Münchner Biennale für Neues Musiktheater Die Performance „Mnemo/scene: Echos“ im Einstein

Auf der Suche nach der Form: Zwei Musiker in der Performance „Mnemo/scene: Echos“ im Einstein. Foto: Franz Kimmel

Münchener Biennale: Die Performance „Mnemo/scene: Echos“ im Einstein und ein theaterfreies Nachtprogramm

 

Am Fenster ich einsam stand und hörte aus weiter Ferne ein Posthorn im stillen Land“, heißt es bei Eichendorff. Im Einstein-Kultur zitieren ein paar Musiker hinter einer spanischen Wand ein hornbetontes Fragment aus dem mittleren 19. Jahrhundert. Und schon ist es da, das romantische Gefühl, die Sehnsucht nach der Unendlichkeit.

Performances der Bildenden Kunst zitieren klassische Gemälde. Warum sollte eine musikalische Performance nicht die ureigene Tradition reflektieren? Und so legen Pauline Beaulieu und Stephanie Haensler bei „Mnemo/scene: Echos“ von im Einstein-Kultur ein Stück von Robert Schumann auf das Klavier.

Der Boden eines Raumes ist mit Kieselsteinen bedeckt. In einem anderen hängen Fragmente gipserner Masken. In einem dritten Raum kann man auf mit Bällen gefüllten Säcken ruhen, während eine Tänzerin mit Bändern kämpft und eine Stimme von Gärten raunt. Irgendwo ticken Metronome. Und ganz hinten schreibt eine nervöse androgyne Person (Sylvana Krappatsch) Worte mit Speiseöl auf Blätter und hängt sie an die Wand.

Im Zentrum der etwa einstündigen Performance steht ein mäßig aufregendes Ensemble-Stück von Stephanie Haensler. Es wiederholt das romantische Zitat aus dem Eingangsraum. Seltsamerweise drängten sich bei der Premiere die meisten Hörer im überakustischen Mittelraum bei den Musikern, obwohl das Stück als ferner Klang erheblich mehr Wirkung entfaltete.

„Mnemo/scene: Echos“ spielt das Thema „Erinnerung“ auf ziemlich vordergründige und banale Weise durch: Stimmen raunen vom Garten, und in einem Nebenraum wird mit zerfließenden Worten aus Sand das berühmte Foucault-Zitat aus „Die Ordnung der Dinge“ nachgestellt. Man chillt ein wenig und vergisst den Abend schnell wieder.

Performances sind eine offene Angelegenheit – bis zur hier leicht spürbaren Beliebigkeit. Es muss sich nicht jedes Mal Chris Burden in den Arm schießen, Marina Abramovic hungern oder Joseph Beuys mit einem Kojoten übernachten. Aber wer diese Form wählt, sollte dem Zuschauer emotional oder intellektuell schon ein wenig mehr auf das Gemüt rücken als ein Lyrikband mit Goldschnitt.

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Die gewiss komplett spießige Formfrage stellt sich auch beim Nachtprogramm „Sez Ner“ und „Pub-Reklamen“ in der Black Box. Wir stellen sie trotzdem.

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Man hört Arno Camenisch gern zu, wenn er auf Rätoromanisch und Deutsch kauzige Texte über Sennen vorträgt. Dann singt die Stimmvirtuosin Donatienne Michel-Dansac dadaistisch angehauchte Reklame-Vertonungen von Georges Aphergis vor. Wir reiben uns die Augen und fragen uns: Wo sind wir? Wirklich auf der Biennale für Neues Musiktheater? Eine Lesung ist weder Musik noch Theater. Der 1945 in Athen geborene Aphergis komponiert immerhin Musik. Aber was ist neu?

„Sez Ner“ und „Pub-Reklamen“ war bis gestern zu sehen; „Mnemo/scene: Echos“ am 4. und 5.6., 16 und 20 Uhr, 6. bis 8.6., 18 Uhr, Karten unter Telefon 5481 8181

 

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