein lärmendes Bespaßungsprogramm, wie sonst auf Kreuzfahrtschiffen üblich, lenkt von uns selbst und vom Naturgenuss ab - stundenlang kann man in einem der zahl­losen drehbaren Clubsessel lümmeln und durch die großen Glasfronten raue Landschaft und wie zufällig darin verstreute bunte Häuser und Städtchen an sich vorbeiziehen lassen. Noch schöner ist es draußen ganz vorn an der Reling, die feuchte Meeresbrise um die Nase, feine Wassertröpfchen bleiben auf der Haut und im Haar hängen.

Draußen auf dem Meer wechseln Licht und Farben im Sekundentakt

Licht und Farben wechseln im Sekundentakt. Je weiter man in den Norden kommt, desto häufiger kann es auch im späten Frühjahr regnen, manchmal sogar den ganzen Tag über, kein Klima für Schönwettergeister. Tausende Grau-, Blau- und Grüntöne schimmern auf, Nebel- und Wolkenschleier jagen in Windeseile über den Horizont. Das reizüberflutete Städterauge braucht einige Zeit, um hier neu und ganz anders sehen zu lernen. Wir sind Seereisende - und reisen, sofern wir es zulassen, vom Rhythmus des Schiffes getragen auch ein Stück in unser Inneres.
Laut Finnmarken-Tourguide Peter, einem lustigen, dreisprachigen Norweger, liegt das Durchschnittsalter der Fahrgäste bei 60 plus, aber es seien auch viele jüngere Tagesgäste hier, die eine oder zwei Stationen auf dem Schiff mitfahren. Man sieht sie am Fenster sitzen, lesend - auf einem iPad, versteht sich, die Norweger sind da sehr fortschrittlich. Natürlich gibt’s auch W-Lan an Bord, wenn auch mit schwankender Stärke.

Ansonsten ist’ s und bleibt’ s geruhsam auf dem Schiff - und angenehm leise. Morgens um acht sind beim Frühstück schon fast alle Fensterplätze im Restaurant belegt. Hier sind, zumindest im Frühjahr, keine Partygänger an Bord; man steht früh auf, um was vom Tag zu haben. In den größeren Städten legt die Finnmarken schon mal ein paar Stunden an - Gelegenheit für Landgänge und Ausflüge, die man auf eigene Faust unternehmen kann, die aber an Bord auch als geführte, nicht ganz billige Touren angeboten werden.

Auf diese Weise kann man im Schnelldurchlauf die Sehenswürdigkeiten entlang der Hurtigruten-Route abklappern - Stadtrundgänge in Bergen, Ålesund und der Königsstadt Trondheim sind Pflicht. Alfred, gebürtiger Magdeburger und Reiseführer in der „Jugendstilstadt“ Ålesund, bringt in einem Satz auf den Punkt, weshalb es ihn nach Norwegen verschlagen hat: „In blaue Augen gesehen und hiergeblieben.“ Wie romantisch.

Bei Ausflügen mit dem Speedboot geht es aufs offene Meer hinaus

Wen es bei so viel Beschaulichkeit nach einem Adrenalinkick verlangt, der sollte bei Bodø aufs Speedboot umsteigen, einer Art Bananenboot für Fortgeschrittene: In neongelbe Kapuzenanzüge samt Rettungswesten, Mützen, Brillen und Gummistiefel wasserdicht verpackt, steigt man hintereinander rittlings auf eine der beiden Sitzbänke wie auf ein Pferd - mit 30 Knoten brettert man im Schlauchboot mit 250-PS-Motor aufs offene Meer hinaus. Bei dieser Geschwindigkeit peitschen die Wassertropfen wie grobe Sandkörner auf die Haut, ab und an wird man von einem Schwall Gischt getroffen - nichts für Warmduscher. Dafür kann man Seeadler über den Felsen in der Nähe ihrer Nester kreisen sehen, drei oder vier Vögel auf einmal. Guide Leonie berichtet, dass es hier die meisten Raubvögel dieser Spezies auf der Welt gibt, „bald werden sie Eier legen und brüten“. Fotos machen geht kaum hier draußen, nach jeder Welle setzt das Boot hart auf, wir sind gewissermaßen im Sportmodus unterwegs.

Jenseits des Polarkreises, also schon weit im Norden, wird das Meer tief dunkelblau, die Landschaft ist noch schneebedeckt, an Deck kann man gut eine Daunenjacke brauchen. Das berühmte Polarlicht ist in dieser Jahreszeit nicht mehr zu sehen - dafür aber sphärisch leuchtende Sonnenaufgänge. Nach spätestens vier Tagen, so hatte unser Ålesund-Stadtführer Alfred prophezeit, wird man in Norwegen unheimlich müde - stimmt, das ist die kühle Seeluft, also husch, husch in die gemütliche Koje zum Mittagsschläfchen, bis zum nächsten Hafen.

 

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