Münchner Kammerspiele Zeynep Bozbay spielt in "Hochdeutschland" in der Kammer 2

Sind wir nicht alle ein bisschen Victor? Das Darstellerteam (v.l.n.r.: Julia Windischbauer, Zeynep Bozbay, Abdoul Kader Traoré, Jannik Mioducki) konturiert gemeinsam den Banker, der ein paar schaumige populistische Ideen in die Welt setzt. Foto: Gabriela Neeb

Kevin Barz inszeniert „Hochdeutschland“ in der Kammer 2, mit Zeynep Bozbay als eine Facette der Hauptfigur Victor – einem Investmentbanker mit populistischem Drive

 

Da ist zunächst mal Victor, ein 39-jähriger Investmentbanker, der es nach einigen Jahren selbstausbeuterischer Arbeit zu einigem Reichtum gebracht hat. Er ist nun ein Chef, der seine Angestellten Tag und Nacht mit diversen Aufgaben in Trab hält, so wie er das ja einst selbst erlebt hatte. Victor wohnt in einer Villa mit Blick auf das Hochhaus-Panorama von Frankfurt, der Stadt des Kapitals, wo er ein Büro hat, von dem aus er wiederum seine Villa sehen kann. Victor lebt von seiner Freundin getrennt, hat aber ein Kind mit ihr, eine Tochter namens Victoria. Er hat ein paar Affären, liebt teures Essen, geht aber auch zu „Vapiano“, wenn er Lust auf Spaghetti Carbonara hat. Und er schreibt an einem Roman, denn Victor hat ein Talent zum Schreiben, fühlt sich eigentlich als Künstler.

Und da ist Zeynep Bozbay, die Schauspielerin an den Kammerspielen ist und in München immerhin eine kleine Wohnung in der Au gefunden hat. Sie war schon lange nicht mehr bei „Vapiano“, aber würde gerne mit der Produktion wieder mal dorthin, weil sie jetzt Victor spielt - als eine von mehreren Schauspielern, was schon Sinn macht, „denn Victor ist irgendwie alle und niemand. Er ist wie der Schaum, in dem wir auf der Bühne stehen. Er lässt sich einfach nicht festnageln“, meint Bozbay.

Hautfreundlich, aber rutschig

Kevin Barz inszeniert „Hochdeutschland“, nach dem Romans von Alexander Schimmelbusch, der selbst mal Investmentbanker war, nun Schriftsteller ist und in seinem vierten Werk mit der ambivalenten Figur Victor wohl auch sich selbst ein bisschen bespiegelt.

Der Schaum, der den Bühnenboden bedeckt, stammt von einem Anbieter, der auch Abi- und Touristenschaumpartys beliefere, sei hautfreundlich, aber auch rutschig, sagt Zeynep Bozbay beim Gespräch in der Kantine der Kammerspiele.

Victor schreibt eines Nachts er einfach drauflos und erstellt ein Manifest, in dem er eine Vermögensgrenze von 25 Millionen Euro fordert und davon fantasiert, die weltgrößte staatliche Fondsgesellschaft zu gründen. Durch deren Wirkkraft soll Deutschland zur „finanziellen Supermacht“ werden. Victor mag zudem Schwule, verehrt die Frauen, zeigt sich auch in der Flüchtlingsfrage liberal. Klingt doch alles ganz gut, oder?

„Zuerst dachte ich, dass sei ein rechtes Manifest“, erzählt Zeynep Bozbay. „Dann las ich es nochmal und dachte, es sei links. Dann wurde mir klar, dass er sich von jeder Richtung etwas mopst. Das ist auch das Spannende an Victor: Wir leben in einer Zeit, in der man das Gefühl hat, dass man sich ständig positionieren muss. Er aber positioniert sich gar nicht, sondern nimmt sich einfach von allen Seiten das, was er gerade braucht. Ich wusste davor gar nicht, wie verführerisch Populismus sein kann. Man denkt sich beim Lesen, eigentlich hat er doch Recht, aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass man in die Falle getreten ist. Das ist alles andere als in Ordnung, was er da schreibt.“

Von einer klassenlosen Gesellschaft träumt der Investmentbanker, beziehungsweise davon, dass am Ende seines imaginierten Umsturzes, nur noch eine Schicht gibt. „Make Hochdeutschland Mitteldeutschland again“, sei Victors Motto, meint Bozbay und muss selbst erstmal überlegen, ob sie sich zur Mittelschicht zählt.

Super behütetes Bürgertum

Während sie gerade wegen ihres Namens hin und wieder in die allzu lästige Schublade der Frau mit Migrationshintergrund gesteckt wird, die als gebürtige Berlinerin doch sicherlich aus Berlin-Neukölln oder Kreuzberg kommen muss, wuchs Bozbay als Tochter türkischer Eltern im Ortsteil Steglitz im Südwesten Berlins auf, „super behütetes Bürgertum.“ Über die Sache mit der Migration könne sie stundenlang reden, so Bozbay. „Das ist auch ein Thema, mit dem ich mich viel auseinandersetze, was aber gar nicht von innen kommt, sondern von außen. Die Leute denken, dass ich die Hauptansprechpartnerin für alles bin, was den Orient, die Religion dort, das ganze Spektrum angeht. Mich geht das schon was an, aber mir ist vor allem der Austausch darüber wichtig. Letztlich will ich nicht als Repräsentantin irgendeiner Gruppe wahrgenommen werden, sondern als die Person und die Künstlerin, die ich bin.“

Theater hatte sie schon während ihrer Jugend als große Leidenschaft für sich entdeckt. Als 17-Jährige spielte sie am Deutschen Theater in Berlin in dem Jugendprojekt „Clash“ von Regisseur Nurkan Erpulat mit: „Es ging in dem Stück um den Clash der Kulturen. Zu der Zeit war ,Deutschland schafft sich ab‘ von Thilo Sarrazin aktuell. Wir waren eine junge Berliner Gruppe unterschiedlichster Herkunft und haben uns mit den Thesen des Buchs beschäftigt, mit den ganzen Klischees darin, haben dann gesagt, okay, wir krachen jetzt mal aufeinander und gucken, was dabei herauskommt.“

Von Österreich nach München

Ein Dozent des Salzburger Mozarteums sah Bozbay in der Inszenierung und lud sie ein, nach Salzburg zum Vorsprechen zu kommen. Nachdem sie dort genommen wurde, bewarb sie sich nicht bei anderen Schulen: „Ich dachte mir, wieso soll ich mein Glück noch hinterfragen? Ich habe außerdem gemerkt, dass meine Herkunft in Salzburg kein Thema war. Denen ging es wirklich um mich, denen gefiel, was ich schauspielerisch zu sagen hatte, was ich dachte. Und mir gefiel, was sie dachten.“

Nach vier Jahren Ausbildung hatte sie ihr erstes Engagement am Landestheater in St. Pölten. Auf Einladung einer Kammerspiele-Dramaturgin sprach sie in München vor und traf sich mit Nicolas Stemann, der sie für seine Inszenierung von Elfriede Jelineks „Wut“ als Gast an die Kammerspiele holte. Kurz darauf landete sie im Ensemble und hat seither diverse Rollen gespielt: Mit Benjamin Radjaipour verkörpert sie die Rolle der Tochter in Stemans Inszenierung von „Der Vater“ oder eine heiter-rotzige Lilith in Yael Ronens feministischer Bibelbefragung „#Genesis“.

Total Bockwurst

Dass sie in Stefan Puchers Theateradaption von „Vernon Subutex“ das Mädchen Aïcha und deren Mutter spielte, sei okay gewesen, meint Bozbay. „Aber ich hätte die größtmögliche Distanz zwischen mir und der Rolle interessanter gefunden, so, wie andere ja tatsächlich gegen den Strich besetzt wurden. Aber letztlich war für mich Aïcha eine Rolle wie jede andere. Ob sie ein Kopftuch an hat oder nicht – das sollte total Bockwurst sein. Warum konvertiert so jemand zum Islam, warum ist sie so wütend? Darauf musste ich erstmal eine Antwort finden. Der Trugschluss ist ja, dass es mir leichter fallen soll, so eine Rolle zu spielen.“

Mit Victor verkörpert sie, gemeinsam mit den anderen, Facetten eines deutschen Mannes, der mit seinem populistischen Manifest das Interesse eines muslimischen Freundes weckt: Der Grünen-Politiker Ali Osram setzt Victors Ideen in die Tat um, gründet mit ihm die Deutschland AG, die bald die stärkste Partei Deutschlands wird. Victor, der verkappte Künstler, wird zum Politiker. Und lebt daraufhin gefährlich.

Hat Zeynep Bozbay doch irgendeine Sympathie für ihn? „Es wäre sehr einfach, ihn zu verurteilen. Dabei hat er eine gute Menschenkenntnis, arbeitet sich hochreflexiv und melancholisch an den Dingen ab. Dieses ständige Auseinanderklamüsern ist eine Qualität und ein Klotz am Bein. Seine Wut und Verzweiflung verarbeitet er dann schriftlich. Dass er sich überlegt, was diese Welt mit ihm macht und was er nun mit ihr machen kann – daran kann ich schon anknüpfen.“

 

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