Neuer Job für Ex-Ministerin Schavan in den Vatikan

Frömmigkeit und Diplomatie als Qualifikation - nach ihrem Rücktritt wegen der Doktortitel-Affäre soll Annette Schavan Botschafterin im Vatikan werden 

 

Rom - Vom Job des deutschen Botschafters im Vatikan schwärmte schon Willy Brandt. "Ist doch herrlich, leben in Rom, gutes Essen, Reichtum an Kultur und kluge Gesprächspartner", sagte der SPD-Politiker einmal. Den so gepriesenen Posten soll nun Annette Schavan bekommen.

Anders als Brandt dürften die 58-Jährige weniger die weltlichen, als mehr die religiösen Aspekte reizen: Schavan entspricht ganz dem Klischee der frommen Katholikin. Dass sie gefragt wurde, ist plausibel: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war Schavan dankbar, dass sie in der Plagiatsaffäre trotz ihres bis heute anhaltenden Kampfs um ihren entzogenen Doktortitel am Ende selbst aufgab und damit die zähe Debatte beendete. Den Ministerposten verlor Schavan zwar, aber die Gunst der mit ihr befreundeten Merkel behielt sie.

Bei der Personalie dürfte die Kanzlerin auch berücksichtigt haben, dass Schavans Ruf bei den Menschen nicht gelitten zu haben scheint: Sie zog bei der Wahl im September mit ihrem bisher besten Erststimmenergebnis in ihrem Wahlkreis Ulm erneut in den Bundestag ein. Dieses Mandat wird sie nun allerdings aufgeben müssen. Falls das Bundeskabinett tatsächlich Schavan als Nachfolgerin des vor dem Wechsel in den Ruhestand stehenden derzeitigen Botschafters Reinhard Schweppe bestätigt, dürfte es für sie ein Traumjob sein.

Als Botschafterin wäre sie für die Kontaktpflege zur Kurie der katholischen Kirche zuständig, der direkte Austausch mit dem Papst und den Kardinälen würde Teil ihres Aufgabengebiets. Eine größere Nähe zum Innenleben der katholischen Kirche ist für einen deutschen Laien nicht möglich. Anders als Schweppe verfügt Schavan zwar nicht über eine diplomatische Ausbildung. In ihrer fast acht Jahren dauernden Zeit als Bundesministerin für Bildung und Forschung behauptete sie sich aber mit großem diplomatischen Geschick und Hartnäckigkeit auf diesem durch den Bildungsföderalismus so komplizierten Feld. Vor dem Aufkommen der Plagiatsvorwürfe war Schavan eine anerkannte Ministerin.

Katholischer Stallgeruch

Etwas lautere Kritik brachte ihr ausgerechnet eine Reise an ihren künftigen Arbeitsort ein: 2011 nutzte sie trotz einer guten Anbindung mit Linienflügen die Flugbereitschaft, um in den Vatikan zu reisen, wo sie Papst Benedikt XVI. traf. Rund 150.000 Euro kostete die Dienstreise. Für die Kurie in Rom dürfte Schavan als Botschafterin eine kompetente Gesprächspartnerin sein. Die am 10. Juni 1955 in Jüchen im Kreis Neuss geborene Politikerin studierte nach dem Abitur unter anderem katholische Theologie und machte ihre ersten Karriereschritte in kirchlichen Einrichtungen. Sie war Referentin im katholischen Cusanuswerk, dann Abteilungsleiterin im Bistum Aachen, danach bis 1995 Geschäftsführerin und Leiterin des für die Studienförderung verantwortlichen Cusanuswerks. Von 1994 bis zu ihrem Einzug in den Bundestag 2005 war sie zudem Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, der katholischen Laienorganisation.

Dieser Stallgeruch schützte sie allerdings nicht vor Kritik aus der Kirche. Als der CDU-Parteitag 2007 einen Beschluss für eine Lockerung des Stammzellengesetzes traf, warf der Kölner Kardinal Joachim Meisner der damaligen stellvertretenden CDU-Chefin Prinzipienlosigkeit und einen Missbrauch des Wortes "katholisch" vor. Solch harsche Kritik dürfte nicht spurlos an ihr vorbeigegangen sein. In ihrem Leben abseits der Politik zeigte Schavan eine Frömmigkeit, wie sie heutzutage selten ist. Sie ist eine treue Kirchgängerin und tief im Gebet verwurzelt. So nimmt sie täglich am Stundengebet teil. Dies ist eine Gebetsform mit mehreren Gebeten am Tag, die vor allem Priester, Mönche und Nonnen praktizieren. "Es ist meine Quelle der Kraft und Gelassenheit", sagte Schavan einmal der "Bunten". Ihre Ehe- und Kinderlosigkeit hindere sie auch nicht an einem erfüllten Leben. "Es ist Lebenskunst, den Reichtum des eigenen Lebens zu erkennen", sagte sie. Im schönen Rom dürfte sie diesen Reichtum häufig empfinden.

 

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