Musik des Komponisten Harrison Birtwistle in der Rotunde der Pinakothek der Moderne

Fußball und Neue Musik müssen keine Gegensätze sein. Am Samstag ließ sich die fade Phase des Spiels zwischen Deutschland und Schweden mit dem Gespräch zwischen dem Komponisten Harrison Birtwistle und dem Dirigenten Clemens Schuldt überbrücken. Dann in der Pause vor dem Konzert um 22 Uhr in der Rotunde der Pinakothek der Moderne schnell raus ins Freie, um am Handy die Dramatik der Nachspielzeit zu verfolgen. Anschließend als Absacker vier Stücke von Birtwistle.

Mancher mag sich nun fragen: Geht an einem solchen Abend mehr als eine Hand voll Unentwegter ins Konzert? Oh ja! Die „Nachtmusik der Moderne“ des Münchener Kammerorchesters hat sich ein Stammpublikum erobert, das Kunstinteressierte mit Konzertbesuchern zusammen-bringt. Das reicht für eine gut besuchte Rotunde.

Sportliche Musik

Davon abgesehen: Birtwistle komponiert sportlicher als die meiste Musik der Gegenwart. Seine „Cortege – A ceremony“ von 2007 erfordert starkes Mannschaftsspiel. Jeder der 14 Streicher und Bläser muss sich sowohl als Solist wie als Teamplayer bewähren. Die um eine Große Trommel gruppierten Musiker treten nacheinander nach vorn, um ein Solo zu spielen. Sie werden bald aber vom nächsten Kollegen in den Hintergrund gedrängt, mit dem dann gleichzeitig auch der Platz getauscht wird.

Die knappen Werke des heute 84-jährigen Komponisten vertragen kantiges Offensivspiel. Die Oberfläche über den ausgetüftelten Strukturen ist rau und wird von eher brachialen Instrumenten aus dem Blech-Bereich dominert. Violin- oder Flöten-Soli sind frei von jeder Geziertheit. Und am Ende jedes Stückes gibt es immer einen überraschenden Schuss auf das Tor.

Saubere Pässe

Das Münchener Kammerorchester und seine Gast-Bläser lieferten saubere Pässe. „Virelai (Sus une fontayne)“ schärfte mittelalterliche Musik zu und erinnerte an das historische Bewusstsein der Gruppe „New Music Manchester“, die Birtwistle vor einer kleinen Ewigkeit mitbegründete. „Carmen Arcadiae Mechanicae Perpetuum“ hat die Kraft eines Stücks von Edgar Varése – neben Strawinsky eines der großen Vorbilder des Briten.

Zum Abschluss dieser „Nachtmusik der Moderne“ schickte das Münchener Kammerorchester noch einen Star auf den Platz: Håkan Hardenberger spielte den Birtwistle-Klassiker „Endless Parade“ für Trompete, Streicher und Vibrafon. Zum Glück, dass dieser Schwede kein Fußballer geworden ist: Hardenberger ist ein Mann mit unglaublicher Lunge und Lippen aus Stahl. Der legt nicht nur ein Zaubertor hin, sondern ist ein Mann mit Konstanz. Von ihm kann die deutsche Mannschaft noch was lernen.

Die nächste Nachtmusik widmet sich am 1. Dezember dem Werk von Helmut Lachenmann