Neue Studie Wenig Schlaf, viel Stress, kaum Lob - so geht es Bayerns Klinik-Ärzten

Motivation, Arbeitsbelastung, Stressabbau, Unterstützung durch Chefs und Kollegen - der Marburger Bund und die LMU München haben 1045 Ärzte in bayerischen Kliniken befragt. Die Ergebnisse der Studie:

 

München - Viele Ärzte, die in bayerischen Kliniken arbeiten, können nach der Arbeit nur schlecht abschalten, sie schlafen schlecht und kämpfen tagsüber gegen die Müdigkeit. Mehr als drei Viertel beklagen, dass sie sich mit unnötigen Aufgaben herumschlagen müssen. Zudem leiden fast drei Viertel darunter, dass ihre Chefs sie bei Schwierigkeiten nicht unterstützen würden. Das hat eine Befragung von 1045 Klinikärzten in Bayern im Rahmen einer gemeinsamen Studie vom Marburger Bund und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ergeben. Gestern stellte die Psychologin Carla Albrecht (29) die Ergebnisse ihrer Promotionsarbeit in den Räumen des Marburger Bunds (MB) in München vor.

Mangelnde soziale Unterstützung fördert Stresserkrankungen, das gilt als erwiesen. Nach der aktuellen Studie sind Klinikärzte in dieser Hinsicht gefährdet. Nur einer von vier Ärzten (26,2 Prozent) kann sich subjektiv auf seinen Vorgesetzten verlassen bzw. Probleme mit ihm besprechen. Im Vergleich dazu ergab eine Stichprobe bei einer Befragung von 336 Lehrern, dass diese sich von Vorgesetzten und Kollegen deutlich besser unterstützt fühlen. Hier gaben 45,3 Prozent an, dass sie sich ziemlich bis gut von ihren Chefs unterstützt fühlen. Auch auf ihre Kollegen konnten sie bei Schwierigkeiten häufiger bauen (67,5 Prozent). „Bei den Ärzten, die sich nicht unterstützt fühlen, ist auch die Lust zu arbeiten, niedriger ausgeprägt“, sagt Psychologin Carla Albrecht.

Vor allem Fachärzte fühlen sich laut Studie im Stich gelassen. „Hier besteht akuter Handlungsbedarf“, sagt Christoph Emminger, Landesvorsitzender des Marburger Bunds. Denn sie sind auch diejenigen, die am unzufriedensten sind, was das Verhältnis zwischen Wertschätzung, Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten betrifft. Emminger: „Dabei sind diese hoch qualifizierten Fachärzte die Träger des Systems. Wenn diese Ärzte sagen: ‘Nicht mehr mit mir!’, geht den Kliniken langsam die Luft aus.“

Weitere Ergebnisse der Studie:

Die Sinn-Frage im Job
* Im hohen Maße sinnstiftend und befriedigend, so bewerten rund 80 Prozent der befragten Klinikärzte trotz Stress ihre Arbeit. 86 Prozent gehen gern in die Arbeit, davon 24,9 Prozent häufig bis sehr häufig. 
* 78,5 Prozent der Klinikärzte kritisieren, dass sie unnötige Aufgaben erledigen müssen, die für sie keinen Sinn ergeben, vermieden werden oder durch bessere Organisation effizienter erledigt werden könnten. „Es wäre auch wirtschaftlich erstrebenswert, wenn diese Aufgaben von speziellen Fachkräften übernommen würden“, sagt Klaus-Martin Bauer, Geschäftsführer vom MB.
* Fast die Hälfte (47,4 Prozent) der Ärzte hat das Gefühl „ab und zu“ bis „sehr häufig“ unzumutbare Aufgaben erledigen zu müssen. Das sind entweder niedere Tätigkeiten, generell unzumutbare Tätigkeiten oder welche, für die man mehr Erfahrung bräuchte.
* Ein deutliches Ungleichgewicht zwischen der eigenen Anstrengung und Leistung in Bezug zu Wertschätzung, Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten empfinden vor allem die Fachärzte. 38,2 Prozent der Fachärzte sahen sich in einer „Gratifikationskrise“. Erfolg
* Als sehr positiv empfinden die Klinikärzte den Einfluss, den ihre Arbeit hat: 81,2 Prozent schätzen ihre Arbeit so ein, dass sie anderen nützt.
* Fast 95 Prozent geben an, dass sie ab und zu bis sehr häufig Ziele erreichen und Aufgaben abschließen können.

Anerkennung, Wertschätzung
* 33,5 Prozent der Klinikärzte beklagen, dass sie nie oder bestenfalls ab und zu eine positive Rückmeldung von Kollegen, Vorgesetzten, Angehörigen und Patienten bekommen. Stress und Stressbewältigung
* 68 Prozent der Klinikärzte können nie bis selten abschalten nach der Arbeit.
* Nach stressigen Phasen neue Kraft zu tanken, gelingt 78 % der Befragten nie bis selten.
* Neugier statt Resignation, kreative Ideen entwickeln, anstatt sich sozial zu zurückzuziehen – das gelingt nur 34,7 Prozent der Ärzte manchmal bis häufig.
* 39,3 Prozent schlafen ziemlich bis sehr schlecht. Über die Hälfte (63,2 %) gaben an, dass sie sich nach dem Schlaf nie bis selten erholt fühlen. Das führt zu einem hohen Wert (35,7 %) bei der Tagesmüdigkeit: Diese Ärzte haben Probleme, bei der Arbeit munter zu bleiben.

 

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