Münchner Philharmoniker Valery Gergiev übt Bruckner im Gasteig

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker im Gasteig. Foto: Hans Engels

Die Münchner Philharmoniker eröffnen unter ihrem Chef Valery Gergiev die Saison mit viel Bruckner und etwas Schubert

 

Unterhalb von Mezzoforte passiert wenig. Es wird immer handfest und direkt gespielt. Das hat sein Gutes: Valery Gergiev treibt auf diese Weise der Musik die Mystik aus. Von den den philharmonischen Zen-Weihestunden, die Sergiu Celibidache einst im Gasteig zelebrierte, ist seine Sicht auf Anton Bruckner maximal entfernt.

Zum Saisonauftakt der Münchner Philharmoniker dirigierte Valery Gergiev die Erste, Dritte und Vierte. Am zweiten Abend gab es im Gasteig noch Franz Schuberts „Unvollendete“ – lauter Generalproben für Konzerte und crossmediale Aufzeichnungen in der Stiftsbasilika St. Florian bei Linz, wo der Komponist an der Orgel wirkte und auch begraben ist. Und wo auch Celi seinen Bruckner zelebrierte.

Gergievs Sicht ist noch im Fluss. Deutlich wird vor allem, was er nicht will: den Klangnebel und die kunstreligiöse Aura. Da rennt der Chefdirigent des Orchesters der Stadt allerdings offene Türen ein: Die Mystiker unter den Bruckner-Dirigenten sind von uns gegangen. Spezialisierte Senioren wie Herbert Blomstedt und Bernhard Haitink setzen entweder auf Gelassenheit oder Altersfuror. Das Weihrauchfass, ob katholisch oder fernöstlich, schwingt keiner mehr.

Dramatik gegen Rundung

Gergiev will, so scheint es, mit zügigen Tempi in Bruckner den symphonischen Wagner entdecken. Er sucht nach Dramatik. Das ist ehrenwert. Aber er achtet zu wenig auf die Gleichberechtigung aller Stimmen in kontrapunktischen Gefüge: Mehr als einmal werkelte die Bratschengruppe mit vollem Körpereinsatz mit einer Gegenstimme gegen den Rest des Orchesters an, ohne dass davon etwas bis zum Hörer durch dränge.

Die dramatische Absicht des Dirigenten scheitert außerdem an der auf Rundung bedachten Klangvorstellung des Orchesters, die im Forte und Fortissimo an beiden Abenden immer schaumgebremst und ohne Ecken und Kanten blieb. Im Hinblick auf den sechs Sekunden langen Nachhall in St. Florian ist das zwar egal. Aber man würde sich wünschen, dass Konzerte im Gasteig auch im Hinblick auf die hiesigen Gegebenheiten einstudiert und aufgeführt würden.

Der gestückelte langsame Satz der Ersten, mit dem Christian Thielemann vor zwei Wochen am gleichen Ort nicht viel anzufangen wusste, gelang Gergiev dank eines lebendig gestalteten Tempos wie aus einem Guss. Die viel beschworene Frische der ersten gezählten Symphonie des Oberösterreichers wirkte allerdings etwas überreif, weil der Dirigent vor allem im Finale alle Härten scheute. Mit einer Riesenbesetzung der Streicher ist diesem Frühwerk wenig gedient.

Generalprobe für Größeres?

Die lichte, obertonreiche und holzbetonte Eigenart der Dritten kam gut heraus. Doch der zweite Abend wirkte erheblich konsequenter. Bei der „Unvollendeten“ kam in den elegischen Bläser-Soli auch das Leise zu seinem Recht. Das Konflikthafte der Musik interessierte Gergiev hier weniger. Er dirigierte eine melancholische Abschiedsmusik in Pastell.

Die „Romantische“, Bruckners Vierte, begann wie üblich aus dem Nichts des Streichertremolos. Dann wurde wieder eher rustikal gespielt. Im letzten Satz gab es dann, vor einem Ausbruch des dritten Themas, ein strategisch auf Effekt bedachtes Kurz-Pianissimo der Streicher. Wenn zuletzt der Themenkopf aus dem ersten Satz hinter dem Geschmetter der Trompeten im lauten Mulm allenfalls zu ahnen ist, bringt Gergiev die symphonische Idee des Werks um seine Wirkung.

Falls Gergievs Ansatz auf den dramatischen Bruckner hinauswill, bleibt diese Absicht zu undeutlich. Das Schroffe, bisweilen auch Gewaltsame der Musik bleibt unentdeckt. Derzeit hört man dem Dirigenten immer noch mehr beim Entdecken der Musik zu als bei ihrer Gestaltung. Und so wirkte alles wie der Advent zu einer Generalprobe für etwas Großes, das dereinst noch kommen könnte – im dritten Jahr womöglich, wenn Gergiev seinen Bruckner-Zyklus in St. Florian beschließt.

 

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