Nach 34 Jahren TV-Hammer: ARD stellt "Lindenstraße" ein

, aktualisiert am 16.11.2018 - 19:34 Uhr
Urgestein der "Lindenstraße": Schauspielerin Marie-Luise Marjan. Foto: dpa/Philipp Schulze

Die wöchentliche Serie "Lindenstraße" wird nach über 34 Jahren nicht fortgeführt. Die ARD-Fernsehprogrammkonferenz hat das mit Mehrheit entschieden. Der Produktionsvertrag wird nicht verlängert. Die letzte Folge wird im März 2020 zu sehen sein.

 

München - Zu meiner Zeit hieß der Hausarzt in der Lindenstraße noch Dr. Ludwig Dressler. An seinen Vertreter Dr. Ahmet Dagdelen erinnere ich mich dunkel. Aber von Dr. Birthe Tenge-Wegemann, Dr. Ernesto Stadler und Dr. Iris Brooks habe ich ebensowenig etwas mitbekommen wie von der Eröffnung der Shisha-Bar oder einer Autowerkstatt in der nahe gelegenen Kastanienstraße.

Lange Zeit war der Beginn um 18.40 Uhr der "Lindenstraße“ ein Pflichttermin. Aber irgendwann bin ich rausgewachsen - wie Millionen andere Fernsehzuschauer. Die Quoten liegen seit längerer Zeit deutlich unter dem ARD-Durchschnitt. Selbst das Ableben von Hans Beimer Anfang September kam nur auf 2,84 Millionen Zuschauer.

Am Freitag hat sich die Programmkonferenz der ARD nach 34 Jahren mehrheitlich gegen eine Verlängerung des Produktionsvertrags entschieden. Die letzte Folge soll im März 2020 im Ersten zu sehen sein.

Die "Lindenstraße" sei eine Ikone im deutschen Fernsehen, lobte der Programmdirektor Volker Herres die Serie. Doch wir müssen nüchtern und mit Bedauern feststellen: Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie."

"Lindenstraße" bildet große gesellschaftliche Themen ab

Hans W. Geißendörfer, der frühere Autorenfilmer, Serien-Erfinder und Dauer-Produzent, äußert sich dazu angefressen: "Die Lindenstraße steht für politisches und soziales Engagement, für Meinungsfreiheit, Demokratie, gleiche Rechte für alle und Integration, was in Zeiten von Rechtsruck und Ausländerfeindlichkeit wichtiger ist denn je."

Das Einmalige an der "Lindenstraße" war es, mitten aus dem Alltag der Menschen heraus große gesellschaftliche und politische Themen abzubilden. Immer wieder waren die Figuren umweltbewegt und scheiterten damit. Hier gab es 1987 den zweiten gleichgeschlechtlichen Fernsehkuss.

Kontinuierlich thematisierte die Serie das zeitweise Aufleben des Rechtsextremismus. Mehrere Figuren suchten lange vergeblich nach Jobs. Als es noch die allgemeine Wehrpflicht gab, brachte die Serie die Geschichte des Totalverweigerers Zorro Pichelsteiner. Beziehungs-, Wechseljahres- und andere Alterskrisen waren ein Dauerthema. 2014 wurde bekannt, dass eine Moschee in der Lindenstraße gebaut werden solle, und zuletzt versuchte der an Morbus Parkinson erkrankte Hans Beimer sein Leiden mit Cannabis zu lindern.

Seit 1985 läuft die Serie wöchentlich

Diese Engagiertheit war immer eine Stärke der Sendung. Sie wirkt aber heute ein wenig studienrätlich und bemüht. Das Serien-Erzählen hat sich in letzter Zeit stark verändert, ohne dass dies größere Auswirkungen auf die biedere „Lindenstraße“ gehabt hätte.

Seit 1985 läuft die Serie wöchentlich. Zu den Autoren zählt Irene Fischer, die neben ihrer Rolle als Anna Ziegler seit 1999 Drehbücher schreibt. Hunderte Schauspieler und Zehntausende Komparsen waren bisher zu sehen. Rebecca Siemoneit-Barum ist seit ihrer Kindheit Iffi Zenker.

Große Karrieren begannen in der "Lindenstraße"

Hermes Hodolides (Vasily Sarikakis), Sybille Waury (Tanja Schildknecht) oder Andrea Spatzek (Gabi Zenker) spielen ihre Rollen seit einer gefühlten Ewigkeit. Gedreht wird auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd - obwohl die Geschichten laut dem Vorspann mit der Frauenkirche eigentlich in München spielen, ohne dass zu meiner Zeit kaum jemals ein bairisches Wort gefallen wäre. Denn die Dialektfärbung von Andrea Spatzek ist österreichisch.

Zwei große Karrieren starteten in der "Lindenstraße": Til Schweiger trat dort von 1990 bis 1992 als Jo Zenker auf, ehe er nach dem Erfolg der Komödie "Manta, Manta" ausstieg. Und der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief war von 1986 bis 1987 Aufnahmeleiter der Serie. Auf Twitter machte jemand einen Vorschlag für ein würdiges Finale, das hiermit der ARD ans Herz gelegt sei: "Durch den Klimawandel versinkt die Straße in der Isar. Til Schweiger kehrt zurück als Tschiller und legt alles in Schutt und Asche. Die Kulissen fallen um und die Bewohner sehen, dass sie all die Jahre in Köln lebten."

Nach dem überraschenden Serientod von "Hans Beimer" also jetzt die nächste Schock-Nachricht für alle "Lindenstraße"-Fans.

 

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