Neu im Kino: Mandela - Die AZ-Kritik Größer als das Leben: Der Film "Mandela"

Der beeindruckende, schillernde Nelson Mandela ist schwer zu fassen. Dennoch hätte man im Film „Mandela“ gerne etwas mehr über die Wandlung des Helden erfahren, vieles gerät zu kühl

 

Gegen Ende, da jubeln Menschen in Staub und Gegenlicht des Sonnenuntergangs. Schattenrisse tanzen – im rostigen Rot der afrikanischen Straßen? Oder im Blutrot einer ungewissen Zukunft?
Ein starkes Bild, und der Zuschauer in „Mandela“ ist empfänglich für solche Zwischentöne. Bis dahin sind die Bilder auch gewaltig – aber doch eindeutig. Der britische Regisseur Justin Chadwick und der südafrikanische Produzent Anant Singh haben das Leben von Nelson Mandela verfilmt, sie stellten sich ehrfürchtig die Frage: „Wie erzählt man eine der größten Geschichten der Menschheit?“ Sie entschieden sich für das Heldenepos.

Da ist zunächst die Aufsteigergeschichte. Mandela (Idris Elba), Spross einer Königsfamilie, dem die Hilfesuchenden und Opfer der Rassentrennung die Anwaltskanzlei in Johannesburg einrennen; der ein Vorbild ist an Fleiß und Engagement, der Romanzen hat und Ehen führt – die erste Frau verlässt ihn, weil er zu viel arbeitet und sich der Befreiungsbewegung ANC anschließt. Die zweite ist Winnie (Naomie Harris), die er bei den Kämpfern erobert – und die er später wieder an die Kämpfer verliert. Es gibt schöne Menschen in diesem Teil, schöne Autos und milde Abende unter Schirmpinien. Elba (ZDF-Sehern bekannt als Briten-Cop „Luther“) kann sein Störpotenzial voll ausspielen vor der Touristen-Kulisse (South Africa Tourism ist ein Co-Sponsor).

Das Sozial-Idyll stirbt jäh, und Mandela ändert sich 1960 mit dem Massaker von Sharpeville, als Sicherheitskräfte auf Demonstranten schießen, die sich gegen die neuen Passgesetze wenden. Der ANC und Mandela verlassen den Pfad der Gewaltlosigkeit, werfen Bomben.

Der Weg ist lang

Als Mandela 1964 zu lebenslänglich auf Robben Island verurteilt wird, da ist er Volksheld und Symbol der Anti-Apartheid. Und es beginnt das Gefängnisdrama. Die Einsamkeit der Zelle, die Verzweiflung, der einsame Kampfruf „Amandla“ verhallt ungehört, die Wachen höhnen und lachen sadistisch.

Irgendwann ist der gequälte Gefangene der Grandseigneur und Gesprächspartner der Apartheid-Führung. Der Weg dorthin ist lang, er wird bevorzugt beschrieben mit mehr Alters-Make-Up für die Helden. Gerne hätte man erfahren, wie die Wandlung des einst gewaltbereiten Mandela zur Gewaltlosigkeit kam. Oder auch, wie der fiese Wärter über die Jahrzehnte fast zum Freund des großen Gefangenen reifte. Die Figur ist historisch, wie der Film sich an Mandelas Biografie hält.

Madiba wird unentbehrlich für den Apartheid-Präsidenten de Klerk. Nach der Verlegung in ein komfortableres Gefängnis und der Freilassung beginnt der politische Aufstieg und das persönliche Drama. Die schmerzliche Trennung von der immer radikaleren Winnie („Wir waren einfach zu lange getrennt!“) zeigt eindrucksvoll, wie äußere Unterdrückung das Beste und das Schlechteste aus Menschen herausholt. Doch die emotionale, starke Vorlage bleibt seltsam kalt im Film.

Auch Mandelas Rhetorik bleibt ein wenig unterbelichtet. Vielleicht strahlt sein Charisma, die sanfte Wucht, mit der er seine Landsleute auf den Weg zum friedlichen Wandel brachte, deshalb nicht richtig von der Leinwand.

Er endet mit Mandelas Plädoyer für Gewaltlosigkeit, und mit seinem Einzug in den Präsidentenpalast. Das Leben hat diese große Geschichte geliefert – sie ist sogar größer als das, was in 151 lange Minuten passt.

Kino: Arri, CinemaxX, Münchner Freiheit, Sendlinger Tor, Cinema (OV), Mathäser (dt./OV), R: Justin Chadwick (151 Min.)

 

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