Münchner Stadtrat über Schlaganfall Georg Kronawitter: "Ich habe viel gebetet"

Seit 33 Jahren miteinander verheiratet: Gundula und Georg Kronawitter. Links: Mit seinem neuen Liege-Dreiradl fährt Stadtrat Georg Kronawitter durch Trudering. Foto: AZ/ Petra Schramek

Georg Kronawitter (60) hat einen Tag vor Weihnachten einen Schlaganfall erlitten. Wie er seither kämpft, dass er nicht mehr der Alte ist und was wahres Glück ist, das erzählt er in der AZ

 

MÜNCHEN Der Tag vor Weihnachten war’s. Und CSU-Stadtrat Georg Kronawitter auf dem Weg in die Fraktionsräume im Rathaus. Auf der letzten Treppenstufe spürte er es. Sein linker Fuß wurde plötzlich pelzig. Es fühlte sich an, als ob zwischen ihm und dem Boden eine Schaumstoff-Schicht sei. Auch der Arm und der Mundwinkel auf der linken Seite: pelzig. „Es war eine Sache von Sekunden, zu wissen: Es ist irgendetwas in meinem Kopf passiert.” Die Diagnose: Schlaganfall.

Angekommen in den Fraktionräumen, setzte sich Kronawitter erst einmal hin. Ein paar Minuten – und die Symptome waren wieder weg. Also beschloss er, nicht gleich ins Krankenhaus zu gehen. Schließlich hatte sich die ganze Familie an Heiligabend angekündigt.

Dass vor allem die ersten drei Stunden nach einem Schlaganfall entscheidend sind, dass es Möglichkeiten gibt, den Pfropfen im Hirn noch zu lösen – das wusste der Ingenieur zu diesem Zeitpunkt nicht. Er ließ ja nicht einmal den Gedanken zu, es könnte tatsächlich ein Schlaganfall sein. „Aber ich habe beschlossen, mir keinen Vorwurf zu machen.” Auch nicht dafür, dass er keine Medikamente gegen seinen Bluthochdruck genommen hatte. Wem hilft es schon, zu hadern.

Kronawitter schmückte den Weihnachtsbaum, spielte sogar noch Trompete in der Kirche. Nur wenn er sich zu zügig bewegte, spürte er es wieder. Bis nach der Bescherung hielt er aber vor seiner Familie geheim, dass er sich nicht wohl fühlte. Am Nachmittag des Folgetags lieferte er sich dann ins Klinikum rechts der Isar ein.

In der ersten Nacht im Krankenhaus ging es ihm immer schlechter. Mit dem Daumen die Finger der selben Hand berühren? Mit der linken Fußfläche über die rechte Wade streichen? Unmöglich für ihn. Eine Untersuchung zeigte: Ein daumennagelgroßer Gehirn-Teil war abgestorben. „Das ist irreversibel. Die Reparatur im Gehirn findet an anderen Stellen statt”, erklärt Kronawitter.

Acht Tage blieb er auf der Wachstation. Voll verkabelt. „Ich habe viel gebetet in dieser Zeit.” Er dachte nach, was er als Stadtrat schon alles bewegen konnte in München. Er machte sich klar, was für ein Glück er mit seiner Familie hat. Seit 33 Jahren ist er mit seiner Gundula verheiratet, sie haben fünf Kinder. Das alles waren seine „mentalen Anker”, wie er es nennt. „Auch meine positive Einstellung hat mit sehr geholfen.” Angst habe er keine gehabt: „Die Ärzte haben gesagt, es gibt gute Chancen, dass das bis zu einem gewissen Grad heilt.”

Als Kronawitter erzählt, stockt ihm manchmal die Stimme. „Ich bin seit dem Schlaganfall leichter rührbar”, sagt er und stört sich nicht daran. Wer ihn und seine Rathausarbeit kennt, der weiß: Er ist einer, der nicht locker lässt. Einer, der den Dingen auf den Grund geht. Und mit derselben Beharrlichkeit arbeitet er an seiner Genesung. Als er zur Reha nach Bad Heilbrunn kam, war er noch auf den Rollstuhl angewiesen. Drei Wochen später brauchte er ihn schon nicht mehr. Mit dem Rollator war er auf Kriegsfuß – nach einer Woche ließ er ihn lieber stehen.

„Inzwischen habe ich kein Gefühl der Unsicherheit mehr”, sagt er – und fügt in nüchternem Ton hinzu: „Ich gehe halt nicht gut.” Umso mehr freut er sich über sein neues Liege-Dreirdl, auf dem er jetzt durch Trudering fährt. Auch die Kraft in der Hand kehrte nach und nach zurück. „Wenn man sich wieder selbst ein Hemdknöpferl oder ein Schuhbandl zumachen kann – da ist man so glücklich.”

Zwei Monate war er auf Reha, feierte dort auch seinen 60. Geburtstag. Am 10. März durfte Kronawitter heim – schon zwei Tage später wagte er sich wieder ins Rathaus. Also alles zurück auf Start? Er schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht der Alte, der werde ich auch nie mehr sein.” Er gönnt sich die Pausen, die sein Körper einfordert. Und muss auch nicht bei jedem Empfang dabei sein. „Das Fernziel ist: Meiner Familie erhalten zu bleiben. Das ist das Ziel, dem ich alles andere unterordne.”

 

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