Neu im Kino: "Still Alice" mit Julianne Moore Die Würde im Verlöschen: Moore als Alzheimer-Kranke

Wie lange bin ich noch ich? Julianne Moore als Alice, als ihre Erinnerung schon deutlich verblasst. Foto: Polyband
In "Still Alice" spielt Julianne Moore eine Frau, die an Alzheimer erkrankt und zeigt die Folgen für sie und ihre Familie
Späte Genugtuung: Julianne Moore hat ihn endlich – den Oscar! Und es ist leichte Ironie, dass „Still Alice– mein Leben ohne Gestern“ nicht der (oder ihr) „Bester Film“ ist, wofür das Werk von Richard Glatzer und Wash Westmoreland auch gar nicht nominiert war.

Aber Julianne Moore spielt die Professorin, die merkt, dass ihr plötzlich Wörter nicht mehr einfallen, natürlich grandios. Denn das ist die Kunst: einem Menschen, der durch zunehmende Demenz seine Persönlichkeit verliert, genau diese zu belassen und damit seine Würde.

 

Eine Sprachwissenschaftlerin, die über das gehirn forscht, bekommt Alzheimer

Die Ausgangssituation ist bei so einer Tragik sogar subtil makaber-originell. Denn Moore spielt ausgerechnet eine Sprachwissenschaftlerin, die sich speziell mit dem Erlernen von Sprache im Gehirn auseinandersetzt. Sie ist eine moderne, perfekte Frau: beruflich erfolgreich, eine gute Hausfrau und Köchin und Sex hat sie mit ihrem Ehemann (Alec Baldwin) auch noch. Aber plötzlich entfallen ihr Begriffe, sie ist auf ihrer täglichen New-Yorker Joggingstrecke desorientiert, ein gewohntes Kochrezept ist ihr nicht mehr geläufig...

Die Diagnose: erblich bedingter, früher Alzheimer. Um die Geschichte dieser Frau sind noch interessante, aber etwas lehrbuchartige Familien-Konstellationen gebaut: Die beiden Töchter, die aufgrund der ehrgeizigen Leistungserwartung – vor allem der erfolgreichen, immer „vernünftigen“ Mutter, sich entgegengesetzt entwickelt haben. Klassisch bürgerlich die ältere, individualistischer, künstlerischer, prekärer die andere, jüngere (Kristen Stewart). Und während der Mann anfangs die Krankheit nicht wahrhaben, will, dann rührend solidarisch bleibt, aber dann überfordert doch in seine Karriere flüchtet, bleibt am Ende doch eine Bezugsperson treu, von der man es dramaturgisch nicht erwarten sollte, es aber immer geahnt hat. denn insgesamt ist der Film – abgesehen vom aufwühlenden Thema – sehr brav.

Der Tabuburch: Das Spiel mit dem Selbstmord

Eine berührende, sehr gelungene und gewagte Schlüsselszene gibt es: Wenn Alice für sich selbst ein Video aufnimmt, für die zeit, wenn sie sich selbst nicht mehr erkennen sollte. Und sich selbst anspricht: „Hallo Alice, ich bin Alice, also Du!“ Und es folgt ein interessanter Tabubruch. Die Würde bewahrt sich Alice lange auch dadurch, dass sie – bei aller Verzweiflung – die Krankheit annimmt und schon bald versucht, so lange und klar wie möglich mit ihr umzugehen, nachdem sie sie nicht mehr verheimlichen kann.

Das hat in aller Tragik eben Größe und der gibt Julianne Moore ein hellsichtiges Gesicht, dessen Klarheit langsam verdämmert. Adrian Prechtel

Kino: Arri, Eldorado, Rio sowie Arena, City, (OmU) und Cinema und Museum (OV) R: Richard Glatzer, Wash Westmoreland (USA, 99 Min.)

 

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