Nach Amoklauf von US-Soldaten Merkels schwierige Reise

Einen Tag nach dem Massaker an Zivilisten reist die Kanzlerin nach Afghanistan – und zieht die Abzugspläne in Zweifel. Rund um den Amoklauf gibt es Zweifel, Gerüchte und Drohungen

 

KABUL Der Besuch war lang geplant, und Angela Merkel zog ihn auch durch – obwohl die Stimmung in Afghanistan gerade jetzt so aufgeheizt ist wie lange nicht. Der Amoklauf eines US-Soldaten, der 16 Zivilisten erschossen hatte, könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt – mit unabsehbaren Konsequenzen für die Abzugspläne.

Der Trip der Kanzlerin nach Afghanistan war wie immer im Vorfeld geheimgehalten worden. Gestern früh kam sie dort an. Ursprünglich hätte sie auch die Unruheprovinz Kundus besuchen sollen, doch das wurde abgesagt, wegen des starken Schneefalls, hieß es als Begründung. Also machte Merkel Masar-i-Scharif zum Schwerpunkt ihres Truppenbesuches, gedachte am Ehrenhain den 52 gefallenen Deutschen, aß mit den Soldaten in der Feldkantine, sprach über den Einsatz.

Dabei zog sie auch das geplante Abzugsdatum in Zweifel. Der Versöhnungsprozess habe Fortschritte gemacht, sei aber noch nicht soweit, dass man sagen könnte: „Wir können heute hier abziehen.“ Und: „Deshalb kann ich auch noch nicht sagen, wir schaffen das bis 2013/2014.“ Merkel weiter: „Der Wille ist da. Wir wollen das schaffen.“

Später revidierte sie sich aber: Der Termin 2014 sei international vereinbart, den habe sie nicht in Frage stellen wollen. Gleichzeitig ging sie auch auf das Massaker an 16 Zivilisten ein. Sie sprach den Afghanen ihr Beileid aus. „Ich habe auch mit Präsident Hamid Karsai telefoniert und ihm mein Mitgefühl für den Amoklauf deutlich gemacht.“

Der Amoklauf ist in der Tat das beherrschende Thema in Afghanistan. Das Parlament verabschiedete gestern eine scharfe Warnung an die ausländischen Truppen: „Die Toleranzgrenze des afghanischen Volks ist erreicht. Wir verurteilen die brutale Tat der amerikanischen Soldaten.“

Brisant ist der Plural: Die Darstellung, es habe sich um einen einzelnen psychisch Kranken gehandelt, wird hier nicht geglaubt. In der extrem aufgeheizten, von Misstrauen und Wut geprägten Atmosphäre machen Gerüchte die Runde, etwa, dass eine ganze Bande von betrunkenen Amerikanern das Massaker angerichtet haben soll.

Während auch Karsai gestern vom Singular in den Plural wechselte, betonten der Verteidigungs- und der Wirtschaftsminister, es sei nur einer gewesen, man dürfe die Tat eines Individuums nicht allen Amerikanern anlasten. Die Taliban schworen Rache „für jeden einzelnen Märtyrer“.

Aus dem Dorf Najib Yan selbst gibt es widersprüchliche Berichte. Mehrere Augenzeugen wie ein 15-jähriger Überlebender sagten, sie hätten mehrere Soldaten gesehen. Andere Augenzeugen berichteten, es sei einer gewesen: „Ein irre gewordener Amerikaner hat wahllos Menschen erschossen“, sagt Habibullah Khan. Lal Mohammed, ein anderer Dorfbewohner: „Er agierte wie in einem dieser Computerspiele, wie ferngesteuert ging er von Haus zu Haus.“

In der „New York Times“ berichten Überlebende, wie der US-Soldat in der Morgendämmerung jede Tür versucht hat. In drei Häuser drang er ein und tötete die Schlafenden jeweils mit einem Kopfschuss, darunter vier Mädchen unter sechs Jahren. Er habe auch versucht, die Leichen zu verbrennen.

Unklar ist, wie er unbemerkt aus seinem Stützpunkt gekommen ist. Die 1,6 Kilometer ins Dorf ist der 38-jährige Familienvater, der in Tacoma, US-Bundesstaat Washington, zwei Kinder hat, zu Fuß gegangen. Nach seinem Amoklauf hat er sich seinen Kameraden gestellt, er ist in Gewahrsam.

Sein Heimatstützpunkt Lewis-McChord gilt als der problematischste der USA. Eine örtliche Zeitung hatte neulich berichtet, dass die Militärärzte dort 300 Traumatisierungs-Diagnosen zurückgenommen hätten – diese ziehen Pensionsansprüche nach sich. Der 38-Jährige war nach drei Einsätzen im Irak nun erstmals in Afghanistan.

 

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