Münchner Rundfunkorchester Welche Mixtur Ivan Repušić plant

Der Dirigent Ivan Repušić. Foto: BR

Die Mixtur macht's: Ivan Repušić über seine Pläne mit dem Rundfunkorchester in der neuen Saison

Seit einem Jahr ist er als Nachfolger von Ulf Schirmer Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters. Heute stellt Ivan Repušić in einem Studiokonzert im BR Funkhaus den zweiten „Artist in Residence“ des Münchner Rundfunkorchesters vor: den Schlagzeugvirtuosen Simone Rubino. Am Freitag folgt ein Konzert der Reihe „Paradisi Gloria“ in der Herz-Jesu-Kirche in Neuhausen. Am Sonntag, 25. November, dirigiert er eine konzertante Aufführung von Verdis „I due Foscari“ im Prinzregententheater.

AZ: Herr Repušić, wo sehen Sie nach einem Jahr die Stärke Ihres Orchesters?
IVAN REPUŠIĆ: In der Vielseitigkeit. Kein anderes Orchester dieses Typs verfügt über ein so breites Repertoire. Wir spielen Oper, Operette und geistliche Musik, haben Programme für Kinder und Jugendliche und widmen uns aber auch dem Crossover. Wir nehmen viel auf – zuletzt etwa eine CD mit Ouvertüren von Franz von Suppé. Zudem engagieren wir uns auch in der Nachwuchsförderung, so besteht zum Beispiel eine enge Verbindung zur Theaterakademie August Everding. Und durch Reisen sowohl in Bayern als auch international versuchen wir präsent und aktiv zu sein. Davon profitiere ich auch selbst – ich lerne immer noch.

Was lernen Sie am liebsten?
Mir ist das junge Publikum wichtig: Kinder sind das ehrlichste Publikum; sie zeigen direkt, ob sie etwas mögen oder nicht. Es ist unsere Aufgabe, ihr Interesse an klassischer Musik zu wecken, sie neugierig zu machen auf die Musik, die neben den Moden der Rock- und Popmusik bleibt: die Klassik. Die Wege dahin sind vielfältig: spannende Konzerte, der direkte Kontakt zwischen Musikern und jungem Publikum und das Einbeziehen ihrer Art der Mediennutzung. Da möchten wir uns künftig noch mehr engagieren.

Voriges Jahr war die Sopranistin Marina Rebeka „Artist in Residence“ – das passt zum Schwerpunkt Oper. Warum ist es heuer ein Schlagzeuger?
Die Position eines „Artist in Residence“ beim Münchner Rundfunkorchester habe ich mit meinem Amtsantritt in der vergangenen Spielzeit 17/18 eingerichtet. Denn es ist doch oft so: Der Solist kommt, es gibt ein, zwei Proben, die Generalprobe und das Konzert. Dann ist er wieder weg. Durch einen „Artist in Residence“ entsteht eine viel stärkere und nachhaltigere künstlerische Wechselwirkung. Mit Marina Rebeka, habe ich in der vergangenen Saison die große Operntradition meines Orchesters aufgegriffen – und mit der Wahl eines Instrumentalisten als zweitem Artist in Residence möchte ich den Fokus noch mehr auf das Orchester selbst lenken, den künstlerischen Austausch unter den Musikern und darauf, auch neues Repertoire zu entdecken.

Was spielt das Rundfunkorchester heute mit Rubino?
Etwa Musik von Keiko Abe und Steve Reich, in den weiteren Konzerten der Spielzeit Werke von Tan Dun und Toru Takemitsu, die sonst nicht zum gängigen Repertoire gehören. Davon profitieren wir und unser Publikum.

Was ist der rote Faden zwischen Bach, Josquin, Arthur Honegger und Lili Boulanger im ersten Konzert von „Paradisi Gloria“?
„De Profundis“ , der 130. Psalm als Brücke zwischen den Epochen. Außerdem ist der November traditionell der Monat des Totengedenkens. Aktuell denken wir auch an den 100. Jahrtag des Endes des 1. Weltkriegs und seiner Toten – und auch die Komponistin Lili Boulanger starb vor 100 Jahren. Ihr 1917 entstandenes „Du fond de l‘abîme“ ist sozusagen ein Requiem auch auf sie selbst. Die Motette „Nymphes des bois“ komponierte Josquin Despréz als Trauermusik auf den Tod seines Kollegen Johannes Ockeghem. Und Joachim Raffs Orchesterfassung der d-moll-Chaconne von Bach schafft einen meditativen Einstieg.

Ist Leo Nucci mit 75 Jahren nicht zu alt für den Dogen in Verdis „I due Foscari?
Francesco Foscari ist der Vater des jüngeren der beiden Foscari, er ist zerrissen, schwankt zwischen seiner Pflichten als Doge und als Vater. Diese Rolle passt zu Nucci sehr gut. Man muss sie mit einem erfahrenen Mann besetzen, sie braucht eine starke Autorität. Die Aufführung ist Teil eines Verdi-Zyklus’ mit weniger bekannten Frühwerken.

Sind konzertante Aufführungen in einer Stadt mit zwei Opernhäusern nicht etwas luxuriös?
Konzertante Oper – ob in Ausschnitten oder vollständig, gehört seit 50 Jahren zur Tradition unserer Sonntagskonzerte. Viele Leute wollen nur die pure Musik hören und sich nicht durch eine Inszenierung ablenken lassen. Außerdem gibt es viele neugierige Opernbegeisterte, die extra zu Aufführungen reisen und die unsere außergewöhnlichen Programme, die nicht zum normalen Repertoire zählen, sehr schätzen – so etwa „Ero der Schelm“ von Jakov Gotovac oder die frühen Opern von Giuseppe Verdi, mit denen wir in der vergangenen Spielzeit einen Zyklus angelegt haben: „Luisa Miller“, „I due Foscari“ und – jetzt verrate ich Ihnen eigentlich ein Geheimnis – in der nächsten Spielzeit „Attila“.

Wird das Rundfunkorchester auch in den neuen Saal im Werksviertel umziehen?
Ganz umziehen sicher nicht, aber durchaus präsent sein. Zunächst einmal wird ja das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dort seinen Sitz mit Erstbelegungsrecht haben. Das neue Konzerthaus soll aber ja auch einen kleineren Saal bekommen, der bestens geeignet für Musikvermittlungsprojekte sein soll: Den werden wir dann sicher auch bespielen und auch das eine oder andere „klassische“ Sonderkonzert im Großen Saal geben. Grundsätzlich ist es sehr wichtig, dass ein Orchester eine feste Heimat hat – wie wir derzeit im Prinzregententheater!

Paradisi gloria am 16. November um 20 Uhr in der Herz-Jesu-Kirche, „I due Foscari“ am 25. November um 19 Uhr im Prinzregententheater. Karten unter Telefon 0800 5900 594 und auf www. rundfunkorchester.de

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading