Neu im Kino Warum die US-Satire "Jojo Rabbit" grauenhaft scheitert

Regisseur Taika Waititi (l.) spielt auch den eingebildeten Adolf Hitler an der Seite des unsicheren Jungen Johannes (Roman Griffin Davis). Foto: Fox

Ein Zehnjähriger im Nationalsozialismus: warum die US-Satire "Jojo Rabbit" grauenhaft scheitert.

 

Charles Chaplin hat rückblickend über seine Satire "Der große Diktator" gesagt: Wenn ihm damals, 1940, das ganze Ausmaß der Monstrosität des Nationalsozialismus bewusst gewesen wäre, hätte er den Film nicht machen können. Dieses Bekenntnis fasst das ganze Dilemma einer Komödie um die Themen Zweiter Weltkrieg, Hitler und Holocaust zusammen.

Wenn jetzt "Jojo Rabbit" im deutschen Kino startet, so ist schon das Datum in seiner Nähe zum offiziellen Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz am 27. Januar bedenklich. Wenn man dann Taika Waititis "satirische Komödie" gesehen hat, ist das ganze eine geschmacklose, ja dumme – und in diesem Fall sogar noch niederschmetternd witzlose Angelegenheit.

"Jojo Rabbit": Scarlett Johansson im Widerstand

Ausgangspunkt ist die klassische Psychologie eines sehr durchschnittlichen Zehnjährigen, der natürlich "dazugehören" will. Weil in Schule, Radio und auf dem Marktplatz immer nur NS-Propaganda zu hören ist, will er eben auch beim "Jungvolk" dabei sein. Leider ist Jojo weder zäh wie Leder, flink wie ein Windhund geschweige denn hart wie Kruppstahl, sondern unsportlich und unsicher.

Als man dann im Wald Granatenwerfen übt, er dabei tollpatschig ist und fast gelyncht wird, will er wie ein Hasenfuß abhauen. So hat Jojo Betzler schnell seinen Mobbing-Spitznamen "Rabbit" weg. Aber er hat ja jetzt einen imaginären Freund, der ihm zur Seite steht: Adolf Hitler. Und mit dem "Führer" an der Seite wächst er schnell über sich hinaus, um ein "guter deutscher Junge" zu werden. Bis Jojo merkt, dass seine Mutter (Scarlett Johansson) ein Doppelspiel spielt und im Widerstand ist.

"Jojo Rabbit": Als Fallhöhe bleibt die Tragik

Regisseur Taika Waititi hat bereits vor zwei Jahren versucht, einem Marvel-Superhelden-Actionstoff, dem germanischen "Thor" Humor einzuimpfen. Jetzt will er aus der NS-Geschichte eine Tragikomödie machen, verfehlt aber beides: Der eingebildete Hitler ist nur ein grimassierender, hampelder Gute-Laune-Hanswurst, der allerdings schnell beleidigt ist. Aber das Drehbuch enthält dabei weder elegante Dialoge noch Situationskomik und ist so von einer lähmenden Witzlosigkeit.

Bleibt als Fallhöhe die Tragik: Hier zaubert auch schon der Vorlageroman, Christine Leunens’ "Caging Skies", die Anne-Frank-Geschichte aus dem Wandschrank.

"Jojo Rabbit": albern, naiv und infantil

Ästhetisch versucht der Film, Witz aus einer Art comicartigen Überzeichnung von Figuren und Farben sowie Kulissenhaftigkeit zu erzeugen, um den vordergründigen Quatsch als Farce kenntlich zu machen – bis zum fanatischen Action-Slapstick-Sterben im jugendlichen "Endkampf".

Natürlich wäre das gesamte Themenfeld spannend: Indoktrinierung der Jugend, lebensgefährlicher Widerstand hinter konformer Fassade, drohende Deportation. Auf satirisch-komödiantischer Seite gab es Filme wie den Klassiker "To Be or Not to Be" (1942) von Ernst Lubitsch oder – ebenfalls problematisch "Das Leben ist schön" (1997) von Roberto Benigni. Nötig ist hier aber immer eine intellektuelle Entlarvung des NS-Systems, wie des Führer- und Uniformkultes oder der Idiotie von Rassenideologie.

Die Perspektive der Naivität eines 10-Jährigen, wie "Jojo Rabbit", könnte da – kontrastiert mit der Realität – eine interessante Fallhöhe ergeben. Nicht aber, wenn der Film dabei selber albern, naiv und infantil bleibt.

Dann ist eine NS-Satire eben vor allen eines: dumm und auch noch geschmacklos.


Kino: Astor im Arri, Cinemaxx sowie Mathäser, Monopol (OmU), Cadillac (auch OV), Museum (OV)
R: Taika Waititi (USA, 108 Min.)

 
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