In seinem Buch „Entlang den Gräben“ bereist der Schriftsteller Navid Kermani Osteuropa, das für viele im Westen ein blinder Fleck ist

Navid Kermani erzählt über das Lebensgefühl Steppe, Deutsch sprechende Bewohner von Jalta und die Sehnsuchtsstadt Odessa – und begegnet in seinem Reisebuch „Entlang den Gräben“ immer auch der deutschen Kultur, Geschichte und Vergangenheit.

AZ: Herr Kermani, wie sind Sie auf die Idee der literarischen Reportagereise gekommen?
Navid Kermani: Es gab da einen sehr konkreten Hintergrund: Ich wollte nach Isfahan reisen. Die Strecke über den Balkan und die Türkei kannte ich gut. Aber auf der Route nördlich des Schwarzen Meeres lagen so viele Länder, die mir fremd waren, die vielen von uns im Westen fremd sind, in denen sich aber im 20. Jahrhundert so enorm viel ereignet hat, nicht zuletzt auch an deutscher Geschichte. Das hat meine Neugierde geweckt. Ich habe einfach gemerkt, dass Osteuropa für mich ein blinder Fleck war.

Weil man hier doch eher nach Westen schaut?
Ja, und das, obwohl diese Länder sehr eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind, nicht nur durch die Weltkriege. Deutsche Auswanderer sind im 19. Jahrhundert bis nach Baku und Aserbaidschan gekommen, da gab es überall deutsche Kolonien. Aber gleichzeitig findet man hinter dem Kaukasus auch starke iranische Einflüsse. Mein eigener Urururgroßvater stammte aus Tiflis, das damals zum Iran gehörte. Plötzlich werden Deutschland und Iran Nachbarn, oder genauer gesagt, selbst zwei so fern scheinende Kulturen überlappen und vermischen sich.

Haben Sie sich unterwegs eher als Deutscher oder als Iraner gefühlt?
Das kam drauf an. Ich habe mich noch nie so deutsch gefühlt wie in Auschwitz, wo ich ein Eintrittsbändchen um die Hand mit der Aufschrift „deutsch“ bekam, weil ich nun mal zu einer deutschen Gruppe gehörte. Bis zum Kaukasus wurde ich überall als Deutscher angesprochen, weil dort Deutsche so präsent sind im Gedächtnis. Im Transkaukasus hingegen wirkte die iranische Kultur stark, und entsprechend wurde ich ab Georgien eher auf das Persische angesprochen, als Iraner, nicht mehr als Deutscher. Mein Gefühl ist ja nicht so wichtig, aber interessant war schon, wie sich die Wahrnehmung von mir als Reisendem veränderte je nach historischer Erfahrung.

Der Zweite Weltkrieg hat Sie auf Ihrer Reise regelrecht verfolgt.
Wenn man wie ich in Westdeutschland sozialisiert worden ist, dann hat man einfach nicht auf dem Schirm, dass die eigentlichen Schrecken des Krieges in Osteuropa stattgefunden haben. Dort gab es die großen Vernichtungslager, dort sind ganze Landstriche entvölkert worden, dort fanden die großen Schlachten zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht statt.

In „Entlang den Gräben“ zitieren Sie mehrere Male das Buch „Bloodlands“ von 2010. Timothy Snyder erzählt darin drei miteinander verknüpfte Geschichten – Stalins Terrorkampagnen, Hitlers Holocaust und den Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und Zivilbevölkerung. Hat auch dieses Buch mit dem Beschluss zur Reise zu tun?
Tatsächlich war es ein bisschen so wie ein Reiseführer mit entsprechenden Städtenamen. Da braucht man ja nur durchs Register zu schauen: Wo hat sich welche Schlacht ereignet, wo gab es ein Vernichtungslager, wo hat sich welches Ereignis zugetragen?
Snyders Erkenntnis aus der Geschichte für die Gegenwart mündet in seinem Buch „Über Tyrannei“, indem er sich deutlich für Demokratie und Meinungsvielfalt ausspricht.

Kann man Lehren aus der Geschichte ziehen, indem man mit Geschichtskenntnis aus der Gegenwart zukünftige Entwicklungen erspürt?
Ich könnte das vermutlich nicht. Was mir allerdings auffällt, ist, wie mächtig Geschichte ist und auf unbewusster Ebene in eine Gesellschaft hineinwirkt. Ich halte prinzipiell die Erinnerungskultur für ein hohes Gut und einen großen Gewinn, weil man sich dann mit seiner Geschichte auseinandersetzt. Da geht es gar nicht nur um die bloße Information über das Geschehene, sondern auch über die Haltung, die man dazu einnimmt.

Wie erreicht man das?
Gesellschaften müssen sich erinnern, sich kollektiv erinnern. Das geht nur durch Gedenktage, durch Erinnerungskultur, durch Denkmäler, durch öffentliche Diskussion. Wo das alles ausbleibt, wirkt Geschichte aber dennoch nach, aber dann auf unbewusster Ebene. Da wird sie oft unheimlich. Erinnerung wird in manchen Ländern Osteuropas nur eingeschränkt öffentlich artikuliert. Das tut Gesellschaften nicht gut, und den Menschen erst recht nicht, wenn sie sich über ihre eigene Vergangenheit nicht mehr verständigen können.

Sie schildern in Ihrem Buch autoritäre Systeme, die einen Teil der Geschichte resolut ausblenden, aber auch eine Marktwirtschaft, für die historisch Gewachsenes, ja ganze Stadtviertel, gnadenlos überformt werden.
Die Phänomene des Massentourismus verändern Städte substanziell. Sie bedingen eine ganz starke Nivellierung in ganz Europa, auch jenseits der EU. Da wird das Leben austauschbar, überall beobachtbar sind die gleichen Werte, Lebensabläufe, eine Gleichheit, wie man zu bestimmten Dingen steht, die Freizeit verbringt. Im Kaukasus ist mir aufgefallen, dass Grenzen, auch wenn sie dort manchmal undurchdringlich sind, auch was Positives sind: wegen der Verschiedenheiten. Darin liegt ein Reichtum.

Kann die EU diesen Reichtum fördern?
Europa als Projekt, wie es im späten 20. Jahrhundert Gestalt angenommen hat, will nicht alles gleich machen. Es will Grenzen durchlässig machen. Es will Unterschiede bestehen lassen, aber sie politisch entschärfen. Hierzulande wird oft nicht genügend wahrgenommen, wie Unmut und Trauer entstehen über den Wegfall der alten Kulturen, Sprachen, Eigenheiten, Lebenswelten. Das hat nicht unbedingt mit Ressentiments zu tun, wenn man das Gefühl bekommt, dass einem die vertraute Welt verloren geht.

Zu all den offenbar dringend notwendigen Definitionen des Deutschseins fügen Sie eine weitere hinzu, die auch in der Geschichte wurzelt: Deutschsein heißt, diejenige Sprache zu benutzen, in der in Auschwitz befohlen wurde. Eine Aussage, die auf der Seite der „nationalen“ Geschichtsschreibung durchaus provozieren könnte…
Wieso provozieren? Das ist doch einfach so. Man muss nur aus Deutschland raus, dann sieht man, dass man diese Aspekte der Geschichte nicht vergessen kann. Durch die Westbindung haben wir den Schrecken des 20. Jahrhunderts aus unserem topographischen Gedächtnis gelöscht. Das hat uns manches leicht gemacht. Aber in Städten wie Wilnius, Minsk, Kiew wird man auf Schritt und Tritt mit diesem Teil der Geschichte konfrontiert. Normalität ist nicht das Gefühl, das Sie haben, wenn Sie durch diese Länder reisen. Im Übrigen: Wenn es etwas spezifisch Deutsches gibt, was das Land von anderen unterscheidet, ist es das: Die Bundesrepublik ist nicht geschichtsvergessen. Deutschland sucht die öffentliche Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Ja, eigentlich ist das sogar das Einzige, was mir als spezifisch deutscher Wert einfällt.

Also eine deutsche Erinnerungskultur?
Ich sehe zwar schon auch das Pflichtschuldige daran. Aber Erinnerung läuft eben auch über Rituale – und durch Reisen. Und immer wieder das darüber Sprechen. So bleibt Erinnerung für uns lebendig. Die Zeugen, die aus eigener Erfahrung berichten, wird es nicht mehr lange geben. Ohne Erfahrung aber werden Gedenkrituale als leer empfunden. Wissen allein genügt nicht. Es braucht die Anschauung, und wenn eben nicht von den Augenzeugen selbst, dann in der Literatur, in Reportagen und Dokumentationen. Aber man kann es auch physisch finden überall im Osten direkt vor Ort. Es macht etwas mit einem, wenn man dorthin fährt. Und man hat etwas zu erzählen, wenn man wieder zurückkehrt.

Navid Kermani: „Entlang den Gräben – Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ (C. H. Beck Verlag, 442 Seiten, 24,95 Euro). Lesung / Diskussion: Di, 20. Feb., 20 Uhr, Residenztheater, Navid Kermani und Thomas Loibl, Restkarten, 10 Euro, Telefon 2185 1920