Musik Das Jahr des Retro-Soul

Vom Studiomusiker zum Pop-Hoffnungsträger 2012: Michael Kiwanuka kommt mit seinem ersten Album auf Tour. Foto: Sam Butt

In England verdichtet sich ein Pop-Trend: Der junge Londoner Michael Kiwanuka hat mit „Home Again” ein Album eingespielt, das klingt, als wäre es den frühen 70ern entstiegen

 

Als die BBC Ende vergangenen Jahres ihren Blick in die Kristallkugel tat, und die Liste „Sound of 2012” veröffentlichte, tauchte darauf der Name eines jungen Londoners auf, der erst eine EP veröffentlicht hatte: Michael Kiwanuka. Er führte die Liste an. Kiwanuka hat am Royal College of Music Jazz-Gitarre studiert, um dann im Dienste anderer im Studio Musik zu machen.
Die Liebe zum Retrosound ist nach Sharon Jones & The Dap Kings, Adele und allen ihrer Epigonen nichts wirklich Exzentrisches mehr. Adele hat Kiwanuka auch begeistert im Vorprogramm ihrer letzten Tour aufgenommen. Um aus der Masse der Erinnerungssüchtigen aufzuscheinen, musste Kiwanuka den Produzenten Paul Butler treffen. Der ist auch Kopf von The Bees, einer englischen Gruppe, die seit 2002 mit Alben auffällt, die sich an einen psychedelic Beat’n’Roll so gut zu erinnern scheinen, dass man sie mit den Originalen verwechseln könnte.

So gleitet Kiwanuka auf Querflötentönen in den ersten Song von „Home Again” (Universal). „Tell Me A Tale”: eine Nummer, die in ihrer kreisenden Melodie und vor allem im Gesang wirkt, als wäre es 1973 und Marvin Gaye würde gerade – „Let’s Get It On” – aus der Soul-Industrie Motowns ausbrechen und L.A. entdecken. Kurz darauf ist klar: Auf Kiwanukas Platte hallte auch der melodieverliebte Soul wieder, wie ihn Curtis Mayfield in Chicago predigte.

Über den Song „Rest” kommt man zum Kern des Albums. Nicht nah genug daran, um es zu zitieren, aber angespielt wird die Kris Kristofferson-Nummer „For The Good Times”. Diesem Folksong für gefühlige Cowboys hörte man ursprünglich ein wenig die industrielle Fertigungsweise Nashvilles an. Später wurde er eben nicht nur von Elvis, sondern auch von Al Green ins Programm übernommen. Kiwanuka hat ein Gespür dafür, wie man die Hautfarbe der Musik auflöst. Und trifft ohne zitternde Hand bemerkenswert präzise die nicht oft offen liegende Grenze zwischen Soul und Folk. Wobei der reduzierte Gestus des Folk den Soul hier, wie im Titelsong, überraschend intensiv wirken lässt. „I’m Getting Ready” hat im Titel diese feine Curtis-Mayfield-Referenz und endet mit einem Backgroundchor, wie man ihn auch von Joan Baez in den 70ern kennt.

Auf der Longlist der BBC standen zwei weitere britische Namen: Ren Harvieu, deren weißer Crooner-Soul an Lana Del Rey erinnern kann. Und Lianne La Havas, die ihr Album im Mai herausbringen soll, aber mit den schon veröffentlichten Songs durchaus in die Billie-Holiday-goes-Funk-Richtung weist. Anzunehmen, dass Kiwanuka uns die erste Ahnung einer Retro-Soul-Welle gibt, die in diesem Jahr von England anrollt.

Michael Kiwanuka spielt am 22. April 2012 im Ampere

 

0 Kommentare