Münchner Kammerspiele Mit Slavoj Zizek Delfine retten - und sich mies fühlen

Ein bisschen Western darf bei René Pollesch auch sein: Kristof Van Boven und Sandra Hüller in „Gasoline Bill“. Foto: Lenore Blievernicht

Immerhin, die Musik ist ganz in Ordung: René Pollesch, der Mario Barth für Theaterwissenschaftler, lässt in „Gasoline Bill“ in den Kammerspielen das Publikum an seiner Theorie-Lektüre teilhaben

 

Es war ein Tag wie jeder andere, und Mr. und Mrs. Brainsample waren ein vollkommen gewöhnliches Paar“, lautet der erste Satz. Deshalb werde man sich mit den beiden auch nicht weiter beschäftigen, doch immerhin kommen die Brainsamples aus der wunderbaren Welt von Monty Python's Flying Circus. Oder war es bei Adorno?

Ist doch egal. Obwohl René Pollesch letztes Jahr versprach, „Eure ganz großen Themen sind weg!“, infiziert er das „beste Theater des Jahres 2013“ in diesem Herbst erneut mit Erstickungsanfällen an den ganz großen Themen und Sprechdurchfall.

Ist aber irgendwie egal. Pollesch ist Everybody's Darling in der Stadttheaterintendanten-Szene und der Mario Barth für Theaterwissenschaftler. Seit Anfang dieses Jahrhunderts treibt Barth mit Sprüchen über Frauen, die nicht einparken können, ein Massenpublikum in Ekstase. Ungefähr genauso lange lässt Pollesch seine Jünger teilhaben an seiner Lektüre.

Für „Gasoline Bill“ sollen es nach eigenen Angaben Jacques Lacan und Slavoj Zizek gewesen sein, um dem Widerspruch zwischen Anspruch an sich und tatsächlichem Handeln auf die Spur zu kommen. So kann man, heißt es in dem billig glitzernden Western-Show-Ambiente (Bühne: Bert Neumann) einmal, zwar Delfine retten, und sich trotzdem mies fühlen.

Da aber Pollesch seine postdramatische Zitatencollage aus Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse auftürmt, um sich standpunktlos dahinter verschanzen zu können, ist auch das egal. Einzig seine Haltung zum bürgerlichen Theaterverständnis ist erkennbar. Die teilt er mit Bertolt Brecht, der schon 1922 in den Kammerspielen plakatieren ließ: „Glotzt nicht so romantisch!"

91 Jahre zu spät zu sein, ist dann aber auch egal. Die Empathie des Zuschauers versucht René Pollesch durch Fremdschämen zu ersetzen, wenn er Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens und Kristof Van Boven atemlos durch seinen Textverhau jagt, bis sie auf die Fresse fallen.

Doch das Münchner Publikum der Kammerspiele ist längst abgebrüht genug, um diesem Zirkus begeistert wie Kleinkinder bei der Nachmittagsvorstellung begegnen zu können. Die Musikauswahl, immerhin, ist ganz in Ordnung. Aber das ist sowas von egal.

 

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