Nachbarschaftshilfe durch Rettungstat Boateng: Jetzt dürfte ihn auch AfD-Vize Gauland kennen

Nach dieser Aktion dürfte auch Alexander Gauland (l.) von der AfD Kenntnis von Deutschlands bestem Verteidiger, Jerome Boateng, genommen haben. Foto: dpa/AZ

Boateng, der vor der EM von AfD-Vize Gauland diffamiert worden war, wird mit seiner Rettungstat zum Held des Spiels. Bundestrainer Löw: "Es ist gut, wenn man einen Jerome als Nachbar hat."

 

Der Starke ist am mächtigsten allein, befand Johann Christoph Friedrich von Schiller, eines der Aushängeschilder der Nation der Dichter und Denker, in seinem Werk „Willhelm Tell“.

Doch manchmal ist auch der Starke im Angesicht einer Situation eher ohnmächtig als mächtig und bedarf der Hilfe anderer. So geschehen in der 37. Minute des Spiels der Schwarz-Rot-Goldenen gegen die Ukraine. Konopljanka kommt über links, selbst Welttorhüter Manuel Neuer, der mit einigen Glanzparaden seine Extraklasse zuvor unter Beweis gestellt hatte, ist überwunden, Sosulja muss die Flanke nur noch über die Linie drücken.

Der Ausgleich? Nein! Weltmeister Jérôme Boateng springt dazwischen lenkt den Ball ab – aber leider Richtung eigenes Tor. Doch keine Situation ist zu ausweglos, wenn man einen Boateng in seinen Reihen hat. Mit einer akrobatischen Flugeinlage schlägt er den Ball im Rückwärtsfallen noch von der Linie und kracht rücklings ins Tor. „Ich war selbst erschrocken“, sagte Boateng: „Der Ball kam mit vollem Tempo aus der anderen Richtung. Ich musste ihn irgendwie wegschlagen und bin im Netz gelandet. Zum Glück hat es noch geklappt.“

Was für eine Rettungstat, was für eine Nachbarschaftshilfe! „Es ist gut, wenn man einen Jerome als Nachbar hat in der Abwehr“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Dann weiß man, dass er gefährliche Situationen entschärfen kann.“ Eine kluge Replik und ein bewusstes Statement des Bundestrainers an einen, der sich als Spaltpilz hervorgetan hat, der immer noch in blond-und-blauäugig-Deutschen-Klischees gefangen ist: Alexander Gauland, der Vize der AfD, die sich als Alternative für Deutschland bezeichnet. Wie diese Alternative aussieht, hatte Gauland, der sicher kein Aushängeschild der Dichter und Denker ist, kurz vor der EM deutlich gemacht, als er mit seiner rassistischen Aussage, dass angeblich niemand „einen Boateng als Nachbarn“ haben wolle, sich selber demaskiert hatte.

Der peinliche Erklärungsversuch: Er habe gar nicht gewusst, dass „Boateng schwarz ist“. Jetzt wird auch spätestens er es wissen. Boateng ist schwarz und einer der Eckpfeiler, eine der Stützen dieser deutschen Nationalmannschaft. „Lieblingsnachbar“, schrieb Nationalspieler Antonio Rüdiger, ebenfalls ein Farbiger, der sich am Tag der Ankunft der Deutschen bei der EM im Training einen Kreuzbandriss zugezogen hat und bereits operiert wurde, und fügte an: „Szene des Tages!“

Und der Boateng im Netz wurde zum Held im Netz – dem Internet. Mit Witz, mit Humor wurde Boateng gefeiert. Gauland abgewatscht. „Mit ihm“, so die Aussage dazu, „wäre Deutschland auch 1966 Weltmeister geworden“, hieß es unter einer Fotomontage, auf der der 27-Jährige das legendäre Wembley-Tor bei der WM 1966 in England mit seiner Einlage als „fliegender Boateng“ noch verhindert.

Die Flugshow war spektakulär, unorthodox, aber umso denkwürdiger. „Die Nationalmannschaft von Alexander Gauland“, stellte ein Twitterer fest, „hätte übrigens 1:1 gespielt.“ Auch Sprüche im Stil der Tweets über den angeblich unbezwingbaren Actionfilm-Helden Chuck Norris machten umgehend die Runde: „Jerome Boateng hat keine Angst vor Eigentoren. Eigentore haben Angst vor Jerome Boateng.“ Kann man nur sagen: Weiterhin auf gute Nachbarschaft.

 

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