Nadine Angerer Die Frau mit der Mütze

Im Tor der National-Elf die Nummer eins: Nadine Angerer Foto: dpa

Deutschlands Keeperin Nadine Angerer ist nicht nur die wohl beste Torfrau der Welt, sie bekennt sich dazu, bisexuell zu sein.

 

Berlin - Erst kürzlich hat sich Nadine Angerer wieder selbst beim Träumen ertappt. Vergangenen Donnerstag geschah es, bei der geglückten Generalprobe der deutschen Fußballerinnen gegen Norwegen (3:0), als sich die Torhüterin, die alle nur „Natze“ nennen, im Platzregen an den Pfosten lehnte. „Wow, habe ich da hinten gedacht: Auf die Mannschaft vorne kann man echt stolz sein.“

Wenn sich heute die Nationalmannschaft am Berliner Lützowufer im Grand Hotel Esplanade trifft, dann gilt als sicher, dass die Torfrau mit dem Mützentick guter Laune ist. Keine wirkt vor den Titelkämpfen so entspannt, obwohl keine so viel zu verlieren hat wie die 32-Jährige. Die in Lohr am Main geborene Nadine Angerer blieb schließlich bei der WM 2007 in China ohne Gegentor. Eine weiße Weltmeister-Weste über 540 Minuten. Dass die Null auch wieder in allen vier Vorbereitungsspielen stand und Nadine Angerer bei ihren wenigen Bewährungsproben keine Unsicherheit offenbarte, macht die Sache für die Nummer eins nicht einfacher. Oder doch?

Die Frage, ob sie nun wieder gedenke, ohne Einschlag ins Eckige über die Runden zu kommen, findet sie im Grunde scheußlich – manchmal setzt es dann auch patzige Antworten, je nach Laune der Individualistin. Denn diese Frau tickt anders, und das hat weniger damit zu tun, dass sie sich schon Ende vergangenen Jahres offen zu ihrer Bisexualität bekannte. Schlichte Begründung: „Warum soll ich etwas verheimlichen? Wann man zu sich steht, ist es doch egal, was die anderen sagen.“ Es gebe nette Männer und nette Frauen. Sie möchte sich eben nicht festlegen und ihr Umfeld wisse doch längst Bescheid.

Nadine Angerer, in deren Lebensentwurf Afrika-Reisen und Secondhandläden eine große Rolle spielen, ist irgendwie ein eloquenter, witziger und doch unberechenbarer Zeitgeist geblieben, der schon viel erlebt hat. Gelernte Physiotherapeutin, abgebrochene Ausbildung zur Veranstaltungstechnikern, Kameraassistentin und Komparsin bei der ARD-Serie Marienhof stehen in ihrer beruflichen Vita, der sportliche Weg, begonnen beim ASV Hofstetten und 1. FC Nürnberg, wird geprägt von Profi-Engagements beim FC Bayern, Potsdam und Djurgardens IF in Schweden, von wo aus sie 2009 zum Branchenführer 1. FFC Frankfurt ging.

Anfangs dachte sie, sie könnte „unmöglich in dieser Business-Stadt wohnen“, längst hat sie aber in der hektischen Bankenmetropole ein Refugium gefunden, das zu ihr passt: Studentenviertel Bornhein, Stadtwohnung mit Dachterrasse. Auf der belebten Bergerstraße mit den alternativen Szenekneipen ist die sympathische Rebellin unter Gleichgesinnten. Wie sagt sie zur ihrer Lebenseinstellung: „Vieles entscheide ich einfach nach Lust und Laune.“

Dass eingedenk dieser Haltung auch ihre Karriere im Nationalteam lange wechselhaft verlief, ist fast zwangsläufig. Sieben EM- und WM-Turniere hockte sie ohne Einsatz auf der Bank, weil an der übermächtigen Silke Rottenberg kein Vorbeikommen war. „Ich war oft an dem Punkt, an dem ich ans Aufhören dachte.“ Nur Mitspielerinnen wie Birgit Prinz oder Ariane Hingst überredeten sie zum Bleiben.

Heute hat Nadine Angerer 98 Länderspiele auf dem Konto und gilt als beste Torhüterin weltweit. Schmunzelnd denkt sie daran zurück, als sie 1999 von der damaligen Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer eine letzte Warnung erhielt: „Pass auf, Natze, entweder machst du deinen Sport jetzt hundertprozentig, dann wirst du die beste Torhüterin der Welt, oder wir können dich hier nicht mehr gebrauchen – entscheide Dich!“ Die Entscheidung ist gefallen.

 

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