Musik Lorin Maazel: "Ich schwitze nicht"

Der 1930 in der Nähe von Paris geborene Lorin Maazel war einmal ein Perfektionist - und das Geheimnis ewiger Jugend scheint er auch zu kennen. Foto: dpa

An diesem Donnerstag gibt Lorin Maazel sein Antrittskonzert als neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

 

Lorin Maazel verdiente 2009 laut New York Times in seiner letzten Saison als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker 3,3 Millionen Dollarison davor. Er gilt als einer der teuersten Dirigenten der Welt – und er ist zurück in München, nach Versicherung der Stadtspitze zum Sonderpreis. Fast zehn Jahre lang leitete der heute 82-Jährige das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Als das Prinzregententheater in München 1996 mit „Tristan und Isolde“ wiedereröffnet wurde, stand Maazel am Dirigentenpult. An diesem Donnerstag gibt er sein Antrittskonzert als neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Der Vertrag läuft drei Jahre.

AZ: Sie fangen mit Gustav Mahlers neunter Symphonie an. Warum?
LORIN MAAZEL: Das ist eigentlich ein Zufall, der mit dem Mahler-Festival in Luzern zu tun hat, auf dem wir spielen. Ich hätte aber vielleicht doch mit einem anderen Programm beginnen müssen. Obwohl ich viele Mahler-Symphonien dirigiert habe, bin ich kein Mahler-Fanatiker. Ich habe seine Musik sehr gerne, er war ein Genie. Aber ich bin kein Spezialist und bin mit seiner Musik nicht aufgewachsen. Darum fühle ich mich emotional bei Mozart, Beethoven, Brahms, Schumann oder Mendelssohn, in der französischen oder russischen Musik viel mehr zu Hause. Er war genial, dieser Mahler, ein Visionär. Um mit seiner Musik zurecht zu kommen, muss man sehr viel Energie und Mut haben. Meine Beschäftigung mit ihm fing einfach erst spät an.

Ausgerechnet am kommenden Wochenende ist Ihr Vorgänger Christian Thielemann in München, zurück in der Philharmonie, und spielt dort mit der Sächsischen Staatskapelle Wagner und Bruckner – wie Sie an Ihrem zweiten Konzertabend. Hat das für Sie irgendeine Bedeutung?
Das wusste ich gar nicht. Das ist wahrscheinlich nur ein Zufall. Er ist der Chef der Staatskapelle, sie machen eine Deutschland-Tournee, und ich glaube, das ist nur ein Zufall.

Gibt es etwas, das Sie mit den Philharmonikern ganz bewusst völlig anders machen wollen als Christian Thielemann?
Ich bin meinem Vorgänger sehr dankbar. Er hat eine fantastische Arbeit mit den Philharmonikern geleistet. Das Orchester ist sehr beweglich geworden, reagiert sehr schnell und hat einen sehr schönen Klang. Ich bin sehr glücklich, dass Herr Thielemann das Orchester so weit gebracht hat. Das Orchester war immer ausgezeichnet, aber er hat es doch noch ein Stück weiter gebracht. Das macht meine Arbeit viel einfacher. Natürlich habe ich meine eigene Vorstellung, was meine Interpretation betrifft. Aber die schaffe ich mit meinem Taktstock.

Was wird das Orchester denn besser können, wenn Sie mit ihm fertig sind?
Es ist schon alles in Ordnung. Aber ich werde natürlich das Repertoire erweitern. Es ist also nicht eine Frage der Verbesserung, sondern eine Frage der Vergrößerung. Das ist die Zugabe eines jeden Dirigenten: das Repertoire zu verbreitern und neue Perspektiven anzubieten. Es heißt also nicht, besser zu werden, sondern größer zu werden.

Würden Sie das Repertoire des Orchesters bislang als beschränkt bezeichnen?
Das Orchester hat sich natürlich spezialisiert unter Sergiu Celibidache, und Herr Thielemann hatte auch seine Spezialitäten. Das ist eine fantastische Basis, das sitzt alles. Mein Repertoire umfasst auch französische, englische, russische Komponisten. Und bei Gelegenheit werde ich diese Werke natürlich einbringen, um das Orchester immer internationaler zu machen und eine neue Perspektive zu ermöglichen.

Die Debatte um einen neuen Münchner Musiksaal läuft seit Jahren. Braucht München einen Neubau?
Nein. Ich bin sehr zufrieden mit allen Umständen. Man kann immer etwas ändern und verbessern. Ich habe die Tendenz aber immer sonderbar gefunden, dass Menschen, die neidisch sind, Dinge schlecht reden müssen. Es gibt in der Kunst keinen Platz für Neid.

Wie sehr geht es Ihnen inzwischen auf die Nerven, dass man Sie den "teuersten Dirigenten der Welt" nennt?
Teuer? Niemand bietet einem Künstler auch nur einen Euro mehr als er bereit ist zu zahlen. Die Künstler selbst fixieren ja keinen Preis. Wir sind da und man bietet uns an, was man anbieten will. Ich habe darüber nie diskutiert. Ich bin da, um zu musizieren. Und wenn jemand, der mich engagieren will, an seine Grenzen stößt, kann ich diese Grenzen nur akzeptieren. Aber da ich so viele Konzerte umsonst dirigiert habe, glaube ich, inzwischen das Recht zu haben, auch ab und zu bezahlt zu werden. In mein Festival in Castleton habe ich mehr als sechs Millionen Dollar aus meiner eigenen Tasche gesteckt. Großzügigkeit erweckt Neid, aber ich bin ein älterer Herr geworden und es ist mir wurscht.

Apropos Alter: Wie bewältigen Sie mit 82 Jahren das Pensum von mindestens 50 Konzerten in dieser Spielzeit?
Ich bin seit mehr als 50 Jahren im Training, gut gebaut und es geht noch. Ich werde beim Dirigieren auch nicht müde, weil jede Bewegung aus der Natur der Sache kommt. Ich dirigiere nicht angestrengt. Man wird müde von der Spannung – auch von einer inneren Spannung. Ein Künstler – oder sogenannter Künstler -, der nur an sich selbst denkt, wird nervös. Wer an den Komponisten denkt, wird locker. Ein echter Künstler lernt ziemlich schnell, was seine eigentliche Aufgabe ist: Es geht nicht um Selbstinszenierung. Es ist eine Ehre, der Musik, den Meisterwerken, zu dienen.

Sehen denn Ihre Kollegen das auch so?
Wahrscheinlich nicht alle. Aber die, die nicht so denken, schwitzen am Pult. Ich schwitze nicht.

 

1 Kommentar