Münchner Kammerspiele Christopher Rüping und Nicolas Stemann im Interview

Nicolas Stemann und Christopher Rüping. Foto: Sima Dehgani/Andreas Brüggmann

Heftig ist in den letzten Monaten über die Ausrichtung der Kammerspiele unter Matthias Lilienthal diskutiert worden – im AZ-Interview äußern sich die beiden Hausregisseure Christopher Rüping und Nicolas Stemann zu ihren Konzepten und neuen Premieren

Die Debatte um die Kammerspiele hat sich ein wenig beruhigt. Keine Premieren stehen momentan an, erst im Januar geht es weiter mit Nicolas Stemanns Inszenierung von Tschechows „Der Kirschgarten“ in der Kammer 1 und Christopher Rüpings Sicht auf „Hamlet“ in der Kammer 2. Stemann und Rüping sind Hausregisseure der Kammerspiele unter Matthias Lilienthal. Zwischen den Proben finden sie Zeit für ein Gespräch über die Situation an den Kammerspielen, ihre Vorstellungen von Theater und Schauspiel und über ihre neuen Produktionen.

AZ: Herr Stemann, Herr Rüping, wie sehen Sie die Diskussion um die Kammerspiele?
NICOLAS STEMANN: Ich muss sagen: Das, was ich hier am Haus, während der letzten Spielzeit und jetzt bei den Proben zum „Kirschgarten“ erlebe, hat wirklich nichts zu tun mit dem, was in der Presse verhandelt wird. Der Zustand hier am Haus und die Debatte klaffen weit auseinander. Ich habe in der letzten Spielzeit eine sehr schöne Zeit gehabt und fand, dass die Stimmung im Ensemble im Vergleich zu anderen Stadttheaterensembles gut war. Die Neugierde und die Aufbruchsstimmung waren auf allen Seiten sehr groß – und sind es noch immer.

CHRISTOPHER RÜPING: Ich empfinde die Stimmung im Ensemble ähnlich wie Nicolas. Ich habe in der letzten Spielzeit Dostojewskis „Spieler“ inszeniert – einen Abend, an dem sich elf sehr unterschiedliche Menschen die Bühne teilen, die sich erst einmal kennenlernen mussten, übrigens unabhängig davon, ob sie sich aus dem Ensemble schon vorher kannten oder gerade erst in München angekommen waren. Das ging logischerweise nicht ganz reibungslos ab: Es war eine erste Begegnung, untereinander und mit mir, wir mussten in diesem Raum eine gemeinsame Sprache entwickeln. Ich glaube aber, dass genau diese Reibung zur Theaterarbeit gehört.

Ein Teil des Publikums scheint aber unzufrieden zu sein. Bekommen Sie direkte Reaktionen mit?
CHRISTOPHER RÜPING: Ich erhalte von Zeit zu Zeit Briefe, die teils erbost sind. Ich denke, hauptsächlich geht es sowohl für uns als auch für das Publikum darum, ein Vokabular zu finden, das zutreffend beschreibt, was hier passiert. Allgemeinplätze wie „Wir wollen Schauspieler und keine Performer!“ oder „Wir wollen mehr Sprechtheater!“ halte ich für unzureichend. Zum Beispiel war das meiste, was ich an den Kammerspielen gesehen habe, Sprechtheater: Das Sprechen war in fast allen Fällen die zentrale Darstellungsform auf der Bühne. Natürlich hat das Publikum der Münchner Kammerspiele durchaus einen Zugang zu Spielweisen jenseits der mimetischen Darstellung von Klassikertexten, denn das war schon Teil des Programms, lange bevor Matthias Lilienthal hier angefangen hat.

Die Ära Lilienthal begann mit dem „Kaufmann von Venedig“. In Ihrer Inszenierung, Herr Stemann, werden die Darsteller mit dem Text auf Bildschirmen konfrontiert. Die Spieler probieren den Text, die Rollen aus, haben Distanz zum Stück, nähern sich an.
NICOLAS STEMANN: Und das ist eine Inszenierungsstrategie, die es schon sehr lange gibt, auch in meiner Arbeit. Das hat viel mit Brecht zu tun, dessen „Glotzt nicht so romantisch“-Schilder ja vor bald hundert Jahren genau hier in den Kammerspielen hingen: Dass man nicht nur den Schauspieler sieht, der in seiner Rolle aufgeht, sondern immer auch den Schauspieler, der sich ins Verhältnis zu dieser Rolle setzt. Beim „Kaufmann“ kommt dazu, dass nicht jeder die gleiche Figur spielt, dass es tatsächlich erstmal einen Text gibt und man ein Ensemble sieht, das sich ziemlich stur an einem Stück entlang hangelt. Was die Kollegen auf der Bühne aber dabei machen, ist natürlich nicht Performance – es schießt sich ja keiner in den Arm oder so – sondern Schauspiel. Aber es ist eine Spielweise, die sich nicht in dem Eins-Werden des Spielers mit der Rolle erschöpft. Dadurch wird es möglich, das Stück gleichzeitig herzustellen wie zu thematisieren, auch zu problematisieren. Das erfordert nicht nur großes schauspielerisches Können sondern ist einem Stück mit einer so problematischen Rezeptionsgeschichte mehr als angemessen.

Wie ist das jetzt beim „Kirschgarten“?
NICOLAS STEMANN: Interessanterweise – und dazu habe ich mich jetzt nicht aufgrund dieser Debatte entschieden – spielen die zwölf Schauspieler jeweils eine Figur. Dies mag erst mal ganz normal klingen – für mich ist das aber etwas völlig Neues! Es geschieht allerdings aus dem gleichen Grund, aus dem ich es bisher nicht gemacht habe: um Identitäten und deren Konstruktion zu thematisieren, es ist also eine konsequente Fortführung meiner bisherigen Arbeit. Es spielen die unterschiedlichsten Schauspieler mit, von Brigitte Hobmeier bis Damien Rebgetz, von Peter Brombacher bis Samouil Stoyanov, von Hassan Akkouch bis Ilse Ritter – Legenden des deutschen Sprechtheaters stehen neben Schauspielern, die einen Akzent haben oder noch auf der Schauspielschule sind. Sie haben alle einen unterschiedlichen Zugang zum Text, zu ihrer Rolle. Was für mich ganz viel mit Tschechow zu tun hat, aber auch mit unserer Gegenwart: Das sind 12 Menschen, die zwar im gleichen Raum stehen, aber psychologisch in verschiedenen Räumen, mit verschiedenen Hintergründen und Spielweisen. Die Diversität des Ensembles erzählt von einer Utopie, die im Theater, im Rahmen dieser Inszenierung möglich ist, in der Erzählung des Stückes aber offensichtlich nicht. Genau da liegt die Kraft des Theaters.

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Was ist denn nun eigentlich der Unterschied zwischen Schauspieler und Performer?
CHRISTOPHER RÜPING: Die gängige Definition würde wahrscheinlich so ähnlich lauten wie: Ein Schauspieler ist jemand, der sich auf der Bühne verwandelt, und ein Performer ist jemand, der auf der Bühne er selbst bleibt. Mir scheint diese Unterscheidung allerdings viel zu schematisch, insbesondere an einem Ort wie den Kammerspielen mit seinen Schauspielerpersönlichkeiten. Beides mischt sich immer: Jemand kommt auf die Bühne, ist er selbst und setzt sich ins Verhältnis zu einer Figur, zu einem Text.

Im „Spieler“ blieben die Darsteller als Schauspielerpersönlichkeiten sehr präsent.
CHRISTOPHER RÜPING: Ja, weil Schauspieler wie Thomas Schmauser, Anna Drexler und Gundars Āboliņš eben auch immer ihre eigene Realität auf die Bühne mitbringen. Die Idee vom Schauspieler als Verwandlungskünstler, der die Bühne stets wie ein unbeschriebenes weißes Blatt betritt – das ist eine rein theoretische und darüber hinaus sehr bizarre Konstruktion.

Wie gehen Sie nun im „Hamlet“ vor?
CHRISTOPHER RÜPING: Quasi als Gegenprogramm zum „Kirschgarten“ inszeniere ich „Hamlet“ mit nur drei  Schauspielern: Walter Hess, Katja Bürkle und Nils Kahnwald. Zudem steht Christoph Hart als Live-Musiker auf der Bühne. Diese vier Menschen sind die Überlebenden des Blutbads, das Hamlet angerichtet hat, die übrigen Plätze an der königlichen Festtagstafel bleiben leer, „der Rest ist Schweigen“. Die Vier bekommen den Auftrag, der Nachwelt „Hamlet“ zu erzählen – so lautet bei Shakespeare der Auftrag des sterbenden Hamlets an seinen Chronisten Horatio: Erzähl meine Geschichte.

Sie experimentieren beide also weiterhin mit Ästhetiken, wie es auch den Intendanten interessiert. 
NICOLAS STEMANN: Als bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal Intendant an den Kammerspielen wird, ging eine Welle der Erleichterung durch die Theaterwelt: endlich! Endlich entsteht ein Ort, an dem das Stadttheater weitergedacht werden kann – was Ästhetiken angeht, aber auch strukturell. Das ist nämlich dringend nötig, gerade um dieses System zu erhalten. Ich könnte an fast jedem größeren Theater im deutschsprachigen Raum arbeiten – ich habe mich aber dafür entschieden, mich als fester Hausregisseur diesem Theater zu verschreiben. Man darf ja nicht vergessen, dass die herkömmlichen Stadttheater nicht unbedingt eine Insel der Glückseligen sind. Das fängt mit der Weisungsgebundenheit der Schauspieler an, die zu einem Gefühl struktureller Entfremdung führt, zu dem Gefühl, ausgebeutet und überfordert zu sein. Und endet mit einer fabrikartigen Produktionsweise, meist noch in Form von fast schon panischer Überproduktion, die den einzelnen Künstlern und ihrer Arbeit nicht gerecht wird.

Was ist die Alternative?
NICOLAS STEMANN:  Ähnlich wie Matthias Lilienthal kenne ich beide Systeme ganz gut – ich habe den größten Teil meines künstlerischen Lebens in Stadttheater-Zusammenhängen verbracht, aber ich kenne auch die Arbeit in der freien Szene oder im internationalen Kontext, zum Beispiel in Frankreich. Ich habe im Sommer etwa in Lausanne gearbeitet – eine französisch-belgisch-italienisch-schweizer Koproduktion. Das war eine glänzend gelaunte Produktion, weil das alles Leute waren, die sich ausdrücklich für diese Produktion entschieden hatten. Niemand wurde einfach von einer höheren Instanz 'besetzt'.

Das heißt, die Ensemblestrukturen müssten sich ändern?
NICOLAS STEMANN: Dieses Thema ist sehr heikel. Natürlich hat das Ensemble- und Repertoire-Theater große Vorteile, und es gibt Leute, die die künstlerisch notwendige Debatte um eine Reform der Stadttheater missbrauchen wollen, um Dinge auf ungute Art kaputtzusparen. Denen darf man das Feld nicht überlassen. In der Kombination der beiden Systeme liegt die Herausforderung, und die wird in den Kammerspielen erstmals angegangen.

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Viele Inszenierungen der Kammerspiele sind ausgerichtet auf aktuelle politische Themen, zum Beispiel Migration. Ist das Theater dafür wirklich der richtige Ort?
NICOLAS STEMANN: Wer so fragt, hat ein eskapistische Kunstverständnis: der will im Theater vor der Realität in eine Traumwelt fliehen. Es ist doch viel interessanter, dass das Theater sich dem, was gerade passiert, aussetzt und künstlerisch darauf reagiert. Wir haben es gerade mit einer Welt zu tun, in der das Selbstverständnis, welche Rolle man als Mensch in der Welt spielt, in Bewegung ist. „Der Kirschgarten“ oder „Hamlet“ bieten die Chance zu zeigen, was es heißt, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen und was es heißt, dass auf einmal diese Rollenbilder ins Wanken geraten. Bei Tschechow ist die Welt der Kirschgärten am Untergehen. Und was passiert? Die Menschen krallen sich an ihren Rollen, am Althergebrachten fest. Einige Zuschauer reagieren vielleicht ähnlich auf solche Veränderungen. Und wollen dann, dass wenigstens im Theater die Welt noch in Ordnung ist. Ich finde es wichtiger, dass man hier einen Raum hat, in dem diese Umbrüche ausagiert werden, auf eine spielerische Weise.

CHRISTOPHER RÜPING: Theater versucht immer auf die Realität zu reagieren, wenn es sie nicht sogar mitgestalten will. Eine Welt, die sich nach Radikalen sehnt und in der Radikalisierung wieder gesellschaftsfähig wird, wirft für mich ein gänzliches anderes Licht auf eine Figur wie Hamlet, der mir in meiner Schulzeit als sanfter Zögerer vorgestellt wurde. Hamlets Gefühl, auserwählt zu sein, sein Anspruch auf Gehorsam, sein Beharren auf der eigenen Außenseiterposition – all das macht ihn für mich zu einem Täter und eben nicht zu einem Opfer der Umstände. Er wird dadurch zu einer Figur unserer Zeit. Auch als Institution reagiert das Theater immer auf die es umgebende Realität. Hier an den Kammerspielen drückt sich das zum Beispiel in dem Versuch aus, ein Ensemble zu schaffen, das so divers und aufregend ist wie die Stadt München und das eine Wirklichkeit spiegelt, wie sie sich München eigentlich nur wünschen kann.

 

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