Nach Skandal in der Frühchenstation Kinderklinik Harlaching: Gutachter entlastet Chefarzt

Mitarbeiter der Kinderklinik Harlaching hatten in einem offenen Brief schwere Vorwürfe gegen den Chefarzt erhoben. Ein externer Gutachter weist die Anschuldigungen zurück. Foto: dpa

Dem ersten Ergebnis einer externen Untersuchung zufolge ist an den Vorwürfen gegen den Chefarzt der Kinderklinik Harlaching nichts dran. Welche Konsequenzen hat das jetzt?

 

München - Ein Gutachter hat den ins Zwielicht geratenen Chefarzt der Kinderklinik Harlaching entlastet. Pflegekräfte der Frühchen-Station hatten in einem Brandbrief heftige Vorwürfe gegen den Mediziner erhoben. Seither stand im Raum, dass Babys aufgrund von Behandlungsfehlern verletzt worden und sogar gestorben sein könnten. Die Geschäftsführung des Stadtklinikums nahm das Schreiben so ernst, dass sie die Staatsanwaltschaft und auch einen externen Gutachter einschaltete – den Ordinarius der Uni-Kinderklinik Lübeck, Egbert Herting.

Gestern Vormittag, 11 Uhr, ging ein 23-seitiges Teilgutachten des Neonatologie-Experten beim Stadtklinikum ein. Nur vier Stunden später verkündete der medizinische Klinik-Geschäftsführer Hans-Jürgen Hennes vor Vertretern der Presse: „Aus Sicht des Gutachters gibt es keinen Hinweis auf Behandlungsfehler.“

Der Lübecker Professor hatte insbesondere die Krankenakten von vier Frühchen überprüft, die seit dem Amtsantritt des Harlachinger Chefarztes im vorigen Jahr gestorben waren. Im Anschluss attestierte er den Münchnern, dass Therapiestandards angewandt würden, „die dem aktuellen Wissensstand und gültigen Leitlinien entsprechen“.

Konkret hatte das Pflegeteam falsch durchgeführte Darm-Spülungen für Verletzungen oder den Tod von Babys auf der Station K9 verantwortlich gemacht. Nach dem Eintreffen des vorläufigen Gutachtens teilten Vertreter der Klinikums-Spitze jetzt mit, dass es bei allen vier verstorbenen Kinder völlig andere Todesursachen gegeben habe. Und auch bei zwei noch lebenden Kindern, die an einer Darmperforation litten, habe die Überprüfung der Akten keine Auffälligkeiten ergeben.

Oberstaatsanwaltschaft Thomas Steinkraus-Koch erklärte im Gespräch mit der AZ daraufhin: „Wir können hier keinen Anfangsverdacht begründen und müssen den Vorgang deshalb abschließen.“

Wie geht es jetzt weiter? Die gutachterliche Prüfung läuft nichtsdestotrotz weiter. Welche Folgen die ganze Angelegenheit für die 20 Pflegekräfte haben wird, die den Brandbrief unterzeichneten, ist noch unklar. Geschäftsführer Hennes sagt: „Erst wenn eine abschließende Bewertung zu allen Anschuldigungen des Pflegepersonals vorliegt, können und werden wir Konsequenzen ziehen.“ Die Namen der Unterzeichner liegen bisher aber nur dem Harlachinger Betriebsrat vor – und nicht der Geschäftsführung.

Das Arbeitsklima in der Abteilung war schon vor dem Bekanntwerden des Schreibens hoch belastet. Auch eine Mediation blieb erfolglos. Aufsichtsratschef Hep Monatzeder spricht von einer „emotionalen Situation“. Ob diese seiner Meinung nach der eigentliche Grund für die Vorwürfe gegen den Chefarzt gewesen ist? „Da müsste ich spekulieren.“

Die Harlachinger Klinikleiterin Kristin Drechsler berichtet von der aktuellen Stimmung auf der Intensivstation K9: „Es herrscht Unruhe und Betretenheit, durch die Eltern werden Ängste geäußert, denen wir durch eine umfangreiche Aufklärung begegnen.“ Die Verunsicherung der Bevölkerung sei aber nicht nur in der Kinderklinik zu spüren. „Sie betrifft das ganze Haus.“

 

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