München Rächer im Amigosumpf: Wilhelm Schlötterer und sein Buch

Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber Foto: dpa

Die Ära Strauß dauert an und Stoiber ist nur noch geduldet: Die CSU-Basis feiert den einstigen Spitzenbeamten Wilhelm Schlötterer für sein Buch – doch die Parteispitze schweigt es eisern tot.

 

Sein Buch „Macht und Missbrauch“ (Fackelträger Verlag, 22,95 Euro) hat sich binnen eines Jahres 52 000 Mal verkauft: Wilhelm Schlötterer ist der Rächer der CSU-Basis. Er beschreibt die Machenschaften von Strauß, Stoiber und Huber. Etwa wie Beckenbauer oder Zwick Steuern erlassen wurden und wie er, der Widerstand leistende Spitzenbeamte im Finanzministerium, mundtot gemacht werden sollte. Schlötterer (70) ist seit 35 Jahren CSU-Mitglied und tourt mit Lesungen durchs Land. Heute liest er um 19 Uhr in der Pasinger Fabrik.

AZ: Herr Schlötterer, kürzlich haben die Strauß-Kinder gegen Sie Strafantrag wegen Verleumdung und Verletzung des Steuergeheimnisses gestellt. Wieso?

WILHELM SCHLÖTTERER: Der Strafantrag betrifft Dinge, die ich so weder gesagt noch geschrieben habe. Als das Buch auf dem Markt kam, wurde ich von den Strauß-Nachkommen als fleißiger, aber dummer Beamter tituliert. Doch mein Buch wurde vor seinem Erscheinen juristisch geprüft.

Darin stellen Sie Strauß als skrupellos, verlogen und gierig dar. Stoiber machte Amigo-Urlaub, Huber hat auf Staatskosten studiert, die Politiker nutzen Finanz- und Justizministerium nach Gutsherrenart für ihre Zwecke...

Keiner der noch Lebenden sonst hat einen Strafantrag gestellt. Kein Ministerium, auch die Staatskanzlei nicht. Es gab nicht einmal ein Dementi. Das lässt den Schluss zu, dass gegen diese Tatsachen rechtlich nichts einzuwenden ist.

Auf dem Nockherberg hat Bruder Barnabas ihr Buch an Horst Seehofer überreicht...

Und als Barnabas fragte, ob auch alle den Schlötterer gelesen haben, nickte Finanzminister Fahrenschon...

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Von mir hat man Handlungen verlangt, die gesetzeswidrig waren. Rechtsstaatliche Verhältnisse sind jedoch das Fundament allen Regierens. Mangelt es an ihnen, geht das zu Lasten der Bürger – und andere profitieren.

Wer sind Ihre Fans?

In den Lesungen sind viele CSU-Mandatsträger, Stadträte, ehemalige Bürgermeister. Viele CSU-Wähler und -Mitglieder melden sich und bedanken sich für das Buch. Ich hätte ihnen die Augen geöffnet. Aber ich greife nicht die CSU an, sondern eine Handvoll Spitzenpolitiker.

Sie sagen, in der Partei muss sich einiges ändern...

Ich verlange, dass Edmund Stoiber nicht mehr weiter Ehrenvorsitzender sein darf. Dafür ernte ich immer Applaus, auch in Wolfratshausen gab es Beifall. Er hat Karrieren vernichtet, etwa die von Erich Riedl und Alfred Sauter. Die Zeit der blinden Gefolgschaft ist vorbei. Die Basis wird selbstbewusst. Die Werteskala der Parteispitze muss sich ändern.

Was muss die CSU denn noch aufarbeiten?

Wenn etwa Schatzmeister Wolfgang Pohle 1970 beklagt: ,Die Beträge, die an den Landesvorsitzenden gehen, sind im Allgemeinen nur mit Schwierigkeiten herauszubekommen, wenn überhaupt.’ – ,Wenn überhaupt’ heißt, dass Strauß Parteigelder für sich behalten hat. Das aber wird bis heute totgeschwiegen.

Wie reagieren hochrangige CSU-Politiker auf Ihr Buch?

Das Buch wird totgeschwiegen. Aber es gibt auch hochrangige CSU-Politiker, die auf meiner Seite stehen. Ein früherer, hoch angesehener Minister schrieb an den Verlag ,Das Buch ist notwendig und wichtig.' Ein anderes früheres Kabinettsmitglied erklärte mir: ,Ich bin Ihr Mitstreiter.’

Haben Sie noch eine Kiste mit brisantem Material?

Kein Kommentar.

Wirken die Strukturen des Machtmissbrauches und der Rechtsbeugung noch heute?

Ich habe bisher keinen Hinweis darauf, dass sich Wesentliches geändert hat. Aber ich hoffe auf eine Umkehr. Solange sie aussteht, mache ich weiter. Int.: Katharina Rieger

 

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