Münchner Philharmoniker Lorin Maazel gibt das Amt des Chefdirigenten auf

Maazel (mit Hut) vor wenigen Tagen bei einer Meisterklasse seines Castleton Festivals im US-Bundesstaat Virginia. Foto: Sara Cohn

Das Ende einer Karriere? Lorin Maazel tritt aus gesundheitlichen Gründen als Chef der Münchner Philharmoniker zurück. In der nächsten Saison hätte er 44 Konzerte dirigieren sollen

 

Er hatte viel vor. Lorin Maazel wollte in der kommenden Saison bei den Münchner Philharmonikern Puccinis „Mädchen aus dem Goldenen Westen“ dirigieren, außerdem die Vierte von Brahms, Mahlers Fünfte, Beethovens Eroica, Schuberts „Unvollendete“, die Alpensinfonie von Richard Strauss. Und dann noch einen Abend mit eigenen Werken, Rodion Shedirins Konzert-Oper „The Enchanted Wanderer“ sowie zum Abschied Wagners „Ring“ ohne Worte. Und, und und.

Gestern hat der 84-jährige aus „gesundheitlichen Gründen“ sein Amt als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker niedergelegt. Sein Genesungsprozess verlaufe langsamer als erhofft, sodass er seiner Verantwortung für das Orchester der Stadt nicht nachkommen könne, heißt es in einer Mitteilung des Kulturreferats. Sollte es seine Gesundheit erlauben, sei er jedoch gerne bereit, einzelne Konzerte mit den Münchner Philharmonikern zu dirigieren.

Die komplette Saison der Philharmoniker stürzt nun wie ein Kartenhaus zusammen. Maazel sollte 44 der insgesamt 94 Konzerte des Orchesters dirigieren. Auch eine Reise durch China sowie Gastspiele in Berlin, Wien, Bonn, Stuttgart, Köln und Dortmund waren geplant. Für alle diese Konzerte müssen nun andere Dirigenten gefunden werden.

„Derzeit arbeitet die Intendanz bereits daran, die betroffenen Konzerte in München und anstehende Tourneen neu zu planen“, teilt das Kulturreferat mit. „Die angebotenen Abonnements bleiben grundsätzlich bestehen. Wie das Chef-Abo h5, das ab Oktober beginnt, aussehen wird, soll Ende Juli feststehen.

Der Teuerste

Woran Maazel erkrankt ist, kommunziert die Stadt nicht. Das macht eine Einschätzung der Lage nicht leichter: Ist der Rücktritt vielleicht schon das Ende einer der erstaunlichsten Karrieren in der Geschichte des Dirigierens?

Der 1930 nahe Paris geborene Maazel war ein Wunderkind. Schon mit fünf Jahren lernte er Geige, mit neun dirigierte er bei der New Yorker Weltausstellung zum ersten Mal ein großes Orchester. Er dirigierte als erster Amerikaner in Bayreuth, war Musikchef der Deutschen Oper Berlin, Direktor der Wiener Staatsoper, Chef der BR-Symphonieorchesters und der New Yorker Philharmoniker. Maazel gilt als teuerster Maestro der Welt.

Der Drei-Jahres-Vertrag des in München angeblich zum Sonderpreis tätigen Dirigenten sollte im Sommer 2015 auslaufen. „Ich bin seit mehr als 50 Jahren im Training, gut gebaut und es geht noch“, sagte Maazel beim Amtsantritt vor zwei Jahren.

Angeschlagen

Ende März wirkte er bei einem Richard-Strauss-Programm gesundheitlich angeschlagen, später sagte er kurzfristig alle weiteren Auftritte ab. Bei Gastspielen in der New Yorker Carnegie Hall sprangen Valery Gergiev und Fabio Luisi ein. Auf einem aktuellen Foto des Castleton Festivals wirkt er erschreckend gealtert.

Paul Müller, der Intendant des Orchesters, verbreitet Optimismus: „Das Orchester hat aber in den letzten Wochen gezeigt, dass es mit solchen Ausnahmesituationen professionell umzugehen weiß - hervorragende Konzertkritiken haben das bestätigt.“

Da ist etwas dran, auch wenn es unter den obwaltenden Umständen frivol klingt. Unter Hochspannung geprobte Konzerte mit Einspringern sind allemal aufregender als Maazels gefällige Routine. Und so ist auch diese Krise letztlich eine Chance.

Lorin Maazels Erklärung im Wortlaut

Mein Dank geht an den Millionen von Fans, die, auf die Kunde meiner kürzlichen Gesundheitsprobleme hin, ihre Anfragen an mich in meiner Funktion als Dirigent verdoppelt haben, so z. B. die Wiener Philharmoniker, die Berliner Philharmoniker, das Londoner Philharmonia et al.

Meiner Ansicht nach habe ich stets als verantwortungsvolle professionelle Person gehandelt, und folge dem Rat meiner Ärzte, die mich ermutigen und mir versichern, dass ich ab übernächster Spielzeit meine Tätigkeit als Dirigent wieder voll aufnehmen kann, was allerdings gelegentliche Auftritte vor diesem Zeitpunkt nicht ausschließt.

Dieses mein Verantwortungsbewusstsein unterbindet jedoch, dass ich bis dahin offiziell keine Auftrittsangebote als Dirigent annehmen kann. Dies bedeutet auch, dass ich mich - mit schwerem Herzen -  verpflichtet fühle, mein Amt als Chefdirigent eines der herausragendsten Orchester der Welt, die Münchner Philharmoniker, in meiner dritten und letzten Saison 2014/15 unwiderruflich niederzulegen.

Lorin Maazel, June 11, 2014, Castleton, Virginia

 

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