Münchner Kammerspiele Welche Fragen Matthias Lilienthal im Theater stellen will

Matthias Lilienthal (mit Schild) und sein Vorgänger Johan Simons. Foto: dpa

Im Zentrum der Diskurse: Nach "Shabby Shabby" und politischer Erregung beginnt die erste Spielzeit von Matthias Lilienthal mit Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig"

 

An den Schlabber-Look hat man sich schon gewöhnt. An die Berliner Schnauze auch. Aber wie werden die Inszenierungen? Am Freitag beginnt an den Kammerspielen die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Matthias Lilienthal. Als erste Premiere kommt William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ heraus. Regie führt Nicolas Stemann.

AZ: Herr Lilienthal, Sie waren vor der eigentlichen Eröffnung schon mehrmals in der Presse präsent: mit den „Shabby Shabby Apartments“ und der Tagung über „Schlepper-und-Schleuser“, die eine Woche nach der Eröffnung im Rahmen eines Wochenendes zum Thema Flüchtlinge stattfinden wird. Die CSU war allein schon wegen des Titels verärgert. Viel Aufruhr also. Soll es so weiter gehen?

MATTHIAS LILIENTHAL: Nein, ich will überhaupt niemanden verärgern. Ich will alle Menschen lieben und im Gegenzug, dass mich alle Menschen lieben.

Das steht aber im Kontrast zu Ihrer Ansage, auch ein wenig nerven zu wollen.

Ich will niemanden nerven.

War in einem Interview zu lesen.

Muss ein anderer Mensch gewesen sein.

Die Widersprüche gehören also bei Ihnen dazu.

Bei der Schlepper-und-Schleusertagung geht es um diese Bigotterie, dass wir es sind, die die Geflüchteten in die Arme von Schleusern treiben. Wenn man den Syrern und Somaliern und Menschen aus Eritrea andere Angebote machen würde, wie sie hierher kommen könnten, dann würde sich die Schleuser-Frage gar nicht stellen. Es gibt widerliche kriminelle Organisationen, die systematisch Menschenleben aufs Spiel setzen. Es gibt aber auch junge Politkollektive, die den Menschen an der ungarisch-österreichischen oder österreichisch-deutschen Grenze helfen.

Kann das Theater politische Probleme lösen?

Nein, ich halte es nicht mit Herrn Peymann, sondern glaube, dass Theater marginal ist und unser Einfluss extrem begrenzt ist. Auf der anderen Seite finde ich es sehr richtig, diese Fragen zu stellen. Jeder 28-jährige Investment-Banker hat mehr Einfluss auf die Realität als ein Künstler.

Diskussionen über Projekte drängen fast in den Hintergrund, dass es jetzt eine Eröffnung geben wird. Letztendlich wird ein Theater doch an der Qualität seiner Inszenierungen bewertet werden.

Na klar. Für mich ist jedoch auch das Flüchtlings-Wochenende eine Inszenierung. Aber lassen Sie uns doch über den „Kaufmann von Venedig“ reden.

Gerne. „Der Kaufmann von Venedig“ ist ein Titel, mit dem man gleich etwas anfangen kann. Sie kommen damit dem Publikum sozusagen entgegen.

Es gibt auch die Erinnerung an die Aufführung bei Dieter Dorn oder an Fritz Kortner, der den Kaufmann zwar nie gespielt hat, aber in München stark mit der Shylock-Figur verbunden ist. Dieses Theater von Kortner, der sich ganz klar als Gegenspieler gegen Gründgens stellte und eine jüdisch-deutsche Tradition des Blicks auf diesen Stoff begründet hat – das finde ich super.

Jetzt würde man erwarten, dass das Stück zur Eröffnung sicherlich nicht klassisch gespielt wird.

Da Nicolas Stemann unter den sechs Schauspielern nicht mal richtige Rollen besetzt hat, ist die Gefahr, dass die Inszenierung ganz klassisch wird, sehr begrenzt. Von der Textbeziehung ist sie fast werkgetreu, vom Bühnenraum und den Menschen, die das machen, wird eine große Entfernung eingenommen. Der Widerspruch dazwischen, der interessiert uns. Aber die Münchner sind ja schon sehr gut trainiert durch die Simons-Inszenierungen, die werden das blendend bewältigen.

Es war zu lesen, dass sie eher „Performer“ als dramatische Schauspieler an Ihrem Haus brauchen. Was verstehen Sie eigentlich genau darunter?

Bei Nicolas sind das keine Performer, da sind das hauptsächlich ganz klassische Schauspieler. Das ist aber auch ein Unterschied, der schon längst hinfällig geworden ist. Nicolas inszeniert Shakespeare auch so, als wäre es ein Stück von Elfriede Jelinek, und Jelinek schreibt ja keine Rollen mehr. Schauspieler ist erstmal ein Beruf, bei dem man über Verstellung eine fremde Figur auf die Bühne stellt. Ein Performer ist ein Körper, der in einen Raum geworfen ist, und mit diesem Körper passiert etwas. Die klassische Performerin ist ja Marina Abramovic, die sich mit ihrem Freund aus zwei unterschiedlichen Richtungen auf die Wanderung auf der Chinesischen Mauer begibt und schaut, was passiert, wenn sich beide nach tausenden Kilometern wieder begegnen. So schlimm wird es aber bei uns nicht.

Können Sie die Sehnsucht mancher Zuschauer nach dem alten Repräsentationstheater verstehen?

Kann ich schon, aber es funktioniert einfach oft nicht mehr. Ich in meinem Leben wechsle innerhalb von Sekundenbruchteilen mein Verhalten: privat, als Mieter, im Stadtrat, beim Förderverein. Wir leben permanent in extremen Diskontinuitäten, wir sind ein Patchwork von Identitätsmomenten.

Am Bayerischen Staatsschauspiel möchte man durchaus noch klassisches Stadttheater bieten.

Ich finde alles großartig, was Martin Kušej und Christian Stückl an ihren Häusern machen. Bislang gab es drei Regisseurs-Intendanten, jetzt gibt es eben zwei Regisseurs-Intendanten und einen Dramaturgen-Intendanten. Das sind verschiedene Zugriffe, und das ist auch gut so.

Hat es Ihnen jemals in den Fingern gejuckt, selbst Regie zu führen?

Nein. Ich finde es großartig, dass ich anderen Menschen den Rücken freihalte, damit sie arbeiten können. Ich selber kann das gar nicht.

Sie haben unter Frank Baumbauer oder Frank Castorf gearbeitet, zwei Intendanten, die man in München gut kennt, die aber völlig unterschiedlich sind. Was haben Sie von den beiden mitgenommen?

Von Frank Baumbauer habe ich gelernt, wie man ein Theater perfekt organisiert und wie man sich selber im Hintergrund hält. Von Frank Castorf habe ich gelernt, alles umzuquatschen und fast mit einem philosophischen Blick auf so ein Haus zu gucken.

Fühlen Sie sich verantwortlich für eine schlechte Inszenierung an Ihrem Theater?

Wenn eine Inszenierung Scheiße wird, bin ich natürlich mitverantwortlich. Was mich nervt ist, wenn Theater immer mittelgut ist. Ich möchte Risiken eingehen, ich will eine Art von Abenteuer. Ich hoffe bei jeder Inszenierung, dass sie super wird, aber es wird auch vorkommen, dass wir uns gnadenlos auf die Fresse legen. Dafür sind diese hochbezahlten Stadttheater da, dass sie neue Sachen ausprobieren, inhaltlich wie formal.

Man hätte durchaus erwartet, dass sie auch riskanter in die Ensemblestruktur eingreifen. Jetzt sind doch relativ viele Schauspieler geblieben. Und manche Gruppen, die Sie nach München holen, Rimini Protokoll, Gob Squad oder She She Pop, kennt man in der Stadt vom Spielart-Festival.

Ich wollte nie einen radikalen Schnitt machen, sondern finde, dass Frank Baumbauer und Johan Simons tolle Arbeit geleistet haben. Ich versuche nun, die nächsten zwei, drei Schritte zu gehen. Mit She She Pop und Gob Squad unternehmen wir das Experiment, dass wir sie zusammen mit dem Ensemble auf der großen Bühne arbeiten lassen. Wir haben für Rabih Mrouès Projekt „Ode to Joy“ ein mini-libanesisches Ensemble zusammengestellt und probieren das mal aus. Wir versuchen das Theater weiter zu internationalisieren, indem wir eine Brücke nach Tokyo, Beirut und Paris aufbauen.

Bestimmte Linien, die ihre Vorgänger gezogen haben, zum Beispiel die Zusammenarbeiten mit bestimmten Regisseuren, haben Sie aber auch gekappt.

Ich halte bestimmte Regisseure, mit denen Johan Simons gearbeitet hat, für gut, zum Beispiel Andreas Kriegenburg oder Sebastian Nübling. Ich halte es aber auch für notwendig, dass andere Handschriften hier mal sichtbar werden. Ist doch gut, dass Nicolas Stemann für die Stadt München neu ist. Der hat einen großen Weg gemacht, ist ein wunderbarer Regisseur für Jelinek-Texte.

Sie selbst sind neu für München, aber man hat nicht von ungefähr das Gefühl, dass sie schon länger da sind. Seit über einem Jahr sind Sie bei den verschiedensten Podiumsdiskussionen präsent, mischen sich ein, was auch für eine Strategie spricht, sich in die Diskurse der Stadt zu integrieren.

Das ist keine Strategie, so bin ich einfach! Egal, wo ich bin. Ich setzte mich hin, ich arbeite 14 Stunden am Tag, ich kann meine Klappe nicht halten.

Was hat München, was Berlin nicht hat?

Zum Beispiel, wenn es knallheiß ist, dass ich schnell ins kalte Wasser der Isar gehen und ein Bier trinken kann. Und diese Tradition der bayerischen Gasthäuser und Biergärten, in denen die ganze Gesellschaft wild gemischt rumsitzt – das gibt’s in Berlin auch nicht.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahre mit dem Theater?

Es soll ein Theater sein, das in der Mitte aller Diskussion steht und super besucht ist. Das würde mir total Spaß machen.

Sind Sie jetzt sehr nervös vor der Premiere oder tiefenentspannt?

Beides nicht. Es gibt so ein Katastrophenmanagement, das mich zur Hochform auflaufen lässt.

Fragen Sie sich morgens vor dem Spiegel: Mein Gott, was mache ich da eigentlich?

Ich gucke morgens nie in den Spiegel. Mache ich einfach nicht.

Und man kann hoffentlich mehr als fünf Jahre mit Ihnen rechnen?

Ich mache das gerne, solange die Stadt München Lust hat und ich auch.

 

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