Neu im Kino Devid Striesow über "Ich bin dann mal weg"

Schauspieler Devid Striesow Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Was ist das Geheimnis des Erfolgs von "Ich bin dann mal weg"? Devid Striesow über die Verfilmung des Buchs von Hape Kerkeling

 

Man kennt den Witz: da geht einer nur kurz zum Zigarettenautomaten und kommt nicht wieder. Denn in jedem kommt dann und wann die Idee auf: einfach mal abhauen! Hape Kerkeling hat das gemacht, in einer Lebenskrise. Sein „Ich bin dann mal weg“-Erfahrungsbericht vom Jakobsweg wurde 2006 zum Millionenseller und ist jetzt verfilmt: mit Devid Striesow als Hape auf Pilgertour.

AZ: Herr Striesow, mehr als fünf Millionen Exemplare von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ sind in Deutschland über die Ladentische gegangen. Wie erklären Sie sich den ungeheuren Erfolg?

DEVID STRIESOW: Es ist die Art und Weise, wie Kerkeling über seine teilweise grenzwertigen Erfahrungen berichtet. Er schildert sie sehr realistisch im Maßstab 1:1, wirft jedoch immer wieder von außen einen ironischen und humorvollen Blick auf seine Erlebnisse. Auf diese Art hat er die Leser in den Arm genommen. Und der liebevolle, warme und selbstironische Erzählton hat offensichtlich viele Menschen berührt.

Einen lebenden und dazu noch sehr bekannten Menschen zu spielen, ist schwer, vor allem, wenn jeder aus Film und Fernesehen ein genaues Bild von ihm hat.

Die Aufgabe lautete ja nicht Hape Kerkeling als Komiker zu spielen. Ich sollte ihn als Privatmensch zeigen, wie er dem Publikum bisher weitgehend unbekannt ist. Das Persönliche an der Figur im Film musste ich vornehmlich aus mir selbst herausholen. Sonst wird das ja nicht lebendig. Das ist der ganz normale schöpferische Prozess des Schauspielens.

Könnten Sie sich auch vorstellen, die andere Seite, den öffentlichen Komiker Hape Kerkeling zu spielen?

Nein, daran ist auch das erste Casting gescheitert. Eine Aufgabe war da Kerkelings Lied „Das ganze Leben ist ein Quiz“ zu singen, obwohl das gar nicht im Film vorkommen sollte. Ich war sehr interessiert an dem Projekt, aber ich musste in der Vorbereitung feststellen, dass ich da nicht rankomme und habe das Casting abgesagt. Zwei Jahre später – ich dachte, die hätten schon längst mit dem Drehen angefangen – kam dann eine Einladung zu einem zweiten Casting und da ging es nur noch darum, die privaten Seiten Kerkelings zu zeigen. Darauf konnte ich mich einlassen.

Haben Sie sich mit Kerkeling getroffen?

Nein, ich habe ihn zum ersten Mal gesehen, nachdem er sich den Film schon angeschaut hatte. Das war bei der Verleihung der Goldenen Kamera. Er wurde zur Fotowand gezerrt und im Vorbeigehen sagte er: „Wunderbarer Film. Hat mir sehr gut gefallen. Viel Glück damit. Sag mal hast du mich da am Anfang parodiert, als...“ – und dann war er schon wieder weg.

Das heißt, Ihre einzige Quelle war das Buch?

Das Buch und viele Videoclips aus vergangenen Sendungen. Ich schau nicht so viel fern und hatte Kerkeling nicht in der Masse wahrgenommen, wie es das deutsche TV-Publikum getan hatte. Ich kannte „Kein Pardon“ und die Königin-Beatrix-Nummer. Ich weiß auch nicht, ob ein persönliches Gespräch so gut gewesen wäre, weil man dann als Schauspieler schnell das Gefühl bekommen kann, dass man das Original nur kopiert.

Wir leben im Zeitalter der Burn-Outs. „Ich bin dann mal weg“ erzählt auch von der Notwendigkeit, sich eine Auszeit zu gönnen. Kennen Sie das Gefühl, einmal alles stehen und liegen lassen zu wollen?

Kerkeling hat seine Karriere ja sehr früh begonnen und stand mit seinen TV-Live-Shows ganz anders in der Verantwortung als ein normaler Schauspieler. Und da sagt der Körper irgendwann einfach „Ich will nicht mehr“ und zwingt einen zum Aufhören. Ich arbeite zwar viel, aber das hat eine ganz andere Überschaubarkeit. Die Spielsituationen vor der Kamera oder auf der Bühne empfinde ich nicht als anstrengend. Eher das ganze Drumherum wie Kostümproben, Pressetermine und so weiter. Man kann den Körper nicht immer ans Limit fahren und nach dem Zusammenbruch hoffen, dass man sich wieder erholt. Man muss sich am Tag seine Ruhepole suchen, um später wieder voll in die Energie reingehen zu können. Da arbeite ich nach dem Yoga-Prinzip. Kleine alltägliche Dinge ganz bewusst tun. Seinen Kaffee morgens im Sitzen trinken und nicht im Gehen. Solche Sachen.

Der Jakobsweg ist für Kerkeling nicht nur eine Burn-Out-Kur, sondern auch ein spirituelles Erlebnis.

In dem Buch werden Fragen thematisiert, die einen Mittdreißiger, der ich war, als das Buch erschien, immer öfter berühren. Man hinterfragt seinen Erfolg, überlegt, wo man gerade im Leben steht und wie es weiter gehen soll. Man beginnt sich mit dem Ende des Lebens zu beschäftigen, weil man das Ende schon erahnt, obwohl es noch weit weg ist. Diese Themen behandelt Kerkeling mit großer Leichtigkeit, aber nicht leichtsinnig. Das hat eine gewisse Tiefe und trotzdem zeigt er immer wieder, dass das Leben auch weiter geht – und diese Haltung hat viel mit Glauben zu tun.

Sind Sie selbst ein religiöser Mensch?

Nein, ich habe das nicht lernen dürfen im Osten und dem hänge ich auch ein wenig hinterher. Religion war in der DDR zwar nicht verboten, aber verpönt. Sie galt als konservativ und rückständig. In Rostock wurden Kirchen gesprengt. Sieht man sich diese Bilder an, tut einem das Herz weh. Wenn man als Kind nicht lernt, was mit Glauben gemeint ist, kann man das nicht mehr aufholen. Glauben kann man als Erwachsener nicht mehr erlernen, selbst wenn man will. Man bekommt die Tiefe nicht hin. Ich würde mich deshalb eher als spirituellen Typ bezeichnen. Ich glaube, dass es etwas gibt, was wir nicht sehen können, eher energetische Formen, die das, was wir sind, am Leben halten und uns auf den Weg bringen. Und der Weg ist das Ziel – das ist zwar ein oft bemühter Satz, aber da ist etwas dran.

 

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