Nach Tod von Stephan Beckenbauer Psychologin: "Die Trauer verläuft in vier Phasen"

Clemens Hagen.
Franz Beckenbauer trauert um seinen Sohn Stephan, der nach langer schwerer Krankheit im Alter von 46 Jahren gestorben ist. Foto: dpa

Franz Beckenbauer trauert um seinen Sohn Stephan. Diplom-Psychologin Cordula Leddin erklärt, wie Eltern über den Verlust des eigenen Kindes hinwegkommen. Sie arbeitet als Verhaltens- und Hypnosetherapeutin mit Praxis in Bogenhausen.

 

Der Verlust des eigenen Kindes ist für Eltern das wohl Grauenhafteste, was sie sich vorstellen können. Die Tochter oder – wie Franz Beckenbauer – den Sohn zu Grabe tragen zu müssen, bevor man selber diese Erde verlässt, das empfinden die meisten als ungerecht. Es macht sie traurig und wütend. Wie die Hinterbliebenen lernen können, mit dem Schmerz umzugehen und welche Hilfe sie benötigen, das erklärt die Münchner Psychologin Cordula Leddin im Gespräch mit der AZ.

AZ: Frau Leddin, was geht in einem Menschen vor, der sein Kind verliert?

CORDULA LEDDIN: Zuerst stellt sich die Frage, wie alt das Kind war. War es noch klein, empfinden es die Eltern meist als noch schmerzlicher als bei einem erwachsenen Kind. Kleine Kinder hätten ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt, während ältere bereits ein Stück des Weges gegangen sind. Tröstlich ist es, wenn die Kinder bereits selber Kinder haben ...

... so wie im Fall Franz Beckenbauer ...

... dann sehen Großeltern, dass ihre verstorbenen Kinder in den Enkeln ein Stück weit weiterleben.

Wie ist es mit der Trauer? Was macht sie mit den Hinterbliebenen?

Generell lässt sich Trauer in vier Phasen einteilen. Die erste Phase: Hinterbliebene wollen nicht wahrhaben, dass ein geliebter Mensch von ihnen gegangen ist, sie wähnen sich in einem Albtraum. Die zweite Phase: Sie fallen in ein Loch, halten alles für sinnlos, verlieren selbst die Lebenslust. Die dritte Phase: Sie empfinden Wut, Wut auf Gott, manchmal sogar Wut auf den Verstorbenen. Die vierte Phase: Die Hinterbliebenen kommen über den Verlust hinweg, sie schließen ihren Frieden damit.

Wie lange dauert dieser Prozess etwa?

Genau kann man das nicht sagen, zumal die Hinterbliebenen oft zwischen den einzelnen Phasen hin- und herspringen. Es dauert zirka ein Jahr – das berühmte Trauerjahr.

Was hilft Menschen in der schweren Zeit der Trauer?

Natürlich der Glaube. Fehlt der Glaube daran, dass auch die größte Katastrophe, der schlimmste Verlust irgendwo einen Sinn haben, wird es schwer. Wichtig sind außerdem eine stabile Familie, gute Freunde, eine erfüllende Arbeit und ein geliebtes Hobby – die vier Säulen des Lebens eben.

Auch wenn sie das alles haben, zerbrechen viele Menschen am Tod des Kindes. Stichwort Petra Schürmann.

Stimmt, Petra Schürmann lebte in einer fast ungesunden symbiotischen Verbindung mit ihrer Tochter Alexandra. Sie waren miteinander verwachsen wie ein Baum mit der Erde. Petra Schürmann hat sich regelrecht in ihre Trauer gestürzt, sie auch öffentlich gemacht, indem sie ein Buch darüber geschrieben hat.

Inwiefern ist es hilfreich, wenn man – wie Franz Beckenbauer – eine neue Familie hat, noch einmal kleine Kinder mit einer jungen Frau?

Das kann einerseits schon helfen. Man versucht, die Fehler, die man mit früheren Kindern gemacht hat, als man nie Zeit für sie hatte, weil nur die Karriere zählte, nicht zu wiederholen. Man genießt das Vatersein. Andererseits besteht die Gefahr, dass man die kleinen Kinder zu sehr in Watte packt, weil einem die Vergänglichkeit des Lebens, seine Fragilität, bewusster ist.

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Franz Beckenbauer konnte sich von seinem Sohn verabschieden. Wie wichtig ist es, wenn man Zeit hat, um jemanden in den Tod zu begleiten?

Das ist enorm wichtig. Man kann seinen Frieden miteinander machen, sich noch einmal ganz in Ruhe aussprechen, gemachte Fehler aus der Welt schaffen. All das ist natürlich nicht möglich, wenn ein Kind beispielsweise am plötzlichen Kindstod stirbt.

 

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