Neu im Kino: "Als wir träumten" von Andreas Dresen - AZ-Kritik Zärtliche Chaoten - nach dem Roman von Clemens Meyer

Der herbe Charme der Verantwortungslosigkeit: Dani (Merlin Rose), Pitbull (am Steuer: Marcel Heuperman) und Rico (Julius Nitschkoff) in "Als wir träumten". Foto: Pandora
Eine fantastisch gefährliche Zeit: Andreas Dresen hat Clemens Meyers "Als wir träumten" verfilmt

Es war eine wunderbare Zeit. Es war eine unheimliche Zeit. Die Mauer war plötzlich gefallen, der Westen kurz sentimental gerührt, ansonsten ungerührt, letztlich uninteressiert. Dabei passierte zwischen Rostock und Plauen, Schwerin und Dresden etwas Unwiederholbares, Ungeheuerliches, Anarchisches.

Clemens Meyer war 13 Jahre als zusammenwachsen sollte, was zusammen gehörte. 16 Jahre später hat er sich mehr als zurückerinnert und einen wild-nostalgischen, völlig unweinerlichen, hart liebenden Roman über seine Halbstarken-Zeit in Leipzig geschrieben. „Als wir träumten“ wurde ein Meisterwerk. Es ist die Geschichte eines Freundeskreises in einem Alter, wo man noch fest, romantisch, zupackend zusammen hält, wo die Wege sich noch nicht getrennt haben, alles offen und möglich erscheint.

Sich im Coolsein verrennen, Chaos leben, einen Club im Niemandsland aufmachen

Erzählt ist alles aus der Sicht von Dani, dem unbewusst Restbürgerlichen, Sensiblen, der sich zu allen Abenteuern anstecken lässt. Mark ist der Gefährdetste, Rico ein Sich-durch-Boxer mit Jugendheim-Vergangenheit, Pittbull der Zupackende, Pragmatische und Paul, das Babyface, ist wirklich krass drauf. Sie sind keine Glatzen, keine linken „Zecken“, einfach Jungs aus zerfallenen Plattenbau-Familien, die viel trinken, Autos für eine Spritztour „ausleihen“, einen Club aufmachen im backsteinernen abgewickelten Industrie-Niemandsland, wo man einfach ‘ne Stromleitung anzapft und aufdreht.

Das Faszinierende ist eine Parallelität: die einer gesellschaftlichen Anarchie, in der alles, was die letzten zwei Generationen gegolten hat, implodiert ist, nichts mehr Autorität beanspruchen kann. Gleichzeitig steht aber das kraftvoll-junge Lebensalter, in dem man sich ausprobiert, auflehnt, entzieht, sich verantwortungslos ins Cool-Sein verrennt. Bis die Realität zuschlägt - in nForm von Polizei, Neonazis, Nachbarn, Mafia. Der abenteuerliche Traum endet: im Suff, an der Nadel, im Knast, im Bürgerlichen oder – wie bei Clemens Meyer – beim Schreiben.

Ein Gespür für die anarchische Situation der Nachwende. Und das Jungsein

Andreas Dresen hat diesen Leipziger Roman verfilmt. Dresen ist ein Meister des packenden Gefühls ohne Sentimentalität: von der Freundes-Paarbeziehungs-Tragikomödie („Halbe Treppe“) über den „Sommer vorm Balkon“, Altersliebe („Wolke 9“) bis hin zum Sterbe-Film „Halt auf freier Strecke“. Und als Ex-Schweriner hat er selbst ein besonders Gespür für das junge Nachwende-Gefühl.

Die Schwierigkeit ist nicht, als Literaturverfilmung einfach die bei „Als wir träumten“-Geschichte etwas verdichtet nachzuerzählen. Sondern man muss die besondere Ausnahmezustands-Stimmung des Romans treffen: den rauschhaften Zug, die jugendliche Leichtigkeit bei gleichzeitiger Lebenskampf-Härte. Dresen gelingt das ohne Mätzchen oder Experimente. Sogar die Rückblenden in die Jungpionier-Schulzeit von Dani und seinen Freunden wird nicht zur platten Abrechnung mit dem SED-Staat, sondern eine ironisches Kindheitslächeln.

Und so ist man als Kinozuschauer glücklich, aufgewühlt, berührt – weil es Dresen gelungen ist, wie Meyer die Geschichten mit melancholischer Liebe zu seinen Figuren zu erzählen: zu diesen verlorenen Träumern, die uns – mit allen ihren Fehlern, Härten und zerstörerischem Wahnsinn – an die eigene Jugend erinnern, an die Freiheit vor der Weggabelung zwischen Bürgerlichkeit und Scheitern.

Kino: Atelier, Monopol R: Andreas Dresen (D, 117 Min.)

 

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