Neu im Kino: "Gravity" mit George Clooney und Sandra Bullock Alfonso Cuarón: In weiter Ferne so nah

Sandra Bullock in "Gravity": Wie ein von der Erde abgenabelter Mensch. Foto: Warner
 

So ein Kinowunder passiert nur alle paar Jahre: Man sitzt im Kinosessel und erlebt ein neues Kinogefühl – man beginnt zu schweben: alles vakuum-geräuschlos, nur Berührungen sind hörbar, tranceartig-verlangsamt sind die schwerelosen Bewegungen, der große Horizontbogen unseres „blauen Planeten“ leuchtet neben uns vor der Schwärze der kalten Unendlichkeit, in der die 3D-Effekte – wie Bullocks in der Kälte des Alls gefrorenen Tränenperlen – keine Effektspielereien sind, sondern Kunst.

Die akustischen Tricks intensivieren den 3D-Effekt

Auch akustisch sind wir im Nichts. Nur in der engen, rauschenden Atemglocke des Astronautenhelms. Man hört leicht verrauschte Funkkontaktsätze aus der Bodenstation Houston, Texas, wo im fernen Hintergrund Countrymusik spielt. Und dann rückt langsam die anfangs extreme Stereo-Akustik zusammen: wenn die männliche Stimme im Raumanzug aus der Tiefe des Raumes näher herangleitet an die Frau (Sandra Bullock), die gerade dabei ist, außen an der Raumstation etwas wieder festzuschrauben. Und man erkennt durch das spiegelnde Glas seines Astronautenhelms George Clooney.

Die Kunst der Beschränkung

Der Film von Alfonso Cuarón, an dem er jahrelang bastelte, ist deshalb ein Meisterwerk, weil er alles perfekt, aber gleichzeitig reduziert einsetzt: das beginnt schon mit der Beschränkung auf zwei Figuren, die auf einer Außenreparatur-Tour am Raumschiff in nur 600 Kilometer Höhe abgeschnitten werden. Denn beim Außeneinsatz von Dr. Stone (Bullock) und Matt Kowalsky (Clooney) kommt es zur Katastrophe: Ein Metallschauer zerlegt ihr Space-Shuttle, alle anderen Kollegen sind innerhalb weniger Minuten tot. Plötzlich sind Stone und Kowalsky völlig auf sich allein gestellt und der Sauerstoffgehalt in Dr. Stones Raumanzug sinkt. Unsere Erde ist dabei wunderbar nah und doch so unerreichbar, sie bestimmt die Orientierung und Optik und ist lockend-wärmender Kontrast zum kalten Technik-Schrott-Inferno des umgebenden Alls.

Warum halten wir so am Leben fest?

In diesem menschenfeindlichen, kalt-schwarzen Nichts verhandelt Cuarón die großen Fragen: Was treibt uns Menschen an? Welche Vorstellungen bringen uns dazu, am Leben festzuhalten? Dann lässt Clooney selbstlos los und überlässt Sandra Bullock den Raum, den Überlebenskampf – und verabschiedet sich als Space-Gentleman in die einsame Unendlichkeit. Bei alledem ist der Film elegant (auch durch viele Zitate aus Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“). Und er hat zeitweise aufblitzenden, aber niemals lächerlichen Witz und sogar subtile Erotik, die hinter Raumanzugpanzern so sanft anzüglich ist, dass man lächelt. Die Geschlechterzuordnug ist dabei klassisch: Sie reagiert panisch, er ist der „alte Hase“. Aber bei dieser konservativen Gewichtung bleibt „Gravity“ natürlich nicht stehen.

Genrewechsel: Von Philosophie zu Action

Und anfangs subtil, dann immer deutlicher wechselt „Gravity“ dabei auch noch das Genre, entwickelt sich zu einem klassischen Katastrophen- und Action-Durchhalte-Film – dagegen immer fantastisch ausbalanciert durch die erzwungene Langsamkeit der Bewegungen im All. Ganz beiläufig wird auch das Kräftedreieck USA-Russland-China gestreift, wird an unser Unbewusstes durch Symbolik appelliert (Rettungsseile, die wie Nabelschnüre wirken, Weltraumschrott, der wie Geschosse in unsere Erdnatur einschlägt).

Eine lehm- und schaumgeborene Venus-Eva

Am Ende taucht Sandra Bullock wie eine schaum- und lehmgeborene Venus-Eva nach einer Notwasserung in einer Art einsamen Garten Eden wieder auf. Es ist ein Schöpfungsbild, das subtil den ökologischen Appell in sich trägt, unseren Blick wieder unserer Erde und der Verletzlichkeit des menschlichen Lebens hier zuzuwenden. So ist „Gravity" eines der intensivsten Kinoerlebnisse geworden, von kleinsten akustischen Finessen bis hin – gegen Ende – zur vollen Pathos-Symphonik.

Kino: Gabriel, Goria, Cadillac, Royal, Leopold, Cincinnati, Cinemaxx, Mathäser (auch OV) sowie Cinema, Museum (OV)
R: Alfonso Cuarón (USA, 90 Min)

 

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