Münchner Volkstheater Jesus Maria, was für eine Frau!

Kruzifix, die Zunge spielt mit: Ursula Maria Burkhart in „Gespenster“ (mit Oliver Möller). Foto: Arno Declair

Die Schauspielerin Ursula Maria Burkhart ist aus Christian Stückls Volkstheater schon lange nicht mehr wegzudenken. Jetzt spielt sie die Hauptrolle in Ibsens Familiendrama „Gespenster“

Man würde der Witwe Helene Alving eine zweite Chance wünschen, eine Möglichkeit, die Vergangenheit abzuschütteln und was Neues zu beginnen. Aber in den Stücken von Ibsen können die Menschen nicht raus aus dem Gefängnis von Milieu und Vererbung, in das sie geboren wurden. Was mal war, spukt weiter im Leben herum, womit der Titel schon mal erklärt wäre, den Ibsen seinem Drama von 1881 gegeben hat. „Gespenster“ wird jetzt am Volkstheater gezeigt.

Die Familienordnung ist bei Ibsen von Anfang an zerstört: Helenes Gatte war ein Lebemann, der mit dem Stubenmädchen eine Tochter zeugte. Auch Jahre nach seinem Tod versucht Helene, die Wahrheit zu verbergen. „Ja, Verdrängung, Lebenslügen“, fasst Ursula Maria Burkhart zusammen, „das belastet alle Figuren. Helene hat ihren Sohn Osvald früh weggegeben, damit er nicht wie sein Vater wird. Als Osvald zurückkommt, will sie eine gute Mutter sein, kann es aber nicht, hat es auch nie üben können. Und auf Osvald hat sich doch die Schlechtigkeit des Vaters vererbt.“

Eine komplexe, eine tolle Rolle ist diese Helene, freut sich die 51-jährige Burkhart, die nicht zum ersten Mal als Familienoberhaupt im Volkstheater zu sehen ist. „Ich spiele die Mütter der Weltgeschichte rauf und runter“, scherzt sie und bestätigt, dass sie die Dienstälteste im Ensemble ist. Zusammen mit Christian Stückl kam Burkhart 2002 ans Haus und hat sich seitdem als feste Größe im vornehmlich jungen Ensemble etabliert. Andere Ältere, wie Sophie Wendt oder Alexander Duda, waren fest am Haus und sind jetzt als Gäste dabei. Von einem Urgestein möchte man bei Burkhart nicht reden, weil sie so gar nicht urgesteinig wirkt, sondern frisch, energiegeladen, ungeheuer präsent auf der Bühne, stimmgewaltig und, wenn’s sein muss, des Baierischen mächtig.

Man muss nur erleben, wie sie in Stückls Version der „Geschichten aus dem Wiener Wald“ die Trafikantin Valerie spielt, deftig, mit blonder Perrücke, auf monströsen Stöckelschuhen, keine Mutterfigur, sondern eine Geschäftsfrau, hinter deren durchtriebener Fassade Burkhart großartig die Sehnsucht nach Liebe durchscheinen lässt. Burkhart schmeißt sich sichtbar in jede Rolle rein, kann dabei auch ganz leise Töne anschlagen.

Keine Frage, dass sie fürs Theater brennt, genauso wie Stückl, den sie schon seit ihrer Kindheit in Oberammergau kennt. „Er ist ja zwei Wochen jünger als ich. Wir sind in dieselbe Schule gegangen, kennen uns im Grunde ein Leben lang.“ Bei den Passionsspielen spielte Burkhart schon als Kind mit. 1984 wurde sie im Alter von 23 Jahren für die Maria besetzt, unter der Regie von Hans Meier. 1990 spielte sie die Maria erneut. Es war die erste Zusammenarbeit mit Stückl, worauf die beiden jahrelang freies Theater machten.

Hauptberuflich war Burkhart als Anästhesieschwester in einem Schwabinger Krankenhaus beschäftigt. Zwanzig Jahre lang arbeitete die gelernte Kinderkrankenschwester in diesem Metier, bevor sie mit Stückl 2002 ans Volkstheater ging. Ein zweites Leben begann für sie – wobei Burkhart von einer guten Zeit im Krankenhaus spricht: „Und letztlich ist die Schauspielerei auch ein sozialer Beruf. Es geht ums Miteinander, ums Zuhören und Zu-Spielen.“

Burkhart ist Autodidaktin, lernte viel durchs Spielen, nahm zusätzlich Kurse. Die ersten Jahre am Volkstheater waren nicht leicht für sie, ein Kampf, bei dem sie von Christian Stückl unterstützt wurde: „Er kann einem wirklich die Begeisterung für den Beruf vermitteln. Das verdanke ich ihm, auch das Reinkommen und Durchhalten. Heute bin ich glücklich, dass ich nicht aufgegeben, dass ich es mir nicht leicht gemacht habe.“

Das Theater bereitet ihr weiter Freude, die Proben gerade mit Regisseur Sebastian Kreyer am Ibsen, die Passionsspiele (2000 spielte sie die Magdalena, 2010 zum dritten Mal die Maria), selbst die vielgespielten Stücke. „Das Vergnügen ist auch noch beim 250. Mal Brandner da! Es ist immer da, wenn es mit der Truppe stimmt, wenn es organisch ist, wenn’s fließt.“

Auf Frau Alving wartet ein bitteres Ende. Dass dabei auch unser Herz zerreißt, dafür wird Ursula Maria Burkhart, die sie am Volkstheater liebevoll „Uschi“ nennen, gewiss sorgen.

Premiere Samstag, und So, beide 19.30 Uhr, Karten Tel. 523 46 55

 

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