Norwegen Alle Mann unter Deck

Oslo - Deutschlands größte Fanmeile dieser Fußball-Weltmeisterschaft befindet sich in Berlin. Deutschlands ungewöhnlichste Fanmeile liegt jeden Tag in einem anderen Hafen - heute Kopenhagen, morgen Oslo und nächste Woche Barcelona: Auf dem Kreuzfahrtschiff „Europa 2“ grassiert das Ballfieber. „Große Momente, ganz exklusiv“ nennt die Reederei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten eine Reihe von Motto-Reisen während der WM, die noch bis zum Endspiel am 13. Juli im Zeichen des runden Leders stehen. Der Hamburger Veranstalter sieht sich als Vorreiter eines Konzepts, das fast die gesamte Seereisebranche aufgegriffen hat, um ihre Kundschaft auch trotz des sportlichen Großereignisses aufs Meer zu locken. Denn solange bei großen Turnieren der Ball rollt, packt Fußball-Deutschland nicht gerne die Koffer - es sei denn, um live vor Ort im Stadion zu sein.

 

Der große Rest sitzt traditionell vor dem Fernseher. Am liebsten zu Hause, gemeinsam mit Freunden. Die Reisebranche hat auf dieses Problem reagiert und verknüpft Urlaub mit Fußballschauen. Nun findet die Party einfach dort statt, wo sich der deutsche Fan in den Pfingst- oder Sommerferien eben gerade befindet - ob im Ferienclub auf Mallorca oder auf dem Kreuzfahrtschiff zwischen Kiel und Oslo. Nach dem Motto „Nicht ganz so gut wie im Stadion in Rio de Janeiro, aber besser als allein daheim“. „Hier an Bord verpassen Sie nichts. Im Gegenteil: Es gibt sogar noch einen Mehrwert“, erklärt Fernsehmoderator Jörg Wontorra (65), der gemeinsam mit Hapag-Lloyd das WM-Programm entwickelt hat und selbst vier Wochen lang auf der „Europa 2“ mitfährt. Lediglich für einen Tag pro Woche geht er von Bord, um in München seine Talkrunde „Doppelpass“ für den Sender Sport 1 zu moderieren.

„Und alle haben sofort zugesagt“

Bereits vor einem Jahr wurde die Idee einer Expertenrunde geboren, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Im Vorfeld, im Nachklapp und in der Halbzeit der auf Großleinwand übertragenen Spiele wird diskutiert. Im Gegensatz zum TV gibt es live auf See Experten zum Anfassen, denen man Fragen stellen kann - Urlaubsfreude trifft Ballgefühl. Jörg Wontorra stellte für die Reederei eine illustre Mannschaft aus ehemaligen Kickern und aktiven Funktionären zusammen. „Nach all den Jahren in der Branche kenne ich natürlich den einen oder anderen“, sagt der Moderator. „Und alle haben sofort zugesagt.“ Während der ersten Vorrundenspiele sind die ehemaligen Spieler Michael Rummenigge (Bayern München), Rainer Bonhof (Borussia Mönchengladbach), Bernd Wehmeyer (Hamburger Sportverein) sowie der Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen, als Experten an Bord der Touren über die Nordsee.

Im weiteren Turnierverlauf werden die Sportreporter-Legenden Manni Breukmann und Waldemar Hartmann, die Ex-Nationalspieler Karl-Heinz Riedle, Uli Stein, Olaf Thon und Jürgen Kohler sowie Schalke-04-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies zu Wontorras Expertenstammtisch stoßen. Die Talkrunde kommt bei den Gästen gut an. Oft sind die verbalen Steilpässe, die die Veteranen des Rasensports sich während der Halbzeit zuspielen, viel unterhaltsamer als das, was auf dem Platz geboten wurde. Die Gäste greifen gerne selbst zum Mikrofon und stellen Fragen. Szenenapplaus und Zwischenrufe wie „Eine Fernsehshow für Bruchhagen!“ sorgen für ausgelassene Stimmung. Denn egal, ob Vorstandsvorsitzender oder Arbeiter, egal, ob in der Eckkneipe oder auf dem Fünf-Sterne-Schiff - wenn der Ball rollt, zeigen alle Anhänger Emotionen. Da wird geflucht, gelitten und gejubelt. Zwar herrscht auf der „Europa 2“ kein strenger Dresscode - Smoking und Abendkleid kann man getrost zu Hause lassen -, dennoch wirkt es seltsam, wenn die Gäste statt in legerer Freizeitkleidung plötzlich im Trikot rumlaufen.

Beliebt sind selbstredend die Jerseys der deutschen Nationalmannschaft. Mancher nutzt auch die Gelegenheit, seine Liebe zu einem bestimmten Club zu zeigen. „Sie Armer!“, scherzt Jörg Wontorra mit einem Fan im Shirt des MSV Duisburg. „Wieso?“, entgegnet dieser, „wir sind amtierender Niederrhein-Pokalsieger!“ Gelächter und Applaus. Schade nur, dass das Spektakel nicht auf dem Pooldeck stattfindet, wo man Seeluft atmen und nebenbei einen Blick aufs Meer erhaschen könnte. Um die wenigen Fußball-Muffel unter den Gästen nicht zu stören, wird im Theater geschaut, einem dunklen Atrium im Bug, wo üblicherweise Musikshows oder akrobatische Darbietungen über die Bühne gehen. Dass man sich auf einem Schiff befindet, verraten lediglich die leichten Vibrationen des Fußbodens. Doch auch unter Deck kommt Stimmung auf. Es wird gefachsimpelt, über Tore und vertane Chancen debattiert, sich über Schiedsrichterentscheidungen aufgeregt.

„Näher dran ist man wohl nur in Brasilien“

Die Fußballexperten diskutieren die täglichen Partien aber nicht nur auf der Bühne. Oft nutzen Gäste die Möglichkeit des persönlichen Gesprächs während der Reise. „Sie, Herr Wontorra, sagen Sie mal . . .“, heißt es morgens beim Frühstück, nachmittags im Tenderboot oder nachts bei einem Bier an der Reling. Profis zum Anfassen - das kommt an. „Sehr professionell gemacht“, findet Peter Scheuermann aus Baden-Baden das Beiprogramm der Kreuzfahrt. „Näher dran ist man wohl nur in Brasilien“, meint Hendrik Scharnke aus Hamburg. Wie für die meisten Gäste war das Fußball-Programm für ihn jedoch nicht entscheidend, die Reise zu buchen. „Aber wenn es das Angebot schon mal gibt, nutzt man das natürlich.“

Ähnlich sieht das auch Björn Haver aus Norden in Ostfriesland, der mit Sohn Felix (14 Monate) die Spiele verfolgt: „Bei der letzten EM in der Ukraine war ich vor Ort, und auch in zwei Jahren werde ich bestimmt nach Frankreich fahren. Aber auch hier kommt ganz schön Stimmung auf.“ Ein Grund dafür dürfte sein, dass auch die Mitarbeiter im Fußballfieber sind. Hapag-Lloyd Kreuzfahrten hat den Begriff „Mannschaft“ wörtlich genommen und jedes Crewmitglied mit einem speziellen Trikot ausgestattet. Auf dem Rücken steht die Funktion des Trägers - sogar der Kapitän hat eines. „Wir haben hier Leute aus 16 Nationen an Bord. Da interessieren sich nicht alle für die WM, weil ihr Land gar nicht dabei ist. Aber für die meisten ist sie schon wichtig“, erzählt Food-&-Beverage-Manager Karsten Kühfeldt. Der 35-jährige Berliner ist nicht nur für das Essen und die Getränke an Bord verantwortlich, sondern organisiert auch das Crew-Tippspiel.

Kapitän (und FC-St.-Pauli-Fan) Ulf Wolter verdreht bei dem Stichwort die Augen: „Ich liege von 60 Teilnehmern gerade mal auf Rang 44.“ Ein glückliches Händchen hatten die Verantwortlichen dafür bei der Dekoration: Unzählige Wimpel, Fähnchen und Bälle schmücken die schwimmende Fan-Zone. Die Kellner im Theater servieren in Trikot, kurzen Hosen und Stutzen in den Farben des Deutschen Fußball-Bundes. Mancher Angestellter tauscht extra die Schicht oder meldet sich freiwillig zum Dienst in Bereichen, in denen ein Fernseher läuft. Es ist eben WM. Und die will keiner verpassen.

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