Neu im Kino: Edgar Reitz: "Die andere Heimat" Die Schönheit der gefühlten Wahrheit

Jakob (Jan Dieter Schneider) ruft seinen Wunsch nach Freiheit in die Natur. Sein Buch erzählt von der Welt Brasiliens. Foto: Concorde
 

Der Hunsrück ist eine Landschaft, wo Deutschland ganz bei sich ist, gemittet, nah am kargen Boden, an Hügeln, Wäldern, Feldern. Hierhin ist Edgar Reitz zurückgekehrt, zurückgesprungen ins 19. Jahrhundert.

Die "Heimat" im TV war ein Straßenfeger

16 Stunden dauerte die deutsche Chronik „Heimat“, die das 20. Jahrhundert bis zur Stunde Null 1945 umspannte. Die TV-Ausstrahlung war 1984 ein Straßenfeger. Dann kamen die wilden, jungen 60er Jahre in München („Die zweite Heimat“, 1992) und 2004 die Zeitenwende der Wiedervereinigung. Jetzt, mit „Die andere Heimat“, die in den 1840ern spielt, ist Edgar Reitz’ Filmepos vollendet. Das Gesamtwerk umspannt so 150 Jahre unserer Geschichte, unseres Lebensgefühls unserer Herkunft und Identität.

Das ist magisch: poetischer Realismus

Was Edgar Reitz dabei in seiner „Anderen Heimat“ wieder gelungen ist, könnte man als poetischen Realismus bezeichnen – wobei die Wirklichkeit in ihrer Härte und Kargheit jeglichen Ansatz von Kitsch verhindert, und das Romantische gibt der Landschaft und den Gefühlen Tiefe. Die Bilder (Kameramann Gernot Roll war schon bei der ersten „Heimat“ vor 30 Jahren dabei) wirken, als ob Dürer und Caspar David Friedrich gemeinsam eine Mittelgebirgswanderung gemacht hätten, ihre Kohlestifte dabei. Und manchmal haben sie – symbolisch herausgehoben – Dinge nachkoloriert: wie den dünn geschliffenen Kristallstein, dessen erdfarbene Strukturen gegen das Licht gehalten wie eine Traumlandschaft wirken.

Schwarz-weiß mit wunderbarer Nachkolorierung

Es ist eine Reminiszenz an das Land, das dem Film den Titel gab: „Die andere Heimat“ - das ist Brasilien, Sehnsuchtsort des staunenden, großäugigen jungen Jakob (Jan Dieter Schneider), der auswandern will und – als einer der wenigen, der lesen und schreiben kann – aus einem Expeditionsbuch schon einmal die Sprache der Urwaldindianer lernt – mit zwanzig Wörtern für grün. Und so leuchten plötzlich auch grüne Gegenstände beim Dorffest farbig auf, als Jakob seinem Mädchen (Antonia Bill), das er schüchtern erobern will, von der sonnig-warmen Paradies-Welt Südamerikas erzählt. Aber sein handfesterer Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) wird den Sprung schaffen.

Drehbuchkunst durch natürliche Abeichung von Hollywood

Und auch hier kann man die Drehbuch-Kunst von Edgar Reitz und Gert Heidenreich bewundern: Jede Drehbuchschule hätte Gustav zum bösen Gegenspieler des sanften Helden Jakobs aufgebaut. Aber das Leben ist eben nicht schwarz-weiß. Und so erleben wir eine dauerhafte entspannte Spannung, die über die fast vier Stunden hält und sich aus der wahrhaften Komplexität der Figuren und ihrer sozialen Funktionen im Dorf speist.

Alle Fragen zeitlos und wahr behandelt

Hierhinein ist, flüssig wie ein Waldbach, der zwischen Steinblöcken ins Hügeltal springt, vieles natürlich eingewoben: die Frage der Religion, des Familienzusammenhalts, der Liebe, Pflicht und auch Selbstverwirklichung und politischer Freiheit. Wenn wir so auf diese vorindustrielle Zeit zurückblicken, ist sie uns scheinbar fern, aber Reitz bringt sie uns menschlich unheimlich nah. So wird sie ein Spiegel für unser heutiges Leben. Ja, wir haben es besser, aber wir haben auch manches verloren. Dieses Gefühl ist deutsch und romantisch, sogar sehr gefühlvoll, aber hier niemals sentimental. 

Kino: Arri, City, Solln, Münchner Freiheit
Regie Edgar Reitz (D, 225 Min)

 

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