Münchner Mode aus dem Gärtnerplatzviertel Marcel Ostertag: Glamouröser Spagat

Die Leute haben Geld. Warum kaufen sie sich nicht etwas gut Sitzendes?“ Marcel Ostertag lässt kein gutes Haar am Outfit deutscher Politikerinnen. Foto: Susanne Stephan

MÜNCHEN Drei Einkäufer großer Handelshäuser, zwei Modeexperten, Claudia Schiffer als langbeinige Mentorin emporstrebender Talente: Die aktuelle Pro-Sieben-Show „Fashion Hero“ ist vielleicht nicht nach jedermanns Fernsehgeschmack, einem Münchner hat sie allerdings sehr geholfen: Marcel Ostertag, dessen Mode dank „Fashion Hero“ jetzt bei Karstadt prominent verkauft wird. Sein wirtschaftlicher Durchbruch?

Ostertag, 33, kommt ursprünglich aus Berchtesgaden, interessierte sich schon als Bub mehr für Make Up und hübsche Kleider als für Fußball, trug Pink und Türkis, während die Klassenkameraden von ihren Müttern in den warmen Braun- und Rottönen der 80er Jahre eingekleidet wurden. Er lernte ab dem fünften Lebensjahr Ballett, ging ans Salzburger Landestheater, brach später aber seine tänzerische Ausbildung ab. Es folgten die Esmod Modeschule in München und das St. Martins College in London, die bei Bewerbern begehrte Kaderschmiede der Modewelt.

Jetzt arbeitet Ostertag – nicht in London, nicht in Mailand, sondern im modemäßig eher provinziellen München, Er lädt in seinem Hinterhof-Atelier im Gärtnerplatzviertel bayerische Prominenz wie Europaministerin Beate Merk zur Anprobe und Beratung und verkauft hochpreisige, in Deutschland gefertigte Mode über seinen Online-Auftritt.

Warum es ihn in der Landeshauptstadt hält? „Die Familie“, sagt er, womit weniger die genetische Verwandtschaft gemeint ist, sondern die Freunde, von denen einige im unmittelbaren Radius rund um sein Atelier wohnen. Ostertag ist bekennender Partygänger, lässt’s gerne mal krachen („ich geh normalerweise nicht nur auf ein Gläschen Prosecco aus“) , um dann Körper und Seele zwei Wochen gesundem Essen und Abstinenz wieder auf Vordermann zu bringen.

Seine Kollektion gibt sich ebenso unkompliziert und lebensfreudig – jede soll etwas für sich finden, ein 15-jähriges It-Girl genauso wie die modebewusste 60plus-Generation. Tragbar soll die Mode sein, gleichzeitig angemessen glamourös und – seit „Fashion Hero“ – in Teilen auch noch bezahlbar.

Ein großer Spagat – zumal Ostertag auch kein Problem damit hat, seinen Namen auf Lidschatten und Nagellack im Drogerie-Discounter zu lesen.

Immerhin hat sich der Designer mittlerweile ökonomisch etabliert, nachdem er sich über lange Strecken von Wettbewerb zu Wettbewerb durchhangelte, zwischendrin auch fürchtete, den Laden dichtmachen zu müssen.

Dass Mode-Menschen wie er in München verhältnismäßig rar sind, ist ein Vorteil für ihn, oder auch ein Nachteil – je nachdem, wie man’s sieht. In einer Stadt, die wenig Design-Talente zu bieten hat, sticht jeder Designer umso deutlicher aus der mehr oder minder trögen örtlichen VIP-Szene heraus. Andererseits tendiert die Aufgeschlossenheit der Kundschaft gegen Null, wenn sich im Stadtleben modisch nichts mehr tut.

Dass die Landeshauptstadt im internationalen Vergleich abgehängt ist, liegt auch an der Politik, sagt Ostertag. „Für uns als Designer ist es wegen der Mieten schwer, an Touristen heranzukommen. Wir können uns keinen Laden in der Theatinerstraße leisten. Aber nur von den Münchnern können wir nicht leben.“ Deswegen solle sich München ein Beispiel an Berlin nehmen: „Der Senat unterstützt einen Laden, in dem Designer ihre Sachen verkaufen können, in einer Lage, wo Touristen hinkommen.“ Ostertag will der Stadt deswegen ein ähnliches Konzept wie in Berlin vorschlagen, zusammen mit ein paar anderen örtlichen Designern, „die auch kommerzielles Potential haben“. S. Stephan

 

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