Münchner Opernfestspiele Georg Baselitz stattet "Parsifal" aus

Georg Baselitz beobachtet in den Werkstätten der Bayerischen Staatsoper in Poing die Arbeit des Theatermalers Christian Wirtz an einem etwa 20x10 Meter großen Vorhang für „Parsifal“. Foto: Balk/dpa

Bayerische Staatsoper: Der Maler Georg Baselitz stattet zur Eröffnung der Festspiele Wagners „Parsifal“ aus

Das Musiktheater ist ihm nicht fremd. Georg Baselitz hat zuletzt 2013 fürs Theater Chemnitz die Szenen zu „Le Grand Macabre“ von György Ligeti geschaffen, einem seiner Lieblingskomponisten, wie er sagt. Zwanzig Jahre zuvor, gab er in Amsterdam sein Debüt bei „Punch and Judy“ von Harrison Birtwistle. Damals führte übrigens Pierre Audi Regie, der auch jetzt den Münchner „Parsifal“ inszeniert. Über seine neuen Entwürfe für die Bayerische Staatsoper gab Georg Baselitz per Mail Auskunft.

AZ: Herr Baselitz, früher fanden Sie Wagner unerträglich. Haben Sie Ihre Meinung geändert?
GEORG BASELITZ. Solange man mir Wagner nicht mit Maschinengewehrsalven und Helikoptergedröhne im Kino präsentiert, finde ich ihn genießbar.

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Sie spielen auf „Apocalypse Now“ an, da hören die Piloten beim Angriff Wagners „Walkürenritt“. Immerhin wird in Francis Ford Coppolas Kinoklassiker der Krieg in Frage gestellt. Das ist ja nicht so weit entfernt von Ihrem Heldenzyklus, der vielleicht in den letzten 50 Jahren noch an Wirkkraft gewonnen hat. Weil gerade unsere Zeit wieder auf die falschen Helden setzt?
Ich fand ja, sie haben immer gewirkt. Als die Helden zum aller ersten Mal ausgestellt wurden, das war in Hamburg, sagte Markus Lüpertz zu mir: „Schorsch, jetzt kannst du aus dem Fenster springen.“ Er war der Meinung, das sei nicht mehr zu toppen. Das mit der Wirkungskraft liegt also wohl eher bei den Betrachtern.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Helden Parsifal, der eigentlich keiner ist, und Ihren havarierten Helden aus den 60er-Jahren?
Die Geschichte und der Ursprung des Parsifals liegen weit, weit vor meinen Helden. Aber ich habe damals schon Grimmelshausen gelesen.

Dessen Simplicissimus stolpert ja auch als Antiheld durch die Welt, ist schockiert von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs, und gilt als „thumber Thor“. Da gäb’s schon eine Brücke. Wie sieht Ihr Bühnenbild aus?
Für das Bühnenbild und die Kostüme entstanden über hundert neue Zeichnungen. Es ist also sehr aktuell. Darin finden sich aber Bezüge aus allen meinen Schaffensphasen. Von ganz früh, den Heldenzeichnungen, bis in die letzten Jahre. Die neuesten Bilder, die in das Bühnenbild mit eingeflossen sind, werden gerade in einer wunderbaren Ausstellung in Colmar gezeigt.

Spielt auch Ihre Arbeit als Bildhauer eine Rolle?
Das fantastische an so einem Bühnenbild ist ja, dass die zweidimensionale Zeichnung auf einmal dreidimensional werden kann. Oder was zunächst so rumsteht, kann auf einmal auf dem Kopf stehen.

Ist der Gral bei Ihnen ein Gegenstand, sagen wir ein Gefäß, oder bleibt er im Diffusen, Abstrakten?
Wenn Sie sich die Geschichte des Grals ansehen, dann kann das eigentlich alles sein. Meistens ziemlich kitschiges Zeug. Kitsch haben wir versucht zu vermeiden.

Sie haben Ihr Leben lang in großen Formaten gearbeitet, jetzt sind die Bilder zum Teil etwas kleiner geworden. Machen Sie für den Parsifal eine Ausnahme?
Meine Formate sind keineswegs kleiner geworden. Ganz im Gegenteil! Kommendes Jahr wird es eine Ausstellung meiner Werke zur Biennale in Venedig geben. Dafür habe ich neue Bilder gemalt, die sind größer als alle bisher dagewesenen.

Welche Rolle spielt eigentlich die Musik in Ihrem Leben?
Musik ist etwas Wunderbares. Meine Frau spielt wunderbar am Klavier. Ich liebe die Musik. Am liebsten schlafe ich dabei ein oder döse, was in der Oper leider nicht immer passend ist.

Langweilen Sie sich immer noch, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich kann zumindest sagen, wenn ich arbeite, dann langweile ich mich nicht.

Malen Sie jeden Tag?
Ich versuche es. Leider halten mich Journalisten mit ihren Fragen immer wieder davon ab.

Dann wollen wir die Kunstgeschichte nicht um weitere Werke bringen. Letzte Frage: Was würden Sie gerne noch umsetzen?
Mein Kopf ist voller Dinge. Um die hier alle zu erzählen, reicht die Zeit nicht.

Die Premiere am Donnerstag, 17 Uhr im Nationaltheater ist ausverkauft, ebenso die weiteren Vorstellungen. Die Aufführung am So., den 8. Juli wird ab 17 Uhr live auf den Max-Joseph-Platz übertragen. Eintritt frei, es wird kein Ticket benötigt. Durch den Abend führt Thomas Gottschalk


Georg Baselitz steht mit seiner Bühnenbildmalerei in einer langen Tradition berühmter Künstler wie Picasso oder Max Ernst

Auf den taubenblauen Vorhängen sieht man schon die ersten weißen Figuren – zumindest deren Beine. Es sind diese fragilen schwebenden Gestalten, die Georg Baselitz mittlerweile malt und die auch in die Ausstellungen zu seinem 80. Geburtstag eingeflossen sind. Da hängt der Meister kopfüber, oft mit seiner Gattin Elke, leicht, zerbrechlich, vielleicht in Auflösung begriffen.

Man könnte das spielend auf alle möglichen Bühnenwerke übertragen. Die Kreatur, die es durch den Kosmos treibt, die taumelt, sich verliert oder auf der Suche ist, steckt in vielen Rollen. Auch im Parsifal, diesem „reinen Tor“, der nicht so recht weiß, was er eigentlich soll. Wenn Georg Baselitz nun das Bühnenbild für Richard Wagners letztes Musikdrama gestaltet, mit dem am Donnerstag die Münchner Opernfestspiele eröffnet werden, dann passt das jedenfalls theoretisch.

Und das Nationaltheater ist natürlich auch das richtige Terrain für einen Star. Neben dem Tenor Jonas Kaufmann, der die Titelpartie singt, hat man damit gleich noch eine Großattraktion – und Kirill Petrenko am Pult, Nina Stemme (Kundry), Christian Gerhaher (Amfortas) oder René Pape (Gurnemanz) sind alles andere als Füllpersonal.

Dennoch ist die Zusammenarbeit mit einem Koloss der internationalen Kunstszene nochmal etwas Besonderes. Und hat eine lange Tradition. Pablo Picasso, Georges Braque oder Oskar Kokoschka haben fürs Theater gemalt, Max Ernst und Juan Miró entwarfen gemeinsam Bilder und Kostüme für Sergej Diaghilevs Ballett „Romeo et Juliet“. Der Aktionskünstler Hermann Nitsch war mit seinem „Orgien Mysterien Theater“ sogar prädestiniert für Stücke mit religiösen Zeremonien.

Genauso hat eine jüngere Malergeneration Lust auf die Bühne wie etwa Daniel Richter („Lulu“, 2010, Salzburg“) oder Jonathan Meese, der – obwohl in Bayreuth wieder ausgeladen – sogar ein Wiederholungstäter ist: Das reicht von den Szenen für Frank Castorfs Dramatisierung von Pittigrillis Skandalroman „Kokain“ bis zum eher braven Hintergrund für die Barockoper „Medea“ in Paris. Und auf dem grünen Hügel wird im Sommer nun auch der introvertiertere Neo Rauch mit seiner Frau Rosa Loy Wagners „Lohengrin“ wenigstens optisch in einem rätselhaften 19. Jahrhundert verankern.

Auffallend ist bei solchen Seitensprüngen, dass die meisten Künstler in ihrem Stil weiterarbeiten. Nitsch blieb immer Nitsch, egal welche Oper gespielt wurde. Bei Johannes Grützke war das kaum anders, wenn er für Peter Zadeks Produktionen engagiert wurde. Die Bühne mutiert dann zur Galerie oder zum Museum, und selten verbindet sich damit ein tatsächliches Eingehen auf den Stoff. Wobei Kulissen heute durchaus ein Eigenleben führen können und nicht zwingend etwas mit dem ursprünglichen Inhalt des Stücks zu tun haben müssen. Was sich dadurch öffnen kann, ist Raum für die Fantasie. Den Rest besorgt der Glanz eines großen Namens. 

 

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