Nach Holland-Sieg Kahn ist sicher: "Europameister!"

Hier erklärt Oliver Kahn, warum Deutschland den Titel holt – und er Scholls Kritik an Gomez „sehr antiquiert” findet

 

AZ: Herr Kahn, wie geht's Ihnen dort auf Usedom im EM-Studio des ZDF, scheint ja aufgrund des Wetters eine windige Angelegenheit zu sein?

OLIVER KAHN: Alles wunderbar. Wir hatten nur bei den Nachmittagsspielen ein wenig mit dem Wind und der tief stehenden Sonne zu kämpfen.

Sie und ZDF-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein bleiben während des gesamten Turniers dort, Ihr Experten-Kollege und früherer Mitspieler Mehmet Scholl reist dagegen mit den ARD-Moderatoren von EM-Ort zu EM-Ort.

Ja, da bin ich ganz froh drum, dass wir diese Variante gewählt haben. Ich bin in meiner Spielerkarriere genug durch die Weltgeschichte gereist.

Scholl war zuletzt in der Ukraine. Was sagen Sie zu seinen Auftritten als Nachfolger von Günter Netzer?

Er macht es auf seine Art, so wie ich ihn kenne.

Sein verbaler Angriff auf Nationalelf-Torjäger Mario Gomez nach dem 1:0 gegen Portugal war doch sehr heftig, vor allem mit dem Spruch, der Schlagzeilen machte: „Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss."

Auf der einen Seite ist das Mehmets Humor, da ist er manchmal sehr speziell. Generell ist eine Art von Humor, der auf Kosten anderer Menschen geht, natürlich immer Geschmackssache. Als TV-Experte ist nun mal jede Kritik an einem Spieler öffentlich. Sachliche und fundierte Kritik muss sein. Der Mensch sollte einem dabei aber immer heilig sein.

Wie meinen Sie das?

Ich glaube nicht, dass aus öffentlicher Kritik an Spielern eine positive Motivationswirkung resultiert. Das mutet doch sehr antiquiert an. Ich denke, es gibt heutzutage viele andere Möglichkeiten, junge Menschen zur Hochleistung zu motivieren. Mich hat das früher überhaupt nicht motiviert. Im Gegenteil: ich weiß doch, wie es ist: Du sitzt zwischen den Spielen drei Tage auf dem Hotelzimmer, wirst ständig mit einem bestimmten Thema konfrontiert und musst dich damit auseinander setzen – ob du willst oder nicht. Im Fernsehen, über Mail, SMS, Anrufe, und und und - das kostet Dich unheimlich viel Substanz und Kraft, die du eigentlich woanders brauchst.

Hat Scholl also diesen emotionalen Ausbruch von Gomez nach seinem Doppelpack gegen die Holländer („Das war Druck ohne Ende. Ein paar hundert Kilo auf meinen Schultern.") letztlich provoziert?

Ich weiß doch, wie das ist: Du bist als TV-Experte gefordert live im Sekundentakt griffige Kommentare und interessante Informationen zu liefern. Wenn du dann noch vom Spiel emotionalisiert bist, kann schon mal so eine Aussage, wie sie der Mehmet gemacht hat, rausrutschen.

Zum Sport: Sie haben sich bei Ihrer Twitter-Premiere im ZDF festgelegt und geschrieben: „Wir werden Europameister!” Warum sind Sie davon überzeugt?

Ich habe bisher noch keine Mannschaft gesehen, die besser ist. Sie haben gegen Portugal solide gespielt – und gewonnen. Gegen Holland haben sie nicht an ihre Leistungsgrenze gehen müssen – und gewonnen. Es ist also noch Luft nach oben.

Und die Spanier, der Welt- und Europameister?

Da ist die Frage, ob die wirklich noch einmal bereit sind, alles zu mobilisieren. Ich sehe die Italiener, die unberechenbar sind und überraschen können. Die Gastgeber-Nationen? Die müssen erstmal die Vorrunde überstehen. England und Frankreich wirken nicht gefestigt. Deutschland dagegen ist total motiviert und focussiert, sie spielen variabel und haben das Selbstvertrauen.

Schlussfrage: Wie geht es jetzt weiter mit Ihnen und Ihrer Karriere bei Twitter als @OliverKahn? Obwohl Sie erst einen Tweet abgesetzt haben, jenen vom Mittwochabend (”Wir werden Europameister”!), haben Sie bereits gut 20000 Follower, die Ihre Kurznachrichten lesen.

Twitter ist kein Medium, das ich zur Selbstinszenierung und Effekthascherei betreibe. Ganz im Gegenteil: Ich will mich fachlich und möglichst pointiert mit den Fans und Followern auseinander setzen.
 

 

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