Münchner Kammerspiele "Hochdeutschland" in der Kammer 2

Zeynep Bozbay und Julia Windischbauer (li.) auf der großen Schaumparty unter dem Motto „Hochdeutschland“ in der Kammer 2. Foto: Gabriela Neeb

„Hochdeutschland“ nach dem Roman von Alexander Schimmelbusch in der Kammer 2

 

Das politische Programm der Deutschland AG wirkt ausgereifter als die nur im vorsichtigen Konjunktiv formulierten Verstaatlichungsfantasien des Ober-Jusos Kevin Kühnert. Vermögen oberhalb von 25 Millionen wandern in einen Staatsfonds, die German Investment Authority. Sie kontrolliert Schlüssel- und Zukunftsindustrien, wird zum größten Akteur auf allen globalen Märkten und zwingt Chinesen wie US-Amerikaner mit der Macht des deutschen Mittelstands und einem Vermögen von 50 Billionen Weltmark in die Knie.

Vorerst existiert dieses politische Programm nur im Roman „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Explizite Sexszenen und ein Ali Osman als Nachfolger von Angela Merkel haben dem Autor das Etikett eines „deutschen Houellebecq“ eingebracht. Weil die Kammerspiele unter Matthias Lilienthal sich schon an einem Roman des Franzosen verhoben haben, versuchen sie es nun in der Kammer 2 mit Schimmelbusch – als Hörbuch auf einer Schaumparty.

Das ist ein aus den ersten Seiten des Romans abgeleitetes Bild. Die Hauptfigur, ein an innerer Leere leidender Investmentbanker, bewohnt ein Haus, das am Abhang des Taunus über dem Frankfurter Hochnebel thront. Mit heißer, feuchter Luft verwandt mag man auch eine politische Vision nennen, die mit der nostalgischen Sehnsucht nach materieller Homogenität und der diffusen Wut auf die etablierten Parteien spielt.

Niederlage für die Playmobilnazis

Aber das weiß der Autor des Romans selbst, und das ist auch der Reiz des Romans. Die CDU wird bei Schimmelbusch aus Angst vor Neuwahlen zum Seniorpartner der „Weißen“. Sozialdemokraten und andere Linke pulverisiert die Rhetorik radikaler Chanchengerechtigkeit. Weil Migranten schon in Nordafrika ein unternehmenstypisches Bewerbungsverfahren durchlaufen, bleiben die „Playmobilnazis“ unter der Fünf-Prozent-Hürde. Die FDP hebt sich der Roman für die finale Pointe auf.

Nun ist eine Schaumparty, bei der man als Zuschauer nicht mitmachen darf, die wohl spießigste Schrumpf-Form der guten alten Orgie. Die weißen Bläschen setzen den vier Darstellern auch nicht den geringsten performativen Widerstand entgegen.

In McKinseys Optionsräumen

Zeynep Bozbay schafft es, hin und wieder eine sprachliche Nuance anzubringen. Die übrigen Darsteller sagen den um Erotica und metaliterarische Diskurse erleichterten Roman mehr (Julia Windischbauer, Jannik Mioducki) oder weniger (Abdoul Kader Traoré) verständlich auf. Die Rezitation des politischen Programms begleitet der Vortrag sehr deutscher Hintergrunds-Klaviermusik irgendwo zwischen dem späten Beethoven und Ferruccio Busoni durch Sachiko Hara hinter dem Schaumbad. Einen Kommentar, etwas einer Meinung Ähnliches oder gar eine Haltung spart sich die Inszenierung von Kevin Barz.

Sie arbeitet sich kreuzbrav am Text entlang, ohne die etwas krause Mischung aus halbernstem Manifest und etwas beliebiger Handlung in Schimmelbuschs Roman neu zu sortieren. Der Abend hält sich an das von McKinsey & Company entlehnte Leitbild: Es gehe nicht darum, fertige Rezepte zu liefern, sondern um die Skizzierung von „Optionsräumen“.

Besser das Buch lesen

Dafür reicht es allerdings völlig aus, Schimmelbuschs Roman zu lesen. Ins Theater muss man sich dafür nicht bemühen, zumal der pausenlose Abend von 100 Minuten gegenüber der Lektüre von etwa 200 Seiten keine relevante Zeitersparnis darstellt und das Buch sogar fünf Euro billiger kommt.

Dass Regisseure in den Kammerspielen allerdings mit den Ideen von Unternehmensberatern fraternisieren, überrascht dann doch.

Wieder heute und am 29. Mai, 27. und 28. Juni, 20 Uhr in der Kammer 2, Karten online oder unter Telefon 233 966 00

 

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