Neues Motorenwerk eröffnet BMW setzt auf China: Der Traum vom "edlen Pferd"

Der Eingangsbereich des neuen BMW-Motorenwerks in Shenyang. Foto: BMW

„Bao ma“ – so heißt ein BMW in China. Der Konzern eröffnet dort sein erstes Motorenwerk außerhalb Europas. Die AZ hat es besucht

Wenn das nicht antizyklisch ist: In einer Zeit, in der sich die ganze Welt über Chinas rückläufige Wachstumsraten sorgt, eröffnet BMW dort eine neue Megafabrik. Nicht ein weiteres Automontage-, sondern ein Motorenwerk. Solche gab es im BMW-Konzern bisher nur in Europa – an den Standorten München und Hams Hall (Großbritannien) sowie Steyr (Österreich).

Sonnig, aber eiskalt mit Höchsttemperaturen um die minus 14 Grad war es im Nordosten Chinas, als am Freitag BMW-Produktionsvorstand Oliver Zipse in Anwesenheit der überaus geneigten lokalen Polit-Prominenz die Fabrik in Betrieb nahm. Dabei sagte er, was BMW-Vorstände bei solchen Anlässen gerne sagen: Es sei ein weiteres Zeichen für das langfristig angelegte Engagement der BMW Group in China und Teil eines weltweiten flexiblen Produktionsnetzwerks sowie der Strategie „eines global ausgewogenen Wachstums“.

BMW verkraftet die Wachstumsschwäche einigermaßen gut

Investiert hat eigentlich nicht BMW, sondern das Joint Venture Brilliance Automotive Holdings Limited (BBA). Wie alle deutschen Autobauer, die im Reich der Mitte Geschäfte machen, wurde auch den Münchnern ein einheimischer Partner mit einer knappen Mehrheitsbeteiligung verordnet. Die BMW-Leute murren darüber nicht, im Gegenteil. Im vergangenen Jahr wurde die „Monogamie“ (so Brilliance-Chef Yumin Qi) vorzeitig bis 2028 verlängert. Man habe die Investitionen absichern wollen, so BMW-Vorstand Zipse.

BMW hat die Wachstumsschwäche des chinesischen Automarktes im vergangenen Jahr einigermaßen gut verkraftet. Mit knapp 464 000 verkauften Fahrzeugen der Marken BMW und Mini konnten die Münchner ihren Absatz im Festland China 2015 noch um 1,7 Prozent steigern. China ist damit für BMW der volumenstärkste Einzelmarkt. Insgesamt setzte der Konzern im vergangenen Jahr weltweit 2,25 Millionen Automobile ab.

Olaf Kastner, Präsident von BMW China, lebt seit sieben Jahren mit seiner Familie im Reich der Mitte, beherrscht die Sprache des Gastlandes und glaubt fest an den chinesischen Markt. Selbst wenn sich das Wachstum in den nächsten Jahren bei „nur“ sechs Prozent einpendeln sollte, käme doch alljährlich ein Bruttoinlandsprodukt in der Größenordnung des schwedischen hinzu, rechnet er vor.

Die Fabrik kann pro Jahr bis zu 300.000 Motoren auswerfen

Die Mittelschicht Chinas wachse ständig und die „dritte Generation“ der im neuen China groß Gewordenen lege ein Konsumverhalten an den Tag, das den Premiumherstellern entgegenkomme. Immer mehr junge Chinesen träumten nicht nur von einem BMW, der in China „bao ma“ (edles Pferd) heißt, sondern hätten auch das nötige Kleingeld dafür.

Schon 2016, erwartet Kastner, werde man wieder höhere Zuwachsraten beim Verkauf in China melden können. Die fetten Jahre zweistelliger Zuwächse aber sind nach BMW-Einschätzung vorbei. Bei „bao ma“ gibt man sich gleichwohl zuversichtlich, weil das Niveau, auf dem nun verhaltener aufgestockt werden soll, schon sehr hoch sei. Doch man bleibt vorsichtig. In diesem Jahr erwarte man ein Absatzplus im einstelligen Bereich, sagt Zipse. Genauer lässt er sich nicht festlegen.

Ein chinesischer Ingenieur werkelt an einem BMW-Motor. Foto: BMW

BMW will alles noch schöner, noch moderner, und noch umweltfreundlicher machen als die Premium-Konkurrenten Mercedes und Audi, die bereits Motorenwerke in China unterhalten. Nach Angaben von Werksleiter Robert Engelhorn haben die Münchner „das Beste von dem, was BMW weiß und kann“ nach Fernost geholt.

Die erste BMW-Motorenfabrik außerhalb Europas kann pro Jahr bis zu 300 000 Drei- und Vierzylindermotoren auswerfen, bei Bedarf auch noch mehr. Das entspricht der Menge der an den BMW-Standorten Dadong und Tiexi im vergangenen Jahr produzierten 288 000 5er und 3er BMW.

Ein Job gleicht einem Gewinn im Lotto

Die im Lande von BMW produzierte Modellpalette wird in Kürze um den 2er Active Tourer und einen für den chinesischen Markt modifizierten X3 sowie ein weiteres Modell „unterhalb des 3er“ (Kastner) erweitert. Bisher wurden diese Modelle von BMW-Standorten in Europa und aus Spartanburg (USA) importiert, was der chinesischen Seite grundsätzlich nicht so recht ist.

BMW umzingelt Shenyang damit immer weiter – sehr zum Gefallen der Regierenden der 4,7-Millionen-Industriestadt im Nordosten Chinas. Seit zehn Jahren ist das Joint Venture BBA der größte Steuerzahler Shenyangs. 

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2012 kam ein weiteres Werk in der südöstlichen Vorortgemeinde Tiexi dazu, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft nun das Motorenwerk in Rekordzeit aus dem Boden gestampft wurde. Allein in Tiexi belegt BMW jetzt eine Fläche von fast drei Quadratkilometern.

In China bisher weitgehend unbekannte gute Arbeitsbedingungen und ordentliche Löhne sorgen dafür, dass eine Beschäftigung bei BBA von den örtlichen Arbeitnehmern wie ein Lottogewinn behandelt wird. Während in chinesischen Industrieunternehmen eine jährliche Fluktuation von 20 bis 30 Prozent die Regel ist, verlassen von den 16 000 Mitarbeitern, die BBA im Raum Shenyang beschäftigt, pro Jahr gerade einmal zwei bis drei Prozent das Unternehmen, berichtet der Werksleiter mit sichtlichem Stolz.

Engelhorn ist voll des Lobes über seine junge Belegschaft (Durchschnittsalter 27 Jahre). Die Mitarbeiter seien „mit Leidenschaft dabei. Es macht richtig Spaß“. Die Münchner bemühen sich, deutsche Ingenieursgenauigkeit mit chinesischem Stolz zu kombinieren – was manchmal an kommunistische Parteitagsparolen erinnert. „Wir bauen jeden Tag die besten Autos der Welt“, heißt es auf einem Banner in der Werkshalle von Tiexi. Genauer gesagt: jede 88 Sekunden eines.

Sollte das Wachstum in China wieder anziehen, könnte man mithalten. Bis hinunter auf 57 Sekunden pro Fahrzeug und einen Sieben-Tage-24-Stunden-Betrieb.

 

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