Nach Manipulationsskandal Kein Ende im Abgas-Ärger - VW in der Problemzone

Krise bei Volkswagen: Der deutsche Autobauer steckt nach dem Abgas-Skandal tief in der Problemzone. Foto: dpa

Volkswagen bleibt in der Krise. In Deutschland und Frankreich drohen weitere Abgas-Prozesse, in Amerika muss der US-Chef im Kongress aussagen. Themen genug für eine weitere Sondersitzung der Aufseher.

 

Wolfsburg - Im Abgas-Skandal kommt Europas größter Autobauer Volkswagen nicht aus der Problemzone. In Frankreich und Deutschland drohen wegen der Manipulationen bei Diesel-Fahrzeugen weitere Prozesse, Kanzleien suchen im Heimatmarkt der Wolfsburger nach Geschädigten für Sammelklagen. In Mexiko standen am Samstag die Bänder still, in Australien stoppte die Tochter VW Australia den Verkauf einiger Dieselmodelle. Die US-Umweltbehörde EPA, die den Skandal vor zwei Wochen öffentlich machte, kündigte neue Tests an.

Einbezogen werden könnten auch deutsche Hersteller. Das auf den 25. September datierte Schreiben der EPA richtet sich pauschal an alle Autobauer - Namen einzelner Unternehmen werden nicht genannt. In dem Dokument weist die EPA darauf hin, mit den neuen Verfahren solle geprüft werden, ob möglicherweise Schummelsoftware (Englisch: defeat device) verwendet wird. Sprecher von BMW und Daimler sagten, entsprechende Pläne seien ihnen bekannt.

Auch die kommende Woche verspricht nicht ruhiger zu werden. Am Dienstag spricht der neue VW-Chef Matthias Müller in Wolfsburg erstmals zu den Beschäftigten, tags darauf steht schon die nächste Krisensitzung des Aufsichtsrates auf dem Programm. Als genüge dies nicht, muss am Donnerstag der US-Chef von VW, Michael Horn, im amerikanischen Kongress Rede und Antwort stehen.

Initiator für den neuen Ärger in Deutschland ist ein Privataktionär aus Baden-Württemberg, der beim Landgericht Braunschweig eine Schadenersatz-Klage einreichte, wie ein Gerichtssprecher bestätigte. Der Mann hatte im April und Juli VW-Vorzugsaktien gekauft und möchte diese Transaktion nun rückabwickeln, teilte seine Kanzlei mit. Laut seiner Anwälte habe der Kläger rund 20 000 Euro verloren.

Auch in den USA arbeiten Rechtsanwälte an Sammelklagen enttäuschter Kunden, unabhängig davon drohen VW Milliardenstrafen der Behörden. Der Aufsichtsrat des Autogiganten drängt einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" zufolge Konzernchef Müller, rasch in die USA zu reisen und dort Reue zu zeigen.

"Mir ist bewusst, dass Sie als Aktionäre des Konzerns viele Fragen haben, auf die Sie gern eine Antwort hätten", heißt es derweil in einem auf der VW-Internetseite veröffentlichten Brief Müllers an die Aktionäre. "Ich versichere Ihnen, dass ich Ihnen Antworten geben werde". Dafür bat Müller aber um Zeit.

Lesen Sie hier: Abgas-Skandal - VW sucht nach Wegen aus der Krise

Der Skandal wird nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur auch den VW-Aufsichtsrat erneut beschäftigen. Am Mittwoch wird das 20-köpfige Kontrollgremium abermals zu einer Krisensitzung in Wolfsburg zusammenkommen. Dabei soll nach dpa-Informationen auch der Präsidiumsbeschluss zur Wahl des bisherigen VW-Finanzchefs Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat abgesegnet werden. Seitens der IG Metall gibt es aber immer noch Kritik an der Personalie. Einen Tag zuvor soll es auf dem Werksgelände eine Betriebsversammlung geben. Dann wird Müller erstmals das Gespräch mit den Beschäftigten suchen.

Im weltweit zweitgrößten VW-Werk im mexikanischen Puebla wurden unterdessen die ursprünglich für Samstag geplanten Sonderschichten gestrichen. Dort werden mehr als 500 000 Fahrzeuge pro Jahr gefertigt. Ein Großteil ist für den Export in die USA bestimmt.

Zumindest für die Besitzer von möglicherweise betroffenen Dieselautos gibt es einen kleinen Lichtblick: Nach Audi richtete auch VW eine Internetseite ein, auf der über die Fahrgestell-Nummer überprüft werden kann, ob ein Wagen von den Manipulationen betroffen ist.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf, einen Runden Tisch "Verantwortung im Automobilmarkt" einzurichten. Ziel müsse es sein, für mehr Markttransparenz, bessere Regulierung und ausreichende Kontrolle zu sorgen. So ließe sich auch das Vertrauen der Verbraucher in die Autobranche zurückgewinnen, sagte vzbv-Chef Klaus Müller.

Lesen Sie hier: Wolken über der Autobranche

Vor zwei Wochen war herausgekommen, dass Volkswagen in den USA mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert hatte. Weltweit sind laut VW elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon rund 2,8 Millionen in Deutschland. Bereits am 3. September soll Volkswagen gegenüber der EPA die Manipulationen eingeräumt haben.

Experten glauben trotz des Skandals an eine Zukunft für Diesel-Fahrzeuge. "Das Ende der Diesel-Technologie bedeutet das sicher nicht", sagte Professor Reinhard Kolke, Leiter Test und Technik beim ADAC, der dpa in München. "Wichtig ist, dass die Automobilindustrie in allen Fahrzeugsegmenten Abgasminderungstechniken einsetzt, die wirksam Emissionen verringern." Dabei müsse über alle Betriebszustände der Stickoxid-Grenzwert gemäß Euro-6-Norm von 80 Milligramm pro Kilometer eingehalten werden. "Die hierfür erforderlichen Techniken sind bereits heute serienmäßig verfügbar", so Kolke.

Der VW-Aktie findet indes weiter kaum Halt. Am Freitag rutschten die Vorzugspapiere an der Frankfurter Börse nochmals ab - zwischenzeitlich so tief wie seit Oktober 2011 nicht mehr. Seit dem Bekanntwerden des Abgas-Skandals brachen sie um rund 43 Prozent ein. Die Marke VW legte indes nach den Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes im September um 3,8 Prozent zu. Sie behauptete damit klar den größten Marktanteil von 20,9 Prozent. Allerdings dürfte sich der Abgas-Skandal noch nicht auf die Zahlen ausgewirkt haben, weil Käufer ihre Neuwagen in der Regel Wochen oder Monate im Voraus bestellen.

 

1 Kommentar