Auf dem Zenit seiner erstaunlichen Karriere ist der Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg mit 71 Jahren gestorben. Ein Nachruf von einem, der ihm nahe stehen durfte.

Ich traf Enoch zu Guttenberg zum ersten Mal vor gut zehn Jahren. Ich wollte über seine Herrenchiemsee-Festspiele berichten, die er im Jahre 2000 erstmals mit großem Erfolg veranstaltet hatte. Ich vereinbarte also einen Termin im „Musikbüro Guttenberg“, das seinen Sitz in Neubeuern hat, in einem vom Baron großzügig ausgebauten, ehemals landwirtschaftlichen Anwesen, nicht weit vom Ortszentrum.

Es war heiß, die Sonne stach auf die gepflegte Kiesauffahrt. Der Baron war noch nicht da. Ich wurde gebeten, etwas zu warten – in einem herrschaftlich-gediegenen, dabei nicht ungemütlichen Salon. Die Hausdame servierte Tee und Gebäck, und ich schaute mich ein wenig um, schlich wie auf Zehenspitzen umher, als wenn ich den Hausherren, der sich zu einem Nickerchen zurückgezogen hatte, nicht aufwecken wollte.

Mehr Künstler, weniger Adel

Dann knirschte draußen der Kies, die Tür öffnete sich, und Guttenberg stürmte in den Salon, leicht vornüber geneigt, wie er auch die Konzertpodien zu erklimmen pflegte, entschuldigte sich formvollendet für die Verspätung und ließ sich in einen der geblümten Sessel fallen. Damals war er noch gekleidet, wie es sich ziemt in seinen Kreisen, mit Tweed-Sakko und Einstecktuch: der Adelsuniform.

Lesen Sie auch unsere Besprechung der letzten CD des Dirigenten

Zuletzt gab sich Guttenberg lässiger, mit Fünftagebart, zerknittertem Baumwollsakko und Sommerhut: Mehr Künstler, weniger Adel. Das lag wohl auch an seiner neuen Freundin, der ungemein sympathischen Sängerin Susanne Bernhard, mit der ihn, wie er mir gestand, mit mehr als 70 Jahren erstmals eine echte, erfüllende Liebe verbinde.

Allzu viele Konzerte hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt von ihm noch nicht gehört, aber was ich gehört hatte, etwa Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“, war im wahrsten Sinnen außerordentlich, entsprach nicht dem, was man sonst im Klassikbetrieb erwarten kann.

Voller Inbrunst und innerer Überzeugung

Vom ersten Takt an trachtete dieser Dirigent voller Inbrunst und innerer Überzeugung danach, das letzte Quäntchen an Ausdruck und Wirkung aus sich, seinen Musikern und Sängern herauszuholen, um dem auf die Spur zu kommen, was er als Wahrheit hinter den Noten und Texten erkannt zu haben glaubte. In der Wirkung auf die Zuhörer war das mitunter fast gewalttätig, immer anders, ungewohnt, unerhört.

Mit der Zeit lernte ich mehr von ihm kennen: zuletzt eine „Johannespassion“ im Münster von Frauenchiemsee, die mir in ihrer archaischen Wucht derart unter die Haut ging, dass ich die Nacht nicht schlafen konnte. Außerdem Bruckners 9. Symphonie in der Basilika von Kloster Eberbach im Rheingau, die ihm allerdings, wie er selbstkritisch einräumte, ziemlich missglückt war.

Ein Werk aber wird in meinem Herzen auf immer mit seinem Namen und seiner Person verbunden bleiben: Dmitri Schostakowitschs Holocaust-Sinfonie „Babi Yar“. Er hatte dieses in seiner Hoffnungslosigkeit kaum erträgliche Stück vor einigen Jahren auf Herrenchiemsee gespielt und ein zutiefst erschüttertes Publikum zurückgelassen. Davon schickte er mir jüngst eine Live-Aufnahme, die er wegen einiger Fehler nicht freigeben wollte. Ich hoffe, sie wird posthum veröffentlicht.

Erstaunliche Alterskarriere

Natürlich muss man Guttenbergs Personalstil nicht mögen. Aber ihm, wie es oft geschah, die Professionalität abzusprechen, war unfair. Wobei die hämischen Stimmen über den angeblich so privilegierten Dirigenten, der sich „Privatensembles“ halte, nicht „schlagen“ könne und nicht die für einen echten Kapellmeister übliche „Ochsentour“ absolviert habe, mit der Zeit immer leiser wurden. In seinen späteren Jahren genoss Guttenberg einen außerordentlichen Popularitätsschub. Seine letzten Tourneen im Jahre 2016 durch Asien und Nordamerika glichen einem Triumphzug.

Volle Häuser überall, begeisterte Zuhörer, zumeist positive bis enthusiastische Kritiken: Von seiner süddeutschen Bastion aus gelang Guttenberg eine erstaunliche, internationale Alterskarriere. Wenn man ihn mit einem seiner großen Kollegen vergleichen wollte, dann am ehesten mit dem von ihm heiß verehrten, in seiner inbrünstigen Wahrheitssuche fast ebenso unerbittlichen Nikolaus Harnoncourt.

Dabei neigte Guttenberg keineswegs zu Altersmilde: weder musikalisch noch politisch in seiner Rolle als Umweltschützer und Galionsfigur der Windkraftgegner. Guttenberg war fest überzeugt, dass diese Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels mehr Schaden anrichten als nützen und den deutschen Kulturlandschaften den Todesstoß versetzen. Manche seiner früheren Mitstreiter vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), den er einst mitgründete, waren so zu seinen ärgsten Widersachern geworden.

Zuweilen verband Guttenberg seine Liebe zur Natur ganz direkt mit seiner musikalischen Mission: „Requiem für eine Heimat“ übertitelte er ein Benefizkonzert zugunsten der Windkraftgegner mit Giuseppe Verdis endzeitlich dröhnender Totenmesse im oberpfälzischen Weiden.

Die Taktik des Kuckucks

Unser Gespräch in Neubeuern dauerte fast zwei Stunden, ungewöhnlich lang für einen Mann mit einem prall gefüllten Terminkalender. Irgendwann traten wir auf die Terrasse, von der man die Chiemgauer Berge sehen konnte. Dort erzählte er mir eine traurige Geschichte über einen kleinen Vogel, den Kuckuck. Der sei ein Fernreisender, ziehe im Winter über Tausende von Kilometern bis weit nach Afrika, um im Frühjahr wieder nach Deutschland zurückzukehren und dort anderen Vögeln seine Eier ins Nest zu legen. So sichere er, auf parasitäre, aber nach ökologischen Maßstäben keineswegs verwerfliche Weise, den Fortbestand seiner Art.

Doch der Klimawandel lasse die Vögel, deren Dienste der Kuckuck ungefragt in Anspruch nimmt, immer früher brüten. Und wenn er dann, wie gewohnt, aus Afrika eintreffe, sei es oft schon zu spät. Die Eier der Wirtsvögel seien bereits ausgebrütet, die Taktik des Kuckucks durchkreuzt.

Vielleicht werde der jedem Kind bekannte Rufer aus dem Wald deshalb aussterben, sagte Guttenberg. Unendlich traurig mache ihn das. Da wirkte dieser große Mann, der in seinem Leben viele große Männer und Frauen in seinem vornehmen Haus aus und eingehen sah, plötzlich sehr verletzlich. Fast hätte man ihn in die Arme nehmen wollen.

Er starb im Alter von 71 Jahren am Freitagmorgen in München nach kurzer, schwerer Krankheit, wie seine Söhne mitteilten. Meine Trauer ist grenzenlos.


Georg Etscheit arbeitet an einer Biografie über den Dirigenten Enoch zu Guttenberg