Münchner Kammerspiele „8½ Milionen“ nach dem Roman von Tom McCarthy

8½ Milionen Pfund hat der Namenlose (Franz Rogowski, Mitte) erhalten, nachdem ihm etwas auf den Kopf fiel. Jetzt trägt er einen Helm. Foto: Julian Baumann

Kammerspiele: „8½ Milionen“ ist lang, langsam und irgendwie cool, verfehlt am Ende aber den Kern des Stoffs

 

Ihm ist etwas auf den Kopf gefallen. „Technologie. Teile, Bruchstücke“ waren es. Mehr ist über den Unfall nicht zu erfahren und auch der Name des Opfers bleibt ungenannt. Dafür ist er Held einer irren Geschichte. Ihm wird eine auch als Schweigegeld gemeinte Entschädigung in der sagenhaften Höhe von achteinhalb Millionen Pfund gezahlt. Doch nach der langen Therapie, um die früheren geistigen wie körperlichen Fähigkeiten zurück zu gewinnen, fühlt er sich nicht mehr als er selbst, sondern als sein eigenes Recyclingprodukt. Das Geld investiert er in den Kauf eines ganzen Londoner Straßenzugs, um mit einem Riesenensemble sein voriges Leben bis hin zum Duft gebratener Leber im Treppenhaus wieder lebendig zu machen.

Es geht ihm nicht darum, „real zu sein, sondern zu sein“, nicht um eine Rekonstruktion, sondern um die perfekte Simulation. Zudem soll die Konstruktion des Authentischen funktionieren wie eine Videokassette, die man hin- und herspulen kann. Das geht, man ahnt es früh, nicht gut aus. Wie ein Junkie braucht er höhere Dosen seines „Nachspielens“ bis hin zu einem Banküberfall, bei dem einer der Darsteller, der gar nicht wusste, die Figur einer Simulation zu sein, ganz real erschossen wird.

„Theater ist kein Ort für Nachspieler“ weist der Protagonist einmal einen seiner Mitwirkenden zurecht, der sich künstlerische Freiheiten leistete. Trotzdem wagte es der Regisseur Alexander Giesche für die Kammerspiele, aus „8½ Milionen“, dem 2005 erschienenen und bald auf die Bestsellerlisten katapultierten Debütroman des Briten Tom McCarthy, einen langen und sehr langsamen Theaterabend zu machen. Schon vor fast 40 Jahren hatte der französische Philosoph Jean Baudrillard gemutmaßt, dass wir zunehmend in einer Simulation der Realität leben.

Die große Entschleunigung

Das Kino diskutierte den Stoff später in Thrillern wie „Matrix“. Die Filmtrilogie der Wachowski-Geschwister setzt auf Überwältigung durch Geschwindigkeit und mächtige Bilderfluten. Alexander Giesche hingegen ließ sich von Ausstatterin Nadia Fistarol eine karge und gleißend weiße Drehbühne in die Kammer 2 bauen, die von den Schauspielern selbst in aufreizend allmähliche Rotation gebracht wird.

Die Entschleunigung leisten Franz Rogowski als der große Simulator und fünf weitere Mitspieler in allen anderen Rollen. Das „unechte“ Körperempfinden des Unfallverletzten überträgt sich auf alles in seiner Umgebung und hinein in die geduckte Sprechhaltung.

Dieses reduzierte schauspielerische Programm ist, irgendwie jedenfalls, richtig cool, aber Coolness ist nicht abendfüllend und führt hier zum völligen Stillstand. Dagegen wehrt sich die Story, und um den Ich-Erzähler auf Dauer interessant zu halten, muss er lispeln.

Der Showdown um den Bankraub ist dafür in bewegten Bildern und in Farbe. Auf die Projektionsfläche, auf der zu Anfang München-Impressionen aus der Sicht des Helden zu sehen waren, tobt Action im Stile von „Grand Theft Auto“. In die Szenerie ist Rogowskis Comic-Ego eingebaut, was technologisch begeisternd gelang.

Aber die Videospiel-Ästhetik ist genau das, was McCarthys Protagonisten für sein Simulationsprojekt überhaupt nicht gebrauchen kann. Sehr lässig ballert der Theatermacher am Anlass, diese Geschichte auf der Bühne zu erzählen, vorbei.
   
Münchner Kammerspiele (Kammer 2), wieder am 9., 10., 30. November, 20 Uhr, 9., 10., 30. Dezember, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 23396600

 

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